Ärzte Zeitung online, 24.03.2017
 

Dr. Wolfgang Krombholz

"Es muss sich lohnen, aus der Klinik rauszugehen"

Über ein Arztleben ohne Abstaffelung bei den Leistungen und über Nachforderungen beim Honorar berichtet Dr. Wolfgang Krombholz, Vorstandsvorsitzender der KV Bayerns, im Interview.

Von Christina Bauer

„Es muss sich lohnen, aus der Klinik rauszugehen“

© susanne-krauss.de / KVB

Zur Person

Dr. Wolfgang Krombholz ist Vorstandsvorsitzender der KV Bayerns. Der Allgemeinarzt war auch kurz Vorsitzender des Hausärzteverbands in Bayern.

Ärzte Zeitung:Überall klagen Vertragsärzte, dass ein Teil ihrer Leistungen in der MGV nicht vergütet werden. In Bayern ist das für Hausärzte offenbar anders. Warum?

Dr. Wolfgang Krombholz: Das Budget der MGV geht im Schnitt je zur Hälfte an die Haus- und Fachärzte. Bei Hausärzten gibt es wenig Honorarunterschiede. Über die letzten Jahre reicht das Honorar, um die Anforderungen nach dem EBM abzudecken, daher wird nicht quotiert. Bei den Fachärzten ist es etwas anders. Man kann nun sagen, es wird zu viel abgerufen, oder, es ist zu wenig Geld da. Das ist in den Honorarverhandlungen mit den Kassen natürlich Thema. Im Wesentlichen sind wir in Bayern aber jetzt so weit, dass viele Bereiche zu 100 Prozent ausbezahlt werden.

Hat das mit dem Abrechnungs- und Verordnungsverhalten zu tun, oder ist das bayerische Budget hoch?

Das Budget wird zunächst auf Bundesebene berechnet. Darüber hinaus verhandeln wir auf Landesebene mit den Kassen die lokalen Bedingungen. Da setzen wir die Ziele natürlich so, dass wir möglichst gut auszahlen können, und für die Praxen das Verhältnis von Aufwand und Ertrag einigermaßen stimmt. Diese Relation ist entscheidend. Wir sind damit bisher ganz gut gefahren.

Sie haben also für die Ärzte gut verhandelt?

Ich denke schon, dass wir das sagen können. Natürlich werden Sie immer hören, dass es nie genug ist, und nicht alles hundertprozentig klappt. Aber im Wesentlichen gelingt es. Bei den Verordnungen sind wir in Bayern auf der ganz guten Seite, verglichen mit anderen KVen. Dafür haben wir etwas mehr Bedarf bei ärztlichen Leistungen. Das heißt, ärztliche Leistung spart mitunter das ein oder andere Medikament. Das sind auch Aspekte, die wir mit den Kassen diskutieren.

Professor Günter Neubauer hat in Ihrem Auftrag ein Gutachten zur Honorarsituation der Ärzte erstellt. Es enthält die Forderungen, Mengenbegrenzungen abzuschaffen, Honorare an Oberarztgehältern zu orientieren und das Unternehmerrisiko zu honorieren. Denken Sie, es wird solche Änderungen geben?

Junge Kollegen entscheiden nach der Ausbildung, ob sie in der Klinik bleiben oder in die Praxis gehen. Zu meiner Zeit, vor 30, 40 Jahren, war die Situation anders. Für uns war es keine Frage, dass wir das Kapitalrisiko auf uns nehmen. Der Markt war sehr reguliert, aber wir hatten Bedingungen, mit denen wir gut arbeiten konnten. Seit Mitte der 1980er Jahre führte ein Gesetz nach dem anderen zu Abstrichen. Heute ist eine Oberarztstelle ökonomisch verglichen mit der Niederlassung sicher interessant, weil sie gute Verdienstmöglichkeiten ohne eigenes unternehmerisches Risiko bietet. Für Ärzte muss es sich aber lohnen, aus der Klinik rauszugehen. Jedenfalls, wenn man die ambulante Versorgung erhalten möchte. Die ist derzeit gut organisiert, und für die Krankenkassen vergleichsweise bezahlbar.

[27.03.2017, 11:21:08]
Thomas Georg Schätzler 
"Abkürzeritis" bei der KVB (Kassenärztliche Vereinigung Bayern)

Dass die KVB neben eigenen Landessprachen (fränkische, bayrische, inaurikulierte schwäbische und hessische Dialekte) auch eine progressive Abkürzeritis pflegt, sollte die Ärzte Zeitung nicht dazu verführen, dies als journalistischen Faux pas zu übernehmen.

MGV bedeutet "morbiditätsbedingte Gesamtvergütung" und wird von der KVB nach einer kryptischen Einleitung, die man wegen einer völlig sachfremden "Geheimhaltungsstufe" nicht kopieren darf (!) auf Seite 7 im 2. Absatz v.o. erläutert:
www.kvb.de/fileadmin/kvb/dokumente/Praxis/Infomaterial/AbrechnungHonorar/KVB-Broschuere-Erlaeuterungen-zum-HVM-2013.pdf

Entscheidender Punkt ist, dass eine MGV in allen Kliniken unbekannt ist. Krankenhäuser, deren Vergütungen seit Jahrzehnten exorbitant steigen, sehen Morbiditäts-bedingte Vergütungseinschränkungen nicht vor. Egal, wer und wie viele, wie oft und warum stationär aufgenommen werden, immer werden DRG ("diagnosis related groups")-Vergütungen bzw. vereinbarte Sonderentgelte fällig.

Vom initial von der KVB unter dem Tisch gehaltenen Neugebauer-Gutachten will ich gar nicht erst anfangen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)
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[24.03.2017, 10:35:03]
Ilka Martina Enger 
Gut verhandelt???
Manche der Aussagen des Vorsitzenden der kassenärztlichen Vereinigung muss man wohl hinterfragen!

Zum Einen ist die Honorartrennung in der KV Bayern eben nicht 50/50, sondern 52,5 zu 47,5% zu Gunsten der Hausärzte. Dieses Verhältnis wurde vor etlichen Jahren so aufgestellt nach Bundeszahlen und wurde seitdem auch nicht wieder angepasst.

In der Tat ist es so, dass die Auszahlung im hausärztlichen Bereich in Bayern seit Beginn der letzten Legislatur zu 100% erfolgt und noch "ein Schnaps pro Fall draufgelegt wurde, weil der Topf der Hausärzte so gut gefüllt war und zur Zeit noch ist, dass man noch eine Strukturpauschale ausbezahlte.
Bei den Fachärzten muss man vermutlich die Lage durchaus differenzierter betrachten. Hier wurde zu Beginn der letzten Legislatur der Jahresfallwert eingeführt, der so berechnet wurde, dass das Geld für die Bezahlung des Jahresfallwertes reicht, so lange der Fallzahlanstieg in den Grenzen von 3% bleibt. Ob dieser Jahresfallwert jedoch die Leistungen zu hundert Prozent abdeckt, kann man sicher diskutieren. Auf jeden Fall ist es nach wie vor auch in Bayern so, dass ein Teil der Leistungen eben nicht bezahlt wird, die erbracht werden. Das ist in Bayern nicht anders als im Rest des Bundesgebietes was die Fachärzte angeht.
Was jedoch dazu kommt, ist die Tatsache, dass es sehr starke Verwerfungen innerhalb der Fachgruppen gibt. Wer viele Leistungen innerhalb der budgetierten mGV erbringt, hat das kürzere Hölzchen und muss um die wirtschaftliche Tragfähigkeit seiner Praxis bangen. Wem viele extrabudgetäre Leistungen und förderungswürdige Leistungen beschwert werden, der tut sich leichter mit einer gewinnbringenden fachärztlichen Tätigkeit.

Das ist es übrigens auch, was man im Neubauergutachten herauslesen kann, wenn man sich die Mühe macht, die Zahlen mal zu studieren.
Ich finde es gelinde gesagt unverantwortlich von Herrn Krombholz diese Tatsachen, die ihm wohlbekannt sind, so zu schönen.

Wenn er von Ärztemangel auf dem Land spricht, sollte er diese Tatsachen nicht verschweigen:
Mit patienten-intensiver Zuwendungsmedizin, wie sie heute notwendig wäre, gehen viele Kollegen das Risiko ein, ihre Praxis bei vollen Wartezimmern finanziell an die Wand zu fahren.
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