Ärzte Zeitung online, 03.05.2017
 

Honorar

"Risiko der Niederlassung muss angemessen vergütet werden"

Auf die Frage, wie das bröckelnde Fundament der ambulanten Versorgung am besten zu stärken ist, gibt es keine einfachen Antworten. Bei einer Fachtagung wurden jetzt zwei Ansätze diskutiert, die zu mehr Honorargerechtigkeit für Vertragsärzte führen sollen.

Von Martina Merten

BERLIN. Perspektivisch müssen innerhalb der ambulanten Versorgung Reformen bei der Honorierung passieren, glaubt KBV Vorstand Dr. Andreas Gassen. Ansonsten ließen sich die nachgewiesenen Kapazitätsprobleme in der haus- und fachärztlichen Versorgung langfristig nicht lösen.

Dabei wurden bei einer Fachtagung des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) zur zukunftssicheren vertragsärztlichen Versorgung mehrere Ansätze diskutiert: "Ziel muss ein angemessenes und wettbewerbsfähiges Einkommen sein", unterstrich Gesundheitsökonom Professor Günter Neubauer bei der Tagung.

Neben der Aufhebung der Mengenbegrenzung über die Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung MGV ging es vor allem um zwei Punkte:

- Die Einführung eines Unternehmerlohns:Mit dem Unternehmerlohn wird das Risiko, das der niedergelassene Arzt im Vergleich zu einem angestellten Arzt eingeht, vergütet. Im Krankenhaus ist dieser Unternehmerlohn nach KBV-Angaben mit neun Prozent des Honorars kalkuliert. Umgerechnet wären das für Vertragsärzte etwa 3,2 Milliarden Euro, heißt es in einer Broschüre der KV Bayerns.

- Die Anpassung des kalkulatorischen Arztlohns: Der kalkulatorische Arztlohn ist die Berechnungsgrundlage der Vergütung, die ein Arzt erzielen soll, wenn er 51 Wochenstunden GKV-Patienten behandelt. Er orientiert sich am Jahresgehalt eines Oberarztes. Im Gegensatz zum kalkulatorischen Arztlohn wurde das Oberarztgehalt seit 2008 nach Angaben der KBV durch mehrere Tarifsteigerungen angepasst. Er müsse daher erhöht werden, betonte Neubauer, der das Institut für Gesundheitsökonomie (IfG) in München leitet. Die KBV sieht Nachholbedarf von 1,8 Milliarden Euro im Jahr durch Anpassung des kalkulatorischen Arztlohns.

Der Arztlohn ist als Basis für die EBM-Bewertung ein wesentlicher Faktor, um eine angemessene Gesamtvergütung auszuhandeln und an die Vertragsärzte auszuzahlen, erklärte Honorar Professor Karsten Scholz, Mitglied der Geschäftsführung der Ärztekammer Niedersachsen. Paragraph § 72 Absatz 2 SGB V spreche in diesem Zusammenhang von einer "strukturellen Angemessenheit" der Vergütung des Vertragsarztes.

Neubauer argumentierte in diesem Zusammenhang mit dem Prinzip der Opportunitätskosten: Kann ein Arzt als angestellter Oberarzt durch Tarifsteigerungen mehr verdienen, bleibt er eher in der Klinik, wenn sich nicht gleichzeitig die Einkommensmöglichkeiten in der Praxis entsprechend erhöhen. Ohne höheren kalkulatorischen Arztlohn als Berechnungsgrundlage für die Honorargestaltung sinke daher die Wettbewerbsfähigkeit der Arztpraxis als Ort der Berufsausübung. Das heißt, der Arzt bleibt tendenziell eher in der Anstellung – ein Trend, der aktuell ja tatsächlich seit Jahren zu beobachten ist (wir berichteten).

"Keine Anreize für Kooperationen"

Jonas Schreyögg, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg, setzt dagegen mehr auf den steigenden Unternehmerlohn, um Anreize zur Niederlassung zu setzen. "Die Vergütungsanreize dem Risiko des ärztlichen Unternehmertuns gerecht werden." Derzeit ließen sich beispielsweise die zusätzlichen Kosten von Medizinischen Versorgungszentren nur über Skaleneffekte (Größenkostenersparnisse) kompensieren. Es gebe derzeit beispielsweise "keine monetären Anreize für kooperative Versorgungsformen".

Gegenwind kam auf der Veranstaltung von den Kostenträgern und von Gesundheitspolitikern: Ob mehr Geld automatisch eine bessere Versorgung erzielt, bezweifelt Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes. "Ärzte müssen keine Unternehmer sein, sie können auch alle angestellt arbeiten", so von Stackelberg während des ZI-Forums. "Eine höhere Vergütung würde von der Politik dann unterstützt, wenn die verfasste Ärzteschaft mehr tun würde", lautete die Meinung von CDU-Politiker Erwin Rüddel, MdB. Das sei allerdings nicht erkennbar.

[04.05.2017, 07:48:24]
Johannes Hupfer 
Wir können auch alle angestellt arbeiten?
Schön Herr Stackelberg. Kein Problem als Angestellte zu arbeiten... aber dann bitte auch die gesamten
Unkosten tragen.... und 35 Stundenwoche... und wenn ich krank bin, bleibt der Laden geschlossen...
Dummes Gerede... der GKV- Vorsitz weiß doch genau, daß dies nicht zu finanzieren ist... aber macht sich einfach
gut, nachdem wir im Handelsblatt wieder als Spitzenverdiener ausgezeichnet worden sind... nur weiter so...
Apple entwirft gerade den kostengünstigen Kassenarztrobi, der 24 Stunden zur Verfügung steht.. zum Beitrag »

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