Ärzte Zeitung, 07.12.2015

Nach der Masernwelle

Fachfremdes Impfen in Berlin vor dem Aus

Die Regelung in der KV Berlin, wonach Kinder- und Frauenärzte während der Masern-Epidemie Erwachsene mitimpfen durften, soll eine Ausnahme bleiben. In anderen KV-Regionen ist fachfremdes Impfen dagegen kein Problem.

Von Julia Frisch

Fachfremdes Impfen in Berlin vor dem Aus

Dürfen Pädiater auch Erwachsene impfen? In Berlin ist bald Schluss mit der Regelung.

© Digitalpress / fotolia.com

BERLIN. Pädiatern und Gynäkologen in der Hauptstadt wird ab Januar 2016 die Masernimpfung von Erwachsenen beziehungsweise von Männern nicht mehr vergütet. Darauf wies die Kassenärztliche Vereinigung ihre Mitglieder kürzlich hin.

Anfang April hatte die KV angesichts der Masernepidemie dem Druck aus der Senatsverwaltung nachgegeben und einer Sonderregelung zugestimmt, nach der Kinder- und Frauenärzten "fachfremdes Impfen" erlaubt wurde. Diese Masern-Ausnahmeregelung läuft allerdings am 31. Dezember 2015 aus und wird auch nicht fortgesetzt.

Grund dafür ist nach Angaben der KV in einer Mitteilung an ihre Mitglieder, dass die Masernepidemie durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales inzwischen für beendet erklärt wurde.

Damit sei eine Verlängerung der Ausnahmeregelung über den Dezember hinaus nicht möglich, da diese nur vor dem Hintergrund der "besonderen Umstände" der Masernepidemie überhaupt durchsetzbar gewesen sei.

Entscheidung durch Urteile bestätigt

Die KV Berlin hält daran fest, dass die Impfung von Erwachsenen durch Kinder- und Jugendärzte die Fachgebietsgrenzen überschreitet und deshalb nicht vergütet werden kann. Sie sieht sich in dieser Auffassung inzwischen nicht nur durch ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg, sondern auch durch das Sozialgericht Berlin bestätigt.

Dies, so schreibt die KV in ihrem Praxisinformationsdienst, habe in einer im Mai ergangenen Entscheidung "generell" festgestellt, dass die durch die Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer vorgegebenen Fachgruppengrenzen auch für Schutzimpfungen im Rahmen der GKV-Leistungen nicht durchbrochen werden dürften.

Die Begrenzung der Erweiterung der Impfberechtigung bis Ende des Jahres 2015 sei vom Gericht als sachgerecht bewertet worden.

Regionale Unterschiede

Geklagt hatte in dem Verfahren vor dem Sozialgericht ein Gynäkologe, der sich gegen die Honorarberichtigungen wehrte, die nach der Behandlung männlicher Patienten vorgenommen wurden. In der Begründung, schreibt die KV, habe das Gericht ausgeführt, dass die fachliche Befähigung für alle Indikationen von Schutzimpfungen nach der Berliner Weiterbildungsordnung zweifelsfrei auch bei Gynäkologen vorhanden sei.

"Ist ein Arzt jedoch als Arzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen, ist er nicht berechtigt, die Behandlung männlicher Patienten abzurechnen, da dies nicht Bestandteil des in der Weiterbildungsordnung definierten Fachgebietes sei."

Deshalb seien Schutzimpfungen durch Gynäkologen bei Männern als fachfremd zu bewerten und nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen abrechnungsfähig, teilt die KV mit.

Mit ihrer Ansicht, dass das Impfen von Erwachsenen für Kinder- und Jugendärzte fachfremd ist, steht die KV Berlin im Übrigen nicht allein da. Auch die Schwesterorganisation in Baden-Württemberg sieht dies so.

Dagegen sind zum Beispiel in Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Saarland, Niedersachsen oder Hamburg solche fachfremden Impfungen abrechenbar. In Thüringen wird dies etwa damit begründet, dass es ich nicht um eine kurative Behandlung, sondern um Prävention handele.

[07.12.2015, 13:40:30]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
Fachfremdes Impfen
Die Haltung der KV Berlin kann man nur widerwärtig finden. Auf diese Weise werden viele im Interesse einer breiten Prävention notwendige Impfungen einfach unterbleiben. Gerade Männer sind weniger impffreudig als Frauen, von denen ich regelmäßig viele zusammen mit ihren Kindern geimpft habe. Wenn schon der Mann mitkommt, dann soll diese Gelegenheit genutzt werden. Was ist am M. deltoideus beim Mann anders als bei der Frau, außer daß er meist mehr Muskelmasse hat? Damit kann nach KV Berlin wohl weder ein Gynäkologe noch ein Kinderarzt zurechtkommen?  zum Beitrag »

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