Ärzte Zeitung, 10.06.2016

Vorreiter Bremen

Erste flächendeckende Leichenschau

Viele Morde bleiben unentdeckt: 2017 will Bremen die qualifizierte Leichenschau einführen. Hausärzte stellen den Tod fest, den Rest leistet der Gerichtsmediziner. Können Verbrechen so besser erkannt werden?

Von Christian Beneker

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Bremen: Die Leichenschau soll in Zukunft nur noch von extra qualifizierten Spezialisten durchgeführt werden.

© photos.com PLUS

BREMEN. Als erstes deutsches Bundesland will Bremen ab 2017 flächendeckend die qualifizierte Leichenschau einführen. "Damit sollen mögliche Hinweise für einen unnatürlichen Tod festgestellt werden", so Christina Selzer, Sprecherin der Bremer Gesundheitsbehörde.

Insgesamt 1,25 Millionen Euro an Gebühren werden die Angehörigen der jährlich 8000 in Bremen verstorbenen Menschen wohl auf den Tisch legen müssen, um die qualifizierte Leichenschau zu bezahlen. Das sind - gut gerechnet - etwa 175 Euro pro qualifizierter Leichenschau. So lautet die Schätzung des Gerichtsmedizinischen Institutes am Klinikum Bremen Mitte, das die Leichenschauen übernimmt.

Einige Leser der "Ärzte Zeitung" sind skeptisch

Mehrere Leser der "Ärzte Zeitung" hatten sich erstaunt zum Thema geäußert, nachdem diese Meldung im Blatt stand. So schreibt Dr. Cornelia Karopka, sie habe beim Betrag, der in Bremen für eine Leichenschau gezahlt werden soll "geschluckt". Denn ein niedergelassener Arzt bekomme laut GOÄ nur 14,54 Euro für eine Leichenschau.

"Selbst bei der Berechnung des 2,3-fachen Satzes kann ich maximal 33,51 abrechnen", schreibt Karopka. Und Dr. Henning Fischer schreibt: "Wie bitteschön kann man legal 114 Euro abrechnen?"

Über Kosten wird noch verhandelt

Tatsächlich handele es sich bei den im Raum stehenden Summen um vorläufige Beträge, wie Selzer sagt. Die Kosten werden in der Bremer Gesundheitskostenverordnung festgelegt.

"Diese Verordnung kann jedoch erst dann angepasst werden, wenn die gesetzliche Grundlage des novellierten Leichengesetzes mit der Vorgabe einer künftig qualifizierten Leichenschau vorliegt und errechnet werden kann, wie hoch die Gebühr für die Durchführung einer qualifizierten Leichenschau ist", antwortete der Senat Mitte Mai auf eine Große Anfrage der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft. Mit anderen Worten: Über die Kosten wird noch einmal verhandelt. Damit stehen auch die Honorare noch nicht fest, die die Hausärzte erhalten, die im Zuge der neuen Regelung nur noch den Tod feststellen werden.

Trennung von Feststellung des Todes und der Leichenschau

Das Leichengesetz indessen müsse verändert werden, weil mit der qualifizierten Leichenschau nun "die Todesfeststellung und die Leichenschau getrennt werden", sagte Selzer. Ein Umstand, den das noch gültige Leichengesetz nicht vorsieht.

Zukünftig wird also zunächst der Hausarzt oder Klinikarzt den Totenschein ausstellen und dann den Gerichtsmediziner benachrichtigen. Er nimmt am Auffindungsort des Leichnams die qualifizierte Leichenschau vor. So könne der Gerichtsmediziner sich "einen unmittelbaren Eindruck der Auffindesituation und der Begleitumstände des Todes vor Ort verschaffen", heißt es in der Antwort des Senats auf die CDU-Anfrage.

Die qualifizierte Leichenschau unterscheide sich von der "normalen" Leichenschau durch die Qualifikation des Arztes, der sie vornimmt, erklärt Dr. Olaf Cordes, Leiter des Gerichtsmedizinischen Institutes Bremen. Er könne durch seine Fortbildung und Erfahrung entscheiden, ob ein natürlicher Tod vorliegt oder nicht, ob die Polizei hinzugezogen werden muss oder nicht.

Dem Verbrechen auf der Spur

Der qualifizierte Leichenbeschauer soll also die mögliche Todesursache ermitteln und im Zweifel "vor Ort weitergehende Ermittlungsanregungen geben, die im Nachgang der Beurteilung der Todesursache von entscheidender Bedeutung sein können", wie es hieß, will sagen, ob unter Umständen ein Verbrechen vorliegt.

Allerdings sollen Polizei und Staatsanwaltschaft weiter die Gelegenheit haben, den Leichnam noch einmal sorgfältiger im Gerichtsmedizinischen Institut zu begutachten.

Idee stammt aus dem Jahr 2014

Die Idee, so zu verfahren, ist nicht neu. Schon 2014 schlug der damalige Chef der Bremer Gerichtsmedizin, Professor Michael Birkholz, vor, die qualifizierte Leichenschau in die Hände seines Hauses zu legen. Schon damals übernahm das Institut auch den an sich lukrativen ärztlichen Beweissicherungsdienst (ÄBD), das ist die Untersuchung von Toten im Auftrag der Polizei. Da der ÄBD aber immer weniger beansprucht und Birkholz deshalb das Geld knapp wurde, wollte er das Finanzloch mit den Gebühren für eine allgemeine qualifizierte Leichenschau stopfen.

Allerdings wollte dies das Bremer Gesundheitsressort nicht und sprach lieber lange mit der Gerichtsmedizin am Universitätskrankenhaus in Hamburg-Eppendorf (UKE) oder mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). "Beide Institute haben gute Konzepte vorgelegt", sagt Selzer.

Hätte Bremen sich für Hannover oder Hamburg entschieden, wäre das Bremer Institut wohl abgewickelt worden. Bremens neue Gesundheitssenatorin, Professor Eva Quante-Brand (SPD), hat aber jetzt entschieden, dass die qualifizierte Leichenschau im Lande bleibt. In der Tat hat die Bremer Gerichtsmedizin offenbar ebenfalls ein attraktives Angebot vorgelegt.

Nun muss das Bremer Institut weitere Ärzte einstellen, um die Aufgabe zu bewältigen, wie Karen Matiszick bestätigt, Sprecherin der Bremer Klinikverbundes "Gesundheit Nord", zu dem das Gerichtsmedizinische Institut mit Sitz am Klinikum Bremen Mitte gehört. Immerhin muss ein 24-Stunden-Dienst organisiert werden.

[10.06.2016, 11:15:18]
Dr. Patricia Singer 
Bereitschaftsarzt rausnehmen
Es hört sich so an, als müsste der Bereitschaftsarzt (der wohl hier im Artikel mit Hausarzt gemeint ist)nach wie vor um 2 Uhr in der Nacht quer durchs Land übermüdet im eigenen PKW fahren, um "offiziell" den Tod für ein paar Euro festzustellen, wenn er seine Dienste nicht los bekommt und einen Kassensitz behalten möchte. Nur wird man wohl die Euro noch mals reduzieren, weil es ja "weniger Aufwand" geworden ist.
Wie wäre es einen komplett professionellen Dienst anzubieten- dann sollen bitte auch die Institute den Tod offiziell feststellen. Denn- wenn unklar ist, ob der Patient tot ist, wird ohnehin der Notarzt gerufen- wenn der sagt, keine Reanimation sondern Bereitschaftsdienst zur Leichenschau holen, sollte gleich das Institut kommen. Und wenn klar ist, dass der Patient tot ist (z.B. Anwohner mit sicheren Todeszeichen im Altersheim entdeckt), muss der Bereitschaftsarzt nicht auch noch ausrücken, sondern kann ebenfalls das Institut einen Transport ausschicken. Das wäre dann konsequentes Service aus einer Hand, die Mehrfach Begutachtung fällt weg, das Gesundheitswesen spart sich die paar Euro für den Bereitschaftsdienst, auf die wohl so ziemlich jeder von uns Bereitschaftsdienstleistenden gerne verzichtet. Zumindest ich überlege mir jedes Mal in der Nacht, warum ich nicht einen Schlüsseldienst aufmache- da bekommt man eine der Nachtzeit angepasste Entlohnung. Und um Leichenschau zu machen, hab ich definitiv nicht Medizin studiert. Das ist auch in anderen Ländern durch Nicht-Mediziner professionalisiert (denn für die 3 sicheren Todeszeichen braucht man kein Studium, und um die Todesursache fest zu stellen braucht man in 99% der Fälle eine Obduktion; auch wir Ärzte wissen nicht, ob die Angehörigen dem Patienten zu viel Insulin gespritzt haben, egal ob aus Versehen oder um ans Erbe zu kommen, oder ob er einen Herzinfarkt oder eine Lungenembolie hatte, wenn wir eine rein äusserliche Leichenschau machen.) Also- nutzen wir jetzt die Chance, die Leichenschau komplett abzugeben, statt für noch weniger Euro sinnlose Mehrausgaben im System zu verursachen. zum Beitrag »
[10.06.2016, 10:54:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Licht am Ende des Tunnels!
Endlich gibt es in Deutschland im Bundesland Bremen ein System mit amtlich bestallten, qualifizierten medizinischen Leichenbeschauern, vergleichbar mit dem "Coroner"-System in den USA?

Hierzulande sollen Ärztinnen und Ärzte gleich welcher Fachrichtung während ihrer ambulanten Sprechstunden, im Not- oder Bereitschaftsdienst bzw. unter laufender Kliniktätigkeit "unverzüglich" zur Leichenschau ohne jegliche logistische Unterstützung enteilen!

Diese Länder-Gesetzgebung stammt aus obrigkeits-staatlicher Zeit, als Hausärztinnen und Hausärzte überwiegend mit dem Fahrrad zu Hausbesuchen unterwegs waren und den (Über-)Lebenden in ihrer Praxis gar nicht wesentlich helfen, sondern sie nur palliativ begleiten konnten. Der Staat hatte kein Interesse, Todesursachen soziodemografisch oder gar pathophysiologisch aufzuarbeiten.

Inspektion bzw. Untersuchung eines vollständig entkleideten, gut ausgeleuchteten und ggf. nach Fotodokumentation des Auffindungsortes von Verschmutzungsspuren gereinigten Leichnams gemeinsam mit Fach-
Assistenzpersonal ist uns Vertragsärzten in der Praxis bzw. den Kollegen in der Klinik nicht möglich. Sie sind ausdrücklich n i c h t Bestandteil des Sicherstellungsauftrags!

Doch nur so könnten versteckte Injektions-, Stich- oder Schusswunden unter den Haaransätzen, diskrete Strangulationsspuren, Erstickung durch äußere Einwirkungen (cave: Kopfkissen, Haushalts-Frischhaltefolie!), Schädelbasis-Frakturen, verdächtige Hauteffloreszenzen, aber auch Beibringung von tödlich wirkenden Mitteln in Körperöffnungen, Vergiftungen etc. bzw. natürliche Todesursachen detektiert werden.

Unter dem Druck einer Notfallsprechstunde, eines übervollen Wartezimmers, der Dokumentation einer gerade ambulant/stationär durchgeführten Intervention, einer besonders Leichenschau-fremden Spezialisierung, einer notwendigen Krankenbeobachtung, der Regelung und Befriedigung persönlich-privater Verrichtungen und Bedürfnissse, aber auch im Beisein von trauernden, wehklagenden, verstörten, in manchen Fällen innerlich eher frohlockenden Angehörigen ist die korrekte Leichenschau insbesondere im häuslichen Milieu unter den kritischen Blicken einer sich stetig vergrößernden Trauergemeinde ein fast undurchführbares „Public Viewing“.

Ein staatlich vereidigter, medizinisch qualifizierter und beamtenbesoldeter „Coroner“, wie z. B. in allen Bundesstaaten der USA für über 300 Millionen Menschen gesetzlich geregelt und jetzt in Bremen ab 2017 vorgesehen, würde als neutraler, rechtsmedizinisch geschulter Untersucher, Sachverständiger und Amtsperson mit Unterstützung von Hilfskräften das ihm fremde Terrain eines häuslichen oder öffentlichen Auffindungsortes inspizieren und die Trauergemeinde mit der ihm eigenen Professionalität und Autorität in die Schranken weisen. Suspekte, möglicherweise strafrechtlich relevante Umstände würden eher aufgedeckt und hinzukommenden Ermittlungsbehörden gegenüber kommuniziert werden.

Heraus käme für das Bundesland Bremen erstmals eine exaktere, differenziertere, belastbarere und glaubhaftere Todesursachenstatistik. Pathophysiologisch, soziodemografisch oder krankheitsepidemiologisch begründete Forschung über Todesursachen wären damit bundesweit erstmalig möglich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[10.06.2016, 09:03:48]
Dr. Henning Fischer 
wenn es denn gelingen sollte: eine gute Lösung!

bisher: miserable Bezahlung für eine erzwungene Leichenschau, die durch wenig oder nicht qualifizierte und meist unerfahrene Kassenärzte oft überhaupt nicht (ohne Hilfspersonal) korrekt durchgeführt werden kann. Und dann die Klage von Polizei und Rechtsmedizinern, daß Verbrechen übersehen werden. Ein wahrlich hochgradig verlogenes System.

In Bremen soll es demnächst vernünftig ablaufen. Man kann wirklich nur wünschen, daß es gelingt und bundesweit eingeführt wird.
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