Ärzte Zeitung online, 01.03.2017
 

Psychotherapie

Psychotherapeuten müssen Praxen neu organisieren

Telefonische Erreichbarkeit, feste Kontingente für schnelle Sprechstunden: Psychotherapeuten müssen ihre Praxen für die Reform der Psychotherapie kräftig umstellen. An einigen Stellen wird der bürokratische Aufwand vor Einleitung einer Therapie reduziert.

Von Hauke Gerlof

BERLIN. Die Vorgaben, die der Gemeinsame Bundesausschuss im Sommer vergangenen Jahres für die Reform der Psychotherapie gemacht hat, waren eindeutig: Reduzierung der Wartezeiten auf psychotherapeutische Betreuung im Krisenfall.

Nun werden die Vorgaben in die Versorgung umgesetzt, nachdem sich KBV und Spitzenverband der Krankenkassen auf eine Änderung der Psychotherapie-Vereinbarung geeinigt haben. Für Psychotherapeuten bringt die Reform erhebliche Änderungen im Praxisablauf. Hier die wichtigsten Neuerungen im Überblick:

- Telefonische Erreichbarkeit: Bei vollem Versorgungsauftrag müssen Psychotherapeuten ab April gewährleisten, dass die Praxis mindestens 200 Minuten in der Woche telefonisch erreichbar ist – in Einheiten von jeweils mindestens 25 Minuten.

Die Erreichbarkeit kann auch über Personal oder über Dienstleister gewährleistet werden. Die Zeiten der Erreichbarkeit müssen veröffentlicht werden.

- Psychotherapeutische Sprechstunde: Jeder Arzt und Psychotherapeut, der eine Genehmigung zur Abrechnung von Richtlinienpsychotherapie hat, muss ab April Sprechstunden anbieten, schreibt die KBV. Dies gelte ebenso für Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie.

Die neue Leistung soll eine frühzeitige diagnostische Abklärung von Beschwerden bringen und ein niedrigschwelliger Zugang zur Psychotherapie sein. Therapeuten haben pro Woche mindestens 100 Minuten für Sprechstunden zur Verfügung zu stellen, bei hälftigem Versorgungsauftrag mindestens 50 (sofern KVen keine abweichende Regelungen treffen).

Eine Sprechstunde soll dabei mindestens 25 Minuten pro Patient dauern und kann höchstens sechsmal je Krankheitsfall, also binnen vier Quartalen, bei Erwachsenen (insgesamt bis 150 Minuten) durchgeführt werden, bei Kindern und Jugendlichen höchstens zehnmal (insgesamt bis zu 250 Minuten). Der KV ist anzuzeigen, ob die Sprechstunde frei angeboten wird oder mit Terminvereinbarung.

Michael Ruh, Vorstand der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung, sieht mit dem Einstiegsangebot und der damit verbundenen Empfehlung für die weitere Behandlung "die Entscheidungskompetenz der Psychotherapeuten gestärkt".

Bisher hätten die Therapeuten nur entscheiden können, ob eine ambulante Psychotherapie angezeigt ist oder nicht, jetzt könnten sie zum Beispiel auch eine Empfehlung für eine Weiterbehandlung im Krankenhaus aussprechen.

- Akutbehandlung: Das Angebot ist gedacht zur Intervention bei akuten psychischen Krisen. Die Akutbehandlung muss Kassen nur angezeigt werden, sie ist nicht genehmigungspflichtig. Sie kann als Einzeltherapie in bis zu 24 Sitzungen zu je 25 Minuten in vier Quartalen angeboten werden.

- Rezidivprophylaxe: Bis zu zwei Jahre nach Abschluss der Langzeittherapie kann bei Bedarf eine Rezidivprophylaxe angeboten werden. Das Stundenkontingent für die Prophylaxe geht allerdings von dem Kontingent der Langzeittherapie ab, was die Therapeuten als "faulen Kompromiss" ansehen, so Ruh.

- Formulare: Mit der Strukturreform werden auch alle Formulare der psychotherapeutischen Versorgung (PTV) angepasst. Neue Formulare gibt es für die neuen Leistungen Psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung.

Gleich bleiben die Überweisung an einen Vertragsarzt zur Abklärung somatischer Ursachen vor Aufnahme einer Psychotherapie (Muster 7) und der Konsiliarbericht (Muster 22). Die KBV hat eine Ausfüllhilfe für Formulare ins Netz gestellt (kbv.de/html/27068.php).

- Gutachterpflichten: Erleichterungen gibt es bei den Gutachtenpflichten. So ist vor einer Kurzzeittherapie keine Begutachtung mehr nötig, für die Langzeittherapie entfällt ein Begutachtungsschritt und auch vor dem Start einer Gruppentherapie sei der Aufwand reduziert, berichtet Ruh: "Das ist eine echte Entlastung. Für die Berichte an den Gutachter haben die Therapeuten im Schnitt vier Stunden gebraucht."

Lesen Sie dazu auch:
Reform: Psychotherapeuten stehen vor einer Neuordnung

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