Ärzte Zeitung, 13.07.2015

Chronikerpauschale

Ärzte prangern KV an

Rund zwölf Millionen Euro fordern die Kassen von Nordrheins Hausärzten und Internisten zurück. Grund sind angebliche Fehler bei der Abrechnung der früheren Chronikerpauschale. Von Ärtzteseite hagelt es Kritik.

Von Ilse Schlingensiepen

Ärzte prangern KV an

Die Chronikerbetreuung im EBM ist in den vergangenen Jahren mehrmals geändert worden.

© Alexander Raths / Fotolia.com

KÖLN. Die Stimmung der Hausärzte in Nordrhein (KVNo) nähert sich dem Tiefpunkt. Der größte Teil von ihnen muss wegen angeblicher Fehler bei der Abrechnung der ehemaligen Chronikerpauschale Honorare zurückzahlen.

Dabei geht es in manchen Fällen um fünfstellige Summen. "Solche Aktionen sorgen für Freude im Vertragsarztleben", lautet der zynische Kommentar eines Allgemeinmediziners.

Die Gebührenordnungsposition (GOP) 03212 für die Behandlung von Patienten mit schwerwiegenden chronischen Erkrankungen galt bis Ende des dritten Quartals 2013.

Dann wurde sie von den Chroniker-Zuschlägen 03220 und 03221 abgelöst. Die Abrechnung war an Bedingungen geknüpft. Dazu zählte vor allem die Tatsache, dass der Patient in den zurückliegenden drei Quartalen aktiv ärztlich betreut worden war.

Kassenzweifel an Vorkontakten

Nach Einschätzung der nordrheinischen Krankenkassen hatte der notwendige Vorkontakt aber längst nicht in allen Fällen stattgefunden. Sie seien deshalb auf die KVNo zugekommen, sagt KV-Justiziar Dr. Horst Bartels der "Ärzte Zeitung".

"Die Krankenkassen haben darauf insistiert, dass wir das prüfen." Ergebnis: Die notwendige Zahl der Vorkontakte lässt sich nicht immer belegen.

Das heiße aber nicht, dass es die Kontakte nicht gegeben habe, betont Bartels. "Sie können auch bei einem anderen Arzt oder in einem Krankenhaus stattgefunden haben."

Das lasse sich anhand der Abrechnungsunterlagen aber nicht feststellen. Deshalb habe sich die KVNo mit den Kassen darauf verständigt, nicht die volle in Frage stehende Summe von den betroffenen Ärzten zurückzufordern, sondern 60 Prozent.

Dennoch bleibt genug übrig. Insgesamt beträgt das Rückfordervolumen stolze 11,9 Millionen Euro. Die Spanne reicht im Einzelfall von 30 Euro bis über 22 700 Euro. Das Geld wird in drei Raten von den Honorarzahlungen der Ärzte abgezogen. Betroffen sind insgesamt 4400 hausärztliche Internisten und Allgemeinmediziner.

Bartels kann die Empörung der Hausärzte verstehen - bei der KVNo laufen die Telefone heiß. "Wir hätten es uns anders gewünscht, aber die Kassen haben insistiert", sagt er.

Ärger auch in anderen KVen?

Es sei bekannt, dass die Handhabung der GOP schwierig war, auch in anderen KVen habe es deswegen schon Ärger gegeben. "Zum Teil laufen auch Verfahren vor den Sozialgerichten."

Der Hausärzteverband Nordrhein wird seinen Mitgliedern empfehlen, gegen die Aufhebungs- und Rückforderungsbescheide formal Widerspruch einzulegen, kündigt dessen Vorsitzender Dr. Dirk Mecking an.

"Der Bescheid ist für uns Ärzte nicht nachvollziehbar und nicht nachprüfbar". Man erfahre zwar die zurückgeforderte Summe, nicht aber, um welche Patienten und welche Krankenkassen es gehe. Mecking: "Ich müsste das in meinen Unterlagen nachprüfen können."

Mecking findet es aberwitzig, dass die Kassen von den Hausärzten eine lückenlose Überprüfung der Kontakte in den Vorquartalen verlangen. "Die Krankenkassen handhaben das bei der Befreiung von der Zuzahlung ja auch eher großzügig."

Ein Patient könne während des Urlaubs beim Vertreter gewesen sein. Ein Arzt werde wohl kaum seine Kollegen kontaktieren, um herauszufinden, ob ein neuer Patient tatsächlich bei ihnen in Behandlung war. "Das sind Dinge, die nichts mit dem ärztlichen Alltag zu tun haben", kritisiert der Duisburger Hausarzt.

Heikle Widerspruchsfrist

Dass die Ärzte, die sich um die gute Versorgung der chronisch Kranken bemüht haben, jetzt Honorar zurückzahlen sollen, sei versorgungspolitisch eine Katastrophe.

Außer den Kollegen, die nur dem Namen nach als Hausärzte tätig, aber eigentlich auf ganz andere Dinge spezialisiert sind, seien alle von der Rückforderung betroffen. "Jeder Hausarzt, der irgendetwas mit Versorgung zu tun hat, ist dabei", betont Mecking.

Was ihn besonders ärgert ist die Tatsache, dass die Schreiben der KVNo in den Sommerferien bei den Ärzten eintreffen. "Mancher verpasst jetzt vielleicht die Widerspruchsfrist."

[13.07.2015, 16:38:56]
Dr. Christoph Schay 
Unverständnis
das ZI berechnet eine weiterhin gültige Unterfinanzierung des GKV System von 30%. Eine Honorarerhöhung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte muß immer mit einer Verbesserung der Leistungen einhergehen, während die Gehalterhöhungen der GKV Mitarbeiter an keine Bedingungen geknüpft sind. Die KV in der Zwickmühle als Körperschaft des öffentlichen Rechtes entfernt sich in den Fällen der ungerechtfertigten Honorarrückforderungen immer weiter von den Ärztinnen und Ärzten, die Zwangsmitglieder sind. Die tägliche Arbeit mit multimorbiden und chronisch erkrankten Menschen ist mehr als nur ein Verwaltungsakt, er erfordert Hingabe an einen schönen Beruf.
Die Rückforderung, bei gewollter Unklarheit der Begriffe ist eine Schande für GKV und KV. zum Beitrag »
[13.07.2015, 09:25:22]
Dr. Henning Fischer 
wenn ich gegen die KV-Abrechnung nicht innerhalb von 4 Wochen Widerspruch einlege, geht nichts mehr

und die Kassen können noch jahrelang bemängeln?

Ist das korrekt?
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »