Ärzte Zeitung, 08.11.2016
 
WhatsApp für Ärzte: Kann ein Messenger den Praxisbesuch ersetzen?

WhatsApp für Ärzte

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Praxisbesuch via Online-Messenger: So stellt sich ein Pfälzer Arzt die hausärztliche Zukunft vor. Er hat ein Online-Sprechzimmer geschaffen. Seine Patienten sind begeistert.

Von Marco Mrusek

Allgemeinmediziner entwickelt Arzt-Patienten-Messenger

Zwischendurch mal kurz eine Patientenfrage beantworten: Mit dem Messenger eines Pfälzer Arztes ist das schon jetzt möglich.

© HStocks / Getty Images / iStock

EISENBERG/PFALZ. Die Inspiration kam ihm beim Blättern in einer englischen Zeitschrift am Frankfurter Flughafen. "Email your general practitioner" stand dort. Das wäre doch eine gute Sache für Patienten, dachte Hausarzt Dr. Michael Gurr: Fragen digital an den Arzt richten zu können, nicht mit jeder Frage gleich in die ärztliche Sprechstunde laufen müssen.

2011 war das, fünf Jahre später, im Januar 2016, ging Gurrs Online-Sprechzimmer "meinarztdirekt.de" an den Start. Inzwischen nutzt er das Portal für den Kontakt mit 100 seiner Bestandspatienten. Mehrere Kollegen aus verschiedenen Fachgruppen sind seinem Beispiel bereits gefolgt.

Gurr: Etwa ein Drittel der Praxisbesuche unnötig

Gurr ist seit 14 Jahren als hausärztlich tätiger Landarzt in einer Einzelpraxis in der Nordpfalz niedergelassen und kennt die teils langen Wege zur Sprechstunde auf dem Land. Dabei müssten 30 bis 40 Prozent der Patientenbesuche in seiner Hausarztpraxis, so schätzt Gurr, gar nicht sein.

Ausreichen würde es in diesen Fällen stattdessen, die nötigen Frage-Antwort-Informationen digital auszutauschen. Das gelte gerade in Zeiten vom Web 2.0 und vor dem Hintergrund immer knapper werdender ärztlicher Ressourcen und der im europäischen Vergleich hohen Zahl von Arztbesuchen pro Patient in Deutschland, so Gurr im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Zusammen mit dem befreundeten Informatiker Hans-Georg Schleißinger entwickelte Gurr seit 2011 seine Vision eines schriftlichen Online-Sprechzimmers für seine Bestandspatienten.

Rechtssicherheit, faire Bezahlung und einfache Bedienung als Ziele

Rechtssicher müsste das Projekt sein, überlegten Gurr und Schleißinger, außerdem orts- und zeitunabhängig. Es müsste für Ärzte und Patienten benutzerfreundlich sein, für beide Seiten transparent und fair bezahlt, und die Patientendaten müssten absolut sicher verschlüsselt und in Deutschland gelagert sein.

Nach Rücksprache mit Rechtsanwälten gründeten Gurr und Schleißinger 2015 eine GmbH und werben nun aktiv um weitere Ärzte und Patienten.

Wie funktioniert der Besuch in Gurrs Online-Sprechzimmer? Ärzte und Patienten können sich auf der Seite registrieren, danach erhält der Patient von seinem Arzt in der Praxis einen persönlichen Zugangscode, mit dem er sein eigenes Benutzerkonto mit dem seines Arztes verknüpfen kann.

Arzt und Patient müssen sich persönlich kennen, die Online-Sprechstunde dient nur zur Ergänzung des persönlichen Kontakts. Die Nutzerdaten bleiben immer innerhalb des Portals und sind auf deutschen Servern gespeichert.

Vorteil für Ärzte: Zeitunabhängige Bearbeitung

Die Kommunikation verläuft dann wie aus üblichen elektronischen Messengern bekannt, auch Bilder können angehängt werden. Der Vorteil dabei: Der Arzt muss keine Zeit für die Beantwortung der Fragen reservieren, wie etwa bei einer Video-Sprechstunde. Er antwortet dann, wenn es ihm zeitlich möglich ist, nach Möglichkeit am selben Tag.

Auch am Wochenende nimmt sich Gurr Zeit für seine Online-Patienten. Hat der Patient keine Rückfragen, schließt der Arzt die Konsultation und rechnet je nach Zeitaufwand mit GOÄ-Nummer 1 oder 3, zum 1-bis 3,5-fachen Satz, ab. Der Patient kann die Rechnungen über gängige Online-Bezahlsysteme begleichen.

Privatpatienten können diese ausdrucken und bei ihrer Versicherung einreichen. Laut Gurr gibt es dabei bisher keine Probleme. Für Kassenpatienten ist die Konsultation nach Bundesmantelvertrag bisher noch eine Selbstzahlerleistung, Gurr arbeitet aber gerade an Erstattungsmodellen mit gesetzlichen Kassen.

Die Resonanz seiner Patienten sei bisher durchweg positiv, sagt Gurr. Sein ältester Online-Patient sei 88 Jahre alt und vom Portal begeistert. Die Bezahlung funktioniere gut und die Patienten verstünden sehr genau, welche Fragen sich für die Online-Sprechstunde eignen und welche eines physischen Besuchs bedürfen.

Emojis in der Überschrift: © denisgorelkin/ iStock/ Thinkstock

[08.11.2016, 14:04:46]
Matthias Peisler 
Die Zukunft ...
... hat schon längst begonnen. Danke für den Bericht.
Viele Ärzte kümmern sich um die Anfragen Ihre (Privat-)Patienten seit langem via iMessage, SmS, WhatsApp, Twitter, Signal u.ä. Messengers oder oft auch via unidirektionale Praxis-Apps!
Der Datenschutz ist sicher wichtig. Die Vergütung eine andere Sache. Telemedizin wurde dem Berufsverband der Kinder und Jugendärzte (BVKJ) sogar ausgezeichnet und ist bereits GKV etabliert = PädExpert!
Ich denke nicht nur wissenschaftlich auch technisch gilt die Phrase:
"Wer nich mit der Zeit geht geht mit der Zeit".
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