Ärzte Zeitung, 03.02.2017
 

Einkommen

Vertragsärzte knacken Inflationsrate

Die wirtschaftliche Situation der Praxen hat sich nach den aktuellen Daten aus dem Zi-Praxis-Panel merklich verbessert. In drei Jahren konnten sie ihre Einnahmen um zehn und ihren Praxisgewinn um über sechs Prozent steigern. Damit blieb ihnen auch nach Abzug der Inflationsrate ein Plus beim Einkommen.

Von Rebekka Höhl

BERLIN. Zum ersten Mal seit Jahren haben es die Vertragsärzte und -psychotherapeuten tatsächlich geschafft, ihren Praxisgewinn zu steigern. Zwischen den Jahren 2011 und 2014 legte der Jahresüberschuss (Einnahmen minus Praxisaufwendungen) je Praxisinhaber real – also inflationsbereinigt – spürbar zu, berichtet das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI). Das Plus betrug nach den aktuellen Daten des Zi-Praxis-Panels (ZiPP) 6,7 Prozent.

Über aktuellere Daten verfügt das Zi nicht. Die Auswertung, bei der auf Daten der Steuerberater der Praxen zurückgegriffen wird, erlaubt immer nur eine zeitversetzte Betrachtung.

Vor allem 2014 war laut aktuellem ZiPP-Bericht ein gutes Jahr für die Ärzte: Die Praxisinhaber schafften es, ihre Einnahmen nominal um 5,2 Prozent auf durchschnittlich 302.500 Euro und ihren Jahresüberschuss sogar um 6,6 Prozent auf im Schnitt 156.200 Euro zu erhöhen. Ein Jahr zuvor betrug das Wachstum bei den Einnahmen je Inhaber gerade einmal 1,5 Prozent (durchschnittliche Gesamteinnahmen: 287.700 Euro). Auf der Ertragsseite mussten die Praxisinhaber nach Abzug der Inflation damals ein Minus von 1,2 Prozent hinnehmen (durchschnittlicher Jahresüberschuss 2013: 145.300 Euro).

Raus aus dem Abwärtstrend?

Und das nicht zum ersten Mal: Auch im Jahr 2011 verzeichneten die Praxisinhaber bereits einen realen Ertragsrückgang von 0,7 Prozent (durchschnittlicher Jahresüberschuss: 140.200 Euro). 2012 gab es dann immerhin – nach Inflation – ein kleines Plus von 1,3 Prozent beim Jahresüberschuss (144.800 Euro).

Auch 2014 legten die Praxiskosten erneut zu, um 2,8 Prozent. Allerdings profitierten die Praxen von der wesentlich geringeren Inflationsrate, die bei 0,9 Prozent lag. 2012 betrug die Inflationsrate noch ca. zwei Prozent.

Dennoch ist es bei der Kostenentwicklung erstaunlich, dass die Praxen ein doch ansehnliches Gewinnplus erwirtschaften konnten. Im gesamten Zeitraum von 2011 bis 2014 nahmen die Betriebskosten je Praxisinhaber um 8,9 Prozent bzw. 12.000 Euro zu. Der Kostenanstieg überschritt laut Zi sichtbar die Entwicklung der Verbraucherpreise, die im gleichen Zeitraum im Bundesdurchschnitt um nur 4,4 Prozent zugenommen hätten.

Drei Viertel der Kosten fürs Personal

Größter Kostenblock war das Personal: Hier stiegen die Aufwendungen innerhalb von drei Jahren um im Schnitt 19,5 Prozent oder 12.200 Euro je Praxisinhaber. Im Jahr 2014 machten die Personalkosten 74,4 Prozent der Gesamtaufwendungen je Praxisinhaber aus (2013: 70,2 Prozent). Das Zi interpretiert die Daten nicht. Aber es könnte sich abzeichnen, dass die Arztpraxen, ähnlich wie andere Wirtschaftszweige, mittlerweile mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um gute Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Hier spielt aber sicherlich auch die Umstrukturierung des Gehaltstarifvertrages der Medizinischen Fachangestellten (MFA) mit hinein. 2013 wurden die zuvor vier Tätigkeitsgruppen in sechs Gruppen umgewandelt, die seither noch detaillierter die Anforderungen und den Fortbildungsstand der MFA definieren. Damit verbunden waren eine Reduzierung der Berufsjahrgruppen und als Ausgleich eine gehaltliche Anpassung der einzelnen Tätigkeitsgruppen. Für einige MFA mussten Praxischefs daher deutlich mehr als das durchschnittliche Gehaltsplus von 4,5 Prozent zahlen. 2014 folgte dann nochmals eine Gehaltserhöhung von drei Prozent.

Und immerhin hat eine Erhebung des Zi bei über 1000 Praxischefs, die vergangenes Jahr veröffentlicht wurde, ergeben, dass die Ärzte ihren MFA im Bundesschnitt beim Jahresbruttogehalt sogar drei Prozent mehr zahlen, als es der MFA-Tarif verlangt (wir berichteten).

Zweitgrößter Kostenblock blieben die Mieten einschließlich Nebenkosten (17,4 Prozent der Gesamtaufwendungen in 2014), sie legten im Vergleich zu 2011 um 6,4 Prozent zu.

Sprung bei GKV-Einnahmen

Spannend ist, dass das Einnahmenplus der Vertragsärzte und -psychotherapeuten hauptsächlich aus der Tätigkeit als Kassenarzt stammt. Die GKV-Einnahmen sind nach den ZiPP-Daten "überdurchschnittlich stark" um 12,2 Prozent gestiegen. Der Zuwachs je Praxisinhaber betrug in drei Jahren damit im Schnitt 25.000 Euro. Die Privateinnahmen legten hingegen in den Jahren 2012 bis 2014 lediglich um 4,3 Prozent oder 2400 Euro zu. Der Anteil der GKV-Einnahmen an den Gesamteinnahmen stieg von 74,4 Prozent im Jahr 2011 auf 75,8 Prozent im Jahr 2014. Zu den GKV-Einnahmen zählen neben den über KVen abgerechneten kollektivvertragliche jedoch auch selektivvertragliche Leistungen. Nach dem Honorarbericht der KBV stieg die vertragsärztliche Gesamtvergütung im Jahr 2014 übrigens um 3,7 Prozent, auf 34,4 Milliarden Euro.

Nicht alle Praxisinhaber profitieren

Die auf den ersten Blick gute wirtschaftliche Lage der Praxen darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass längst nicht alle Praxisinhaber von dem Umsatz- und Ertragsplus profitiert haben. So wies ein Viertel der Praxisinhaber 2014 einen Jahresüberschuss von weniger als 88.500 Euro aus. Bei weiteren 50 Prozent lag der Jahresüberschuss unter 136.600 Euro.

Ein Blick in die Fachgruppen zeigt, dass die wirtschaftliche Lage der Praxisinhaber auch sehr stark nach Fachgruppe und Leistungsspektrum differiert. Die höchsten Einnahmen erzielten 2014 die Radiologen mit im Schnitt 1,061 Millionen je Praxisinhaber. Und auch, wenn sie mit im Schnitt 712.700 Euro ebenfalls die höchsten Aufwendungen zu tragen haben, sind sie beim Jahresüberschuss mit durchschnittlich 348.800 Euro je Praxisinhaber Spitzenreiter. Beim Jahresüberschuss relativ gut dabei sind auch die fachärztlich tätigen Internisten: So erzielten die Gastroenterologen 2014 einen durchschnittlichen Jahresüberschuss von 235.600 Euro je Inhaber, die Internisten ohne oder mit mehreren Schwerpunkten von 229.800 Euro je Inhaber. Hausärzte schafften es knapp über den Mittelwert: Ihre durchschnittlichen Praxiseinnahmen lagen 2014 bei 291.200 Euro und ihr Jahresüberschuss bei 158.200 Euro.

Markant sind laut Zi die Unterschiede zwischen Ärzten mit konservativer Tätigkeit und jenen, die operative Leistungen erbringen: 2014 konnten in operativ tätigen Praxen im Vergleich zu konservativ tätigen Praxen durchschnittlich ca. 14.000 bis 322.000 Euro höhere Überschüsse je Praxisinhaber erzielt werden.

Schlusslicht bei den Praxiseinnahmen und dem Jahresüberschuss waren 2014 die Psychotherapeuten: Praxen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie erzielten im Schnitt 102.800 Euro Einnahmen je Praxisinhaber, davon blieben je Inhaber aber immerhin 75.000 Euro an Jahresüberschuss übrig. Das liegt an der geringen Kostenquote der sprechenden Fächer. Bei den Praxen für Psychotherapie lagen die Gesamteinnahmen bei im Schnitt 100.600 Euro und der Jahresüberschuss bei 70.700 Euro je Inhaber.

Lesen Sie dazu auch:
24 Fachgruppen im Vergleich: So viel verdienen niedergelassene Ärzte
Kommentar: Wettstreit der Systeme

[04.02.2017, 11:53:11]
Wolfgang P. Bayerl 
Es fehlt noch der Stundenlohn!
den will keiner hören, auch Nachtdienst, Bereitschaftsdienst,
welcher andere akademische Beruf kann da mithalten?

Einfach "weniger Stunden" ist nicht so einfach, wenn z.B. ein Chirurg oder Orthopäde über 200.000 € Kosten hat,
eher viele fixe Kosten, nicht Fallgebundene, auch durch Überbürokratisierung und Fremdfirmen, die alle "teilhaben" wollen. Das führt dann zur "5-Minuten-Medizin". zum Beitrag »
[03.02.2017, 16:34:55]
Henning Fischer 
Na prima, dann können die Kassen ja ruhig ein paar Nullrunden fordern

nur, wie erklärt man seinen Kindern die eklatanten Unterschiede bei den Praxisüberschüssen verschiedener Fachgruppen?

Es kann doch nicht jeder Radiologe werden.

Und: wollte man nicht Hausärzte aufs Land locken? Mit einmaligen Förderungen in Höhe von 10% des jährlichen Praxisüberschusses eines Radiologen?

Ob das wohl funktioniert?
 zum Beitrag »
[03.02.2017, 16:21:15]
Wolfgang Bensch 
Etwas Churchill fehlt leider!
Ihm schreibt man gerne diesen Satz zu:
"Glaube keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast".
Vermeintlich lügen Zahlen nicht, allerdings spielen Herkunft, Zusammenstellung und Interpretation eine wesentliche Rolle, wobei zu berücksichtigen ist, dass es sich um eine Forschungseinrichtung der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in der Form einer rechtsfähigen Stiftung handelt.
Negative bzw. systemkritische Aussagen sind daher nicht zu erwarten.
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