Ärzte Zeitung, 01.02.2017
 

Videosprechstunde

Werden Ärzte ausgebremst?

Übervolle Wartezimmer und gleichzeitig immer mehr Patienten, die zu Hause besucht werden müssen: Die Videosprechstunde könnte beide Probleme lösen. Doch die Kassen treten offenbar auf die Mengenbremse.

Von Hauke Gerlof

Videosprechstunde: Ärzte fürchten Mengenbudget

Videosprechstunde statt Hausbesuch: Damit könnten auch übervolle Wartezimmer vermieden werden.

© Andrey Popov / Fotolia

BERLIN. Wird die Videosprechstunde, die zum 1. Juli in den EBM aufgenommen werden soll, von Anfang an einer strengen Mengenbegrenzung unterworfen? Diese Befürchtungen sind in Ärztekreisen angesichts eines kursierenden Beschlussentwurfs des Bewertungsausschusses zur Einführung der Videosprechstunde laut geworden. Der Entwurf liegt der "Ärzte Zeitung" vor.

Demnach soll für die Videosprechstunde (geplante EBM-Nummer 01450, 137 Punkte, 14,43 Euro) "ein Punktzahlvolumen je Arztpraxis" von 2393 Punkten im Quartal gebildet werden, heißt es im Beschlussentwurf. Das würde bedeuten, dass je Praxis, unabhängig von der Zahl der Ärzte in der Praxis, die Videosprechstunde 17,5 Mal im Quartal erbracht werden könnte – wenn der Beschlussentwurf Realität wird.

Videosprechstunde: Das brauchen Ärzte

  • Anlage 31b, Bundesmantelvertrag Ärzte: In der Anlage 31b sind alle Bedingungen verzeichnet, die Ärzte und Videodienstleister erfüllen müssen.
  • Geräteausstattung Praxis: Kamera, Bildschirm, Bandbreite des Online-Anschlusses von mindestens 2000 kbit/sek im Download, Mikrofon, Tonwiedergabeeinheit.
  • Datenschutz: Übertragung der Daten vom Arzt zum Patienten ohne einen zentralen Server; Ende-zu-Ende-Verschlüsselung; Inhalte der Sprechstunde dürfen vom Diensteanbieter nicht gespeichert werden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung gibt sich derzeit zu dem Entwurf inhaltlich noch zugeknöpft. Bis Ende März wolle die Selbstverwaltung einen Beschluss herbeiführen. Dazu fänden gerade Gespräche statt, das Ergebnis sei offen, heißt es auf Anfrage. Zuletzt war die Selbstverwaltung für die Vereinbarungen zur Förderung des Arztbriefes und zum bundeseinheitlichen Medikationsplan von Ärzten hart kritisiert worden, weil die beschlossenen Honorare keinen echten Anreiz böten, die neuen Anwendungen auch umzusetzen.

Der Beschlussentwurf zur Videosprechstunde sieht nun weiter vor, dass die Leistung als Zuschlag zu den Versichertenpauschalen der Hausärzte und Kinderärzte sowie zu den Grundpauschalen vieler Facharztgruppen abgerechnet werden kann. Auch zur bisherigen Bereitschaftspauschale nach EBM-Nr. 01435 sowie zur schmerztherapeutischen Grundpauschale (EBM-Nr. 30700) soll die Videosprechstunde als Zuschlag angesetzt werden können. Ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt im Quartal ist also nicht Voraussetzung für die neue Leistung.

Die Videosprechstunde soll vor allem dazu beitragen, Ärzte, die viele Patienten betreuen, zu entlasten, sowie Patienten in bestimmten Fällen Wege zum Arzt zu ersparen. So ist die Leistung unter anderem vorgesehen, wenn es um eine visuelle postoperative Wundkontrolle oder eine visuelle Verlaufskontrolle bei akuten, chronischen und/oder offenen Wunden geht – oder nach strahlentherapeutischer Behandlung. Auch die visuelle Verlaufskontrolle bei Augenerkrankungen, Dermatosen oder rheumatologischen Erkrankungen kann laut Beschlussentwurf Anlass für eine Videosprechstunde sein.

Voraussetzung für die Abrechnung ist – abgesehen von der Erfüllung der technischen Voraussetzungen gemäß Anlage 31b zum Bundesmantelvertrag – immer das schriftlich erklärte Einverständnis der Patienten zur Datenerhebung und –verarbeitung. Nicht gedacht ist an eine Behandlung ausschließlich über telemedizinische Kontakte: Zu fakultativen Leistungsinhalten gehört die erneute Einbestellung des Patienten in die Praxis.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Telemedizin: E-Health im EBM - ein echter Anreiz für Ärzte?

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