Ärzte Zeitung, 13.02.2017
 

Dokumentation

Das Zentralinstitut geht neue Wege bei der Diabetes-Statistik

Die Todesursachen-Statistik ICD-10 macht Karriere. Zunächst wurde sie zur Dokumentation in der Abrechnung genutzt. Das Zi will daraus nun auch Rückschlüsse für die Prävalenz von Erkrankungen ziehen, zum Beispiel bei Diabetes.

Von Hauke Gerlof

BERLIN. Gibt es in Deutschland 6,4 Millionen Diabetiker oder doch nur vier Millionen – oder vielleicht sogar mehr als acht Millionen, wenn man die Dunkelziffer berücksichtigt? Die genannten Zahlen der tatsächlich an Typ-I- oder Typ-II-Diabetes erkrankten Menschen in Deutschland schwanken in der Berichterstattung je nach genutzter Quelle erheblich.

Für ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem wie in Deutschland ist es in Zeiten von Big Data eigentlich erstaunlich, dass selbst bei einer Volkskrankheit wie Diabetes, die auch aufgrund der teuren Folgeerkrankungen einen derart hohen Ressourceneinsatz nach sich zieht, noch immer mit so unscharfen epidemiologischen Daten gearbeitet wird.

Zum Weltdiabetestag 2016 schreckte das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) die Fachwelt mit einer neuen Zahl auf: 7,6 Millionen Menschen seien in Deutschland gesichert an Diabetes erkrankt, hieß es im November vergangenen Jahres. Anders als andere Statistiken, die auf Stichproben beruhen, steht dem Zi mit den Abrechnungsdaten der gut 150.000 Vertragsärzte und -psychotherapeuten, die auch alle dokumentierten Diagnosen enthalten, nahezu eine Vollerhebung zur Verfügung – ausschließlich die Privatversicherten sind nicht erfasst.

Der Nachteil der Abrechnungsdaten in diesem Zusammenhang: Sie werden eben nicht für die epidemiologische Berichterstattung erfasst und codiert, sondern zu einem ganz anderen Zweck, nämlich, ein adäquates Honorar für die erbrachten Leistungen zu bekommen. Daraus epidemiologische Daten herauszufiltern, "ist die Königsdisziplin der epidemiologischen Statistik", erläutert Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum, Projektleiter Versorgungsatlas beim Zi.

E10 oder E11 – das ist die Frage

Das Problem in der Vorgehensweise ist zunächst, dass ein Patient von mehreren Ärzten betreut wird und daher in den Abrechnungen mehrfach vorkommt. Das ist für die Statistiker über die Versichertennummer lösbar. Es kommt allerdings zu Inkongruenzen bei der Diagnose: "Manchmal ist der Diabetes-Typ unklar, weil vielleicht der falsche ICD-Code ausgewählt wurde", erläutert Bätzing-Feigenbaum. E10.- ist bekanntlich der korrekte Schlüssel für Typ I, E11.- für Typ II. "Für einen Augenarzt zum Beispiel, der vor allem auf Folgeschäden im Auge schaut, ist der Diabetes-Typ nicht entscheidend, da kann es dann schon mal zu einer Fehlcodierung kommen", so der Zi-Experte. Aufgrund von weiteren Informationen zum Patienten versuchen die Statistiker hier, zur richtigen Diagnose zu kommen.

Weiterhin fließen in die Statistik des Zi nur Patienten ein, bei denen Ärzte über zwei Quartale hinweg eine gesicherte Diabetes-Diagnose kodiert haben. Verdachtsdiagnosen und ein einmalig notierter Schlüssel E10.- oder E11.- reichen noch nicht für die Berücksichtigung. In einem Projekt verfolgt das Zi jetzt das Ziel, präzise Daten zur Prävalenz des Diabetes in Deutschland vorzulegen, und ist dabei im vergangenen Jahr schon sehr weit gekommen. Noch in diesem Frühjahr sollen die Daten als Teil des Versorgungsatlasses des Zi vorgelegt werden.

Prävalenz steigt schnell

Erste Ergebnisse, von denen die "Ärzte Zeitung" erfahren hat, böten durchaus Stoff für die gesundheitspolitische Diskussion, etwa über eine Zuckersteuer, merkt Bätzing-Feigenbaum an. Die Resultate im Einzelnen:

  • 6,95 Millionen GKV-Versicherte hatten im Jahr 2015 einen Diabetes mellitus Typ I oder Typ II.
  • Die Prävalenz des Typ-II-Diabetes ist zwischen 2009 und 2013 von 6,3 auf 7,7 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Bei Typ-I-Diabetes liegt die Prävalenz bei 0,3 Prozent, Tendenz ganz leicht sinkend.
  • Der Anstieg bei Typ-II-Diabetes könne zum einen durch die demografische Entwicklung erklärt werden. Die chronische Erkrankung tritt bekanntlich im Alter häufiger auf. Auch die aufgrund des Therapiefortschritts geringeren Sterberaten von Diabetikern tragen sicher dazu bei, dass die Anzahl der Diabetes-Patienten steigt. Bei jungen Menschen sei die Prävalenz noch sehr gering, "aber die Zuwächse, etwa bedingt durch Adipositas sind enorm", so der Zi-Experte.
  • Bei 6,95 Millionen Diabetikern unter 70 Millionen GKV-Versicherten extrapoliert das Zi bei den rund zehn Millionen PKV-Patienten (bei geringerer Prävalenz) ca. 500.000 zusätzliche Diabetiker in Deutschland. Unter dem Strich habe es damit rund 7,4 Millionen Diabetiker in Deutschland gegeben.

Auch mit den neuen Daten des Zi wird eine "gewisse Unschärfe" bei den epidemiologischen Daten bleiben, glaubt Bätzing-Feigenbaum. Allein wegen der Fehler von Ärzten bei der Kodierung der Diagnosen. Aber bestimmte immer wieder genannte Zahlen könnten definitiv ausgeschlossenwerden, sagt der Statistiker.

So heißt es im aktuellen Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes, es gebe 6,7 Millionen Menschen in Deutschland, die an Diabetes erkrankt sind. Darunter seien zwei Millionen, die noch nichts von ihrer Erkrankung wissen. Die Dunkelziffer ist allerdings nach Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts von 3,8 auf 2,0 Prozent gesunken.

Vier Millionen Patienten in DMP

Die Zi-Zahlen liegen sogar ohne Dunkelziffer höher als die im Gesundheitsbericht. Zu bedenken sei, dass allein in den DMP rund vier Millionen Patienten eingeschrieben sind, betont Bätzing-Feigenbaum – aber längst nicht alle Diabetes-Patienten würden von ihren Ärzten in DMP aufgenommen. Die Unterschiede seien teilweise dadurch erklärbar, dass die Zahlen der Gesundheitsberichterstattung auf Stichproben beruhen. Vor allem aber seien in den RKI genannten Zahlen nicht alle Altersgruppen berücksichtigt. Das mache sich besonders bei den über 80-Jährigen bemerkbar, die aus der offiziellen Statistik bisher herausfallen. Dabei seien fünf Prozent der Bevölkerung 80 Jahre und älter – bei einer erhöhten Diabetes-Prävalenz.

Insofern bietet die Vollerhebung des Zi über die Abrechnungsdaten der Vertragsärzte durchaus das Potenzial für Erkenntnisfortschritte in den kommenden Jahren, betont der Zi-Projektleiter: "Wir werden in Sachen Diabetes definitiv bald schlauer sein."

Informationen im Internet: www.versorgungsatlas.de

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