Ärzte Zeitung online, 21.06.2017
 

Niedersachsen

Chronikerziffer sorgt für Ärger

Die Chronikerpauschale 03220 wurde mit dem EBM 2013 eingeführt. Die Abrechnungsvoraussetzungen gaben anfangs vielfach zu Fehlern Anlass. In Niedersachsen werden die Hausärzte jetzt davon eingeholt.

Von Christian Beneker

Chronikerziffer sorgt für Ärger

Chronische Darmerkrankung? Ein Fall für die Chronikerpauschale. Deren Voraussetzungen können aber auch Bauchschmerzen bereiten.

© dragon_fang / Fotolia

HANNOVER. Die AOK und die DAK in Niedersachsen haben sachlich-rechnerische Berichtigungsanträge aufgrund der Chronikerpauschalen für die ersten drei Quartale in den Jahren 2013 beziehungsweise 2014 gestellt. Betroffen sind nach Angaben der KV Niedersachsen (KVN) derzeit rund 3400 Praxen. Der Vorgang hat viele Hausärzte im Land gründlich verärgert. Abgesehen von den möglichen Regress-Summen und der Arbeit, die den Hausärzten nun ins Haus steht, hat die Betroffenen vor allem verärgert, dass sie so spät von den Anträgen erfuhren, obwohl die KV längst Bescheid gewusst habe. "Wir haben das aus dem Briefkasten erfahren", beklagt Dr. Jens Wagenknecht, Hausarzt in Varel und Mitglied im Vorstand des Hausärzteverbandes Niedersachsen.

Hausärzte in Aufruhr

"Das hat uns unvorbereitet getroffen." Seither laufe das Telefon beim Verband heiß. "Die Empörung ist groß." Tatsächlich spreche man schon seit 2015 mit der KV über Implausibilitäten bei den Chronikerziffern, bestätigt AOK-Sprecher Carsten Sievers. Die Hausärzte wären gerne vorgewarnt worden, meint Wagenknecht. Nun ist der Ärger da.

Laut eines Beschlusses des Bundessozialgerichtes vom März 2016 sollen die Kassen die KVen direkt von ihren Prüfergebnissen unterrichten. "Die "Unterrichtung" hat die Wirkung, dass die KVen die Ergebnisse unmittelbar von Amts wegen umsetzen müssen", so KV Sprecher Detlef Haffke. Die KV ist laut BSG an das mitgeteilte Ergebnis gebunden und hat dieses nur noch im Verhältnis zu den betroffenen Vertragsärzten durch Bescheid umzusetzen. Ein Recht, das Prüfergebnis inhaltlich selbst zu überprüfen, steht ihr nicht zu.

In Niedersachsen hat die KV dessen ungeachtet die Antragsvolumina der Kassen prüfen können. Nach Minderung des Antragsvolumens durch die KVN um 400.000 Euro beträgt das Berichtigungsvolumen aufgrund unplausibel abgerechneter Chronikerziffern allein bei DAK-Patienten rund 1,4 Millionen Euro. Betroffen sind hier über 81.000 Fälle in 3110 Hausarztpraxen. Sie alle müssen nun belegen, dass sie die Ziffern korrekt angesetzt haben – durchschnittlich in 26 Fällen pro Praxis. Häufigste Fehlerquelle beim Ansatz der Chronikerziffer waren laut KV-Sprecher Haffke die mangelhafte Berücksichtigung der geforderten Besuchskontinuität über vier Quartale sowie insbesondere die Unterbrechung dieser Kontinuität im Zusammenhang mit einem Arztwechsel. Die im Raum stehende durchschnittliche Regresshöhe pro Praxis beträgt laut KV 485,18 Euro. "Die tatsächlichen Summen liegen aber weit auseinander, und zwar zwischen zehn und 14.000 Euro", erläutert Haffke.

Bei der AOK dreht es sich um eine ursprüngliche Antragssumme für die Quartale I-III 2014 von 1,19 Millionen Euro. Nach Prüfung der KVN blieben davon 415.000 Euro, die sich nun auf 2087 Praxen mit durchschnittlich 49 Regressen verteilen. Unterdessen hat die AOK auch die Jahre 2015 und 2016 unter die Lupe genommen. Carsten Sievers beziffert die Antragssumme für alle drei Jahre auf rund 1,7 Millionen Euro. "Dabei haben wir bei der Prüfung noch ganz niederschwellig angesetzt", sagt er.

Geld geht zurück in den Ärztetopf

Inzwischen haben KV und Hausärzteverband ein Rundschreiben verfasst, mit dem sie die Wogen glätten wollen. Man bemühe sich um eine Lösung mit den Kassen, heiße es in dem Brief, so Wagenknecht. De jure ist die Sache wasserdicht, da sind sich KVN und Hausärzteverband einig. Kurioserweise dürften aber die möglichen Nachzahlungen der Ärzte ihnen nicht einmal groß schaden. Denn das Geld wird nicht an die Kassen gehen, sondern fließt über die morbiditätsorientierte Gesamtvergütung zurück in den Hausärztetopf. Wagenknecht: "Unser größtes Problem ist die verspätete Kommunikation durch die KV Niedersachsen." Die KVN indessen verweist darauf, die Abrechnung der Chronikerziffern schon immer stichprobenartig geprüft und gegebenenfalls gestrichen zu haben. "Vielleicht hätten wir die Kommunikation über die Anwendung der Chronikerziffer intensiver betreiben müssen", gibt sich Haffke selbstkritisch.

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