Ärzte Zeitung, 04.03.2016
 

Interessenkonflikte

Ärzte meistern den Drahtseilakt

Entscheidungen treffen - dieser Teil der Arbeit als Arzt ist nicht immer frei von Einflüssen von außen. Er ist abhängig von vielen Faktoren. Was den Einfluss der Industrie angeht, sind Ärzte aber sensibler geworden, so ein Experte.

Von Christian Beneker

Ärzte meistern den Drahtseilakt

Eigen- oder Patienten-Interessen? Im Alltag müssen Ärzte genau abwägen. [M] Arzt: Peter Atkins

© Waage: lassedesignen / fotolia.com

HANNOVER. Nicht schön aber normal: Ärzte stehen immer im Konflikt zwischen Eigen- und Patienten-Interessen. "Solche Konflikte sind im ärztlichen Alltag praktisch unvermeidlich, aber sie müssen nicht zu Fehlverhalten führen." Das hat Professor David Klemperer, Sozialmediziner an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, anlässlich der 7. Fachtagung "Betrug im Gesundheitswesen" der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) in Hannover gesagt. Für ihn geht es um die persönliche Entscheidung des einzelnen Arztes zum Patientenwohl.

So sollte eigentlich jeder Orthopäde wissen, dass bei akutem unspezifischem Rückenschmerz, bildgebende Verfahren zur Abklärung in den ersten vier Wochen nicht durchgeführt werden sollten, so Klemperer. Die Schmerzen verschwinden bei fast allen Patienten von alleine. Die beste Therapie sei daher eine konsequente Schmerzmedikation und der Hinweis, in Bewegung zu bleiben, so weit es der Schmerz zulässt.

Lieber eigene Geräte einsetzen?

In den seltenen Fällen, in denen der Schmerz länger als acht Wochen anhält, empfiehlt die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz ein mulitmodales Assessment, um der Chronifizierung vorzubeugen. Oft setzen die behandelnden Ärzte jedoch lieber ihre Geräte ein, statt gemeinsam mit dem Patienten klug zu entscheiden.

Bei stabiler koronarer Herzkrankheit verringern Medikamente das Risiko für künftige Herzinfarkte und senken das Sterberisiko. Ein Stent könne verbleibende Angina-pectoris-Beschwerden lindern, beeinflusse aber nicht das Sterberisiko. Nur Patienten, die nach Ausschöpfung der medikamentösen Behandlung noch Schmerzen haben, mit denen sie nicht leben wollen, sollten einen Stent erhalten. In ihrem Enthusiasmus neigten Kardiologen aber dazu, Stents auch zu setzen, wenn dies nicht gegeben ist.

Allerdings sieht Klemperer deutliche Zeichen der Besserung. "Die mittlerweile gewachsene Kultur der Offenlegung und des Umgangs mit Interessenkonflikten dürften auch dazu geführt haben, dass Ärzte sensibler gegenüber der eigenen unangemessenen Beeinflussung durch Geschenke oder Vorteile jeder Art von Seiten der Industrie sind", sagt der Sozialmediziner.

Stent als Empfehlung

So sehe die nationale Leitlinie chronische koronare Herzkrankheit zur Frage Stent als Empfehlung vor, eine Patienteninformation als Entscheidungshilfe einzusetzen, berichtet Klemperer. "Da sind die Kardiologen über ihren Schatten gesprungen. Dies ist ein schönes Beispiel dafür, dass sich etwas bewegt."

Andererseits bleibe noch viel zu tun. Auf dem Ärztetag 2011 beantragte der Kammer in Niedersachsen, einen Passus aus der Musterberufsordnung zu streichen, den Paragrafen 32, Abs. 2. Er lässt es zu, dass die Pharmaindustrie etwa Reisekosten und Tagungsgebühren von Fortbildungsveranstaltungen bezahlt. Dem Antrag sei die Höchststrafe widerfahren, sagt Klemperer: "Die Nichtbefassung".

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