Ärzte Zeitung, 20.07.2016
 

Patienten im Pflegeheim

Hausärztin setzt auf Telemedizin

Schon vor der Einführung des EBM-Kapitels 37 hat die Hausärztin Irmgard Landgraf mit Heimen kooperiert. Sie erklärt, wie die Telemedizin ihr den Praxisalltag erleichtert.

Von Hauke Gerlof

Hausärztin setzt auf Telemedizin

Irmgard Landgraf hat über ihren Rechner Zugriff auf die Software des von ihr betreuten Pflegeheims.

© Angela Misslbeck

BERLIN. Als Irmgard Landgraf Ende Juni in der "Ärzte Zeitung" las, dass es neue Leistungen zur Betreuung von Patienten in Pflegeheimen gibt, wusste sie sofort: "Das ist etwas für mich."

Die hausärztliche Internistin aus Berlin betreut seit bald 20 Jahren durchgehend rund 100 Patienten im Pflegeheim Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Berlin und erbringt dort seitdem genau die Leistungen, die im neuen Kapitel 37 im EBM gefordert sind - Koordination, regelmäßige Visiten - nur sind viele dieser Leistungen unbezahlt.

Bislang lief die Zusammenarbeit mit dem Heim "per Handschlag". Weite Wege gibt es ohnehin nicht, da ihre Praxis direkt am Heim angesiedelt ist, wie Landgraf erläutert.

Die Hausärztin wartete daher nicht lange und hat dem Heim gleich einen Kooperationsvertrag gemäß Paragraf 119b SGB V zugeschickt, denn nur Ärzte, die einen solchen Vertrag vorweisen können, dürfen auch die neuen Leistungen abrechnen. Das Heim prüfe derzeit den Vertrag.

Die Einrichtung weiß durchaus zu schätzen, was an ärztlicher Betreuung geboten wird: Auf der Website wird mit dem Slogan geworben "Ärztliche Versorgung rund um die Uhr". Das liegt auch daran, dass die Einrichtung durch die hausärztliche Internistin im Rahmen des Berliner Projekts versorgt wird, das eine besonders intensive ärztliche Betreuung umfasst.

Im Gegenzug werden die beteiligten Ärzte von der AOK Nordost und der IKK gesondert vergütet. Aber auch die Mitglieder anderer Krankenkassen profitieren bei Irmgard Landgraf von der intensiven Betreuung, sie macht hier keinen Unterschied.

Weiterhin freie Arztwahl

Eine weitere Besonderheit bei dem von Landgraf betreuten Heim: Die Hausärztin ist für fast alle Patienten zuständig, die dort untergebracht sind. Viele Patienten kämen speziell wegen der ärztlichen Betreuung in die Einrichtung, sagt Landgraf. Die freie Arztwahl sei aber nicht beeinträchtigt. Wer wolle, könne sich weiter von seinem angestammten Hausarzt betreuen lassen.

Der Unterschied wird dann aber schnell spürbar: Denn durch die intensive Betreuung hat die Internistin die Arbeitsabläufe an der Schnittstelle zwischen Praxis und Heim so effizient gestaltet wie irgend möglich.

Vor allem greift Landgraf über einen mehrfach gesicherten Zugang auf die Patientenakte des Heims extern zu und ist dadurch laufend informiert über den Zustand der Patienten. Sobald sich etwas ändert, sieht sie das in der elektronischen Pflegedokumentation - das Heim arbeitet mit einem Programm von DAN.

Das hat gleich zwei Vorteile: Zum einen kann Landgraf bei vielen gesundheitlichen Problemen der Heimbewohner noch rechtzeitig reagieren, bevor eine Einweisung in die Klinik erforderlich wird. "Ich weiß ja immer schon, worum es geht."

Zum anderen wird die betreuende Ärztin nur noch selten per Telefon kontaktiert, weil das Pflegepersonal weiß, dass Landgraf ohnehin zweimal täglich in die Dateien schaut und dort alles Wichtige bemerken wird.

Das kostet zwar jeden Tag ein bisschen Zeit, "aber im Gegenzug gibt es nicht nur weniger Anrufe, ich kann zudem die wöchentliche Visite besser vorbereiten, und die ist dann oft in einer Stunde bereits wieder beendet", erläutert die hausärztliche Internistin.

Für diesen fortschrittlichen Umgang mit der digitalen Technik, den sie bereits seit 2001 pflegt, und den großen Nutzen, den sie daraus für die Patientenversorgung zieht, hat Landgraf vor fünf Jahren als erste Ärztin den Preis "Die innovative Arztpraxis" von Springer Medizin und UCB Innere Medizin gewonnen. Später wurde sie mit dem Telemedizinpreis ausgezeichnet.

Ihre Bilanz nach 15 Jahren Telemedizin ist restlos positiv: "Es ist verblüffend, was man mit der Prozessverbesserung bewegen kann. Die Versorgung ist hoch präventiv und dadurch auch krankenhausersetzend. Denn ich weiß ja schon, was das Problem ist und kann entsprechend gegensteuern." Sie müsse sich zwar zweimal täglich einwählen, "aber das ist nicht viel Arbeit".

E-Learning für die Pflegekräfte

Nicht zuletzt sei diese Form der Kooperation für die Pflegekräfte "E-Learning jeden Tag", so Landgraf. "Durch meine Nachfragen bei bestimmten Problemen wissen die Pfleger beim nächsten Mal schon vorher, welche Informationen ich brauche, zum Beispiel wenn ein Patient Schmerzen beim Wasserlassen hat." Dadurch werde die Zusammenarbeit im Laufe der Zeit immer besser.

Und die Software erlaube im Grunde genommen auch relativ einfach eine Evaluation der Kooperation, wie sie jetzt durch den Bundesmantelvertrag gefordert werde. Die Effekte der Zusammenarbeit, wie Landgraf und das Pflegeheim sie betreiben, sind inzwischen im Rahmen einer Doktorarbeit genauer untersucht worden und werden noch in diesem Jahr publiziert.

Nachfolger allerdings hat Landgraf bislang bundesweit kaum gefunden, auch wenn das Modell EDV-technisch gar nicht so kompliziert ist. Sie glaubt, dass die neuen Pflegeheim-Leistungen des Kapitels 37 im EBM "ein Schritt in die richtige Richtung sind", weil sie eine bessere Honorierung dieser bislang ungeliebten, weil häufig aufwändigen Leistungen bringen.

Ein weiterer Punkt vor allem in Städten ist laut Landgraf die freie Arztwahl: In einem Heim, dessen 100 Pflegepatienten von 30 Hausärzten betreut werden, könnte eine Telemedizin-Lösung nie gut funktionieren. Denn zum einen könnten die einzelnen Ärzte niemals eine so intensive Betreuung realisieren, wie sie das für 100 Patienten könne. Das sei viel zu aufwändig.

Und zum anderen könnten sich die Pflegekräfte nicht mit 30 verschiedenen Arbeitsweisen von Ärzten arrangieren. Die Zusammenarbeit bleibe daher immer Stückwerk."Auf dem Land ist das nicht so ein Problem, weil nicht so viele Ärzte in der Umgebung praktizieren", erläutert die Hausarzt-Internistin.

Und bei ihr im Pflegeheim laufe das deshalb so gut, weil die Patienten meist freiwillig zu ihr als Hausärztin kommen, wenn sie sehen, wie schnell sie bei ihren Patienten auf Gesundheitsprobleme reagiere. Landgraf ist jedenfalls optimistisch, dass sich mit den neuen Leistungen in den Pflegeheimen manches in der ambulanten Versorgung bewegen wird.

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