Ärzte Zeitung online, 13.09.2017

Neue GOÄ

"Spannend wird es, wenn es um Bewertungen geht"

Kurz vor der Bundestagswahl kommen die GOÄ-Verhandlungen in die heiße Phase. Im Interview erläutert Stefan Tilgner, Vorstand der Stiftung Privatmedizin, wo dabei die Knackpunkte liegen und wie die Stiftung privatmedizinisch aktive Ärzte unterstützen kann.

Von Hauke Gerlof

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Wie werden in Zukunft privatmedizinische Leistungen bewertet? Genau das steht in den Verhandlungen über die neue GOÄ in den kommenden Wochen und Monaten an.

© thomas lehmann/Getty Images / iS

Ärzte Zeitung: Herr Tilgner, die Stiftung Privatmedizin besteht jetzt einige Zeit. Was haben Sie erreicht, und was wollen Sie mit der Stiftung auf mittlere bis lange Sicht schaffen?

Stefan Tilgner: Die Stiftung wurde Ende 2013 ins Leben gerufen, weil wir der Meinung waren, dass Eigenverantwortung, freie Entscheidungsoptionen und eine von Vertrauen getragene, ungestörte Beziehung zwischen Patient und Arzt Werte, ja demokratische Errungenschaften, darstellen, die im deutschen Gesundheitswesen unterrepräsentiert sind.

Bei allem Verständnis für das Primat einer sozialstaatlichen Gesundheitsversorgung, die wohl naturgemäß kostenzentriert und auf Verteilungsfragen hin orientiert sein muss.

Dies ist keine leichte Aufgabe, die wir uns gestellt haben. Die "Privatheit" im Gesundheitswesen, diesen kleinen Schutzraum, in den Fokus der Diskussion rücken zu wollen, ist eine Sisyphusarbeit. Aber in unseren Diskussionsveranstaltungen wie auch in der Resonanz auf unsere Schriften nehmen wir ein zunehmendes Interesse wahr. Dies spornt uns an.

Wer sind die Kapitalgeber?

"Spannend wird es, wenn es um Bewertungen geht"

Stefan Tilgner, Vorstand der Stiftung Privatmedizin.

© PVS Verband

ST: Die Initiative ging zunächst von den Privatärztlichen Verrechnungsstellen im Verband aus. Ziel war es von Anfang an, die Stiftung auf eine möglichst große Zahl an unterschiedlichsten Stiftern und Spendern aufzubauen, um die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen. Diesem Ziel sind wir langsam, aber deutlich näher gekommen.

Gerade im Vorfeld der Bundestagswahl werden Themen wie Bürgerversicherung, ungleiche Behandlung von Privat- und Kassenpatienten etc. wieder hochgekocht. Was kann die Stiftung zu diesen Debatten beitragen?

ST: Sie kann durch ihre Veranstaltungen und Ihr Wirken zur Versachlichung beitragen. Denn leider werden solche Debatten ideologisch und wenig faktenbasiert geführt. Das führt allenfalls zu einer Vertiefung bestehender Gräben.

Der Anteil der Privatmedizin hat nach der aktuellen Kostenstrukturanalyse des Statistischen Bundesamtes erstmals wieder etwas nachgegeben. Wohin geht der Trend aus Ihrer Sicht?

ST: Der Trend geht ganz klar in Richtung Privatmedizin, und zwar losgelöst von versicherungsspezifischen Betrachtungen. Denn: Schaut man sich die gesamte Bandbreite der Privatmedizin inklusive Selbstzahlermarkt an, zeigen die langfristigen Daten allesamt nach oben, weil die Bereitschaft, mehr für sich und seine Gesundheit zu tun, generell gewachsen ist.

Ein Übriges wird Folge der demografischen Entwicklung sein: nämlich die Erkenntnis, dass in einem umlagefinanzierten System zunehmend weniger das von der Solidargemeinschaft mit getragen werden kann, was wünschenswert ist.

Sie haben im vergangenen Jahr das GOÄ-Institut gegründet, um den Prozess der GOÄ-Novelle mit Datenanalysen zu begleiten. Inwieweit hat sich das Institut mit seiner Expertise und dem Datenfundus der PVS bereits einbringen können?

ST: Das Institut hat eine Reihe von begleitenden Untersuchungen für mehrere Berufsverbände durchgeführt. Ziel war es dabei zunächst, ein möglichst genaues Abbild des jeweiligen Leistungsgeschehens dieser Berufsgruppe zu erhalten.

Dies war sicher eine bescheidene, aber durchaus wertvolle Unterstützung bei der Aufgabe, die Systematik für die Leistungsbeschreibungen für den eigenen berufsgruppenspezifischen Bereich in einer künftigen GOÄ zu erarbeiten.

Nach dem Hin und Her im vergangenen Jahr: Sehen Sie den Prozess der GOÄ-Novelle jetzt auf einem guten Weg? Wo hapert es noch, wenn man den aktuellen Verhandlungsstand betrachtet?

ST: Der Prozess ist vor allem auf dem Weg. Das ist gemessen an den zurückliegenden 30 Jahren schon positiv! Aber machen wir uns nichts vor. Spannend wird es, wenn die Bewertungen der künftigen Leistungen verhandelt und diskutiert werden.

Thema Selbstzahlerleistungen: Aufgrund der regen Pressearbeit der Verbraucherschützer und der Krankenkassen sind sie so etwas die Schmuddelkinder der Privatmedizin. Zu Recht?

ST: Es ist in jedem Falle bedauerlich, wenn ein kleiner Teil an durchaus fragwürdigen Leistungen das gesamte Spektrum guter, innovativer und medizinisch wertvoller Leistungen in Misskredit bringt. Hier liegen erhebliche Versäumnisse, denen durch aktive Aufklärung begegnet werden sollte.

Wie könnte sich die Stiftung Privatmedizin in diese Diskussion um den Nutzen und den Missbrauch von IGeL konstruktiv einbringen?

ST: Ich persönlich lehne den Begriff IGeL rundweg ab. Er ist verbrannt, weil er in die falsche Richtung weist.

Im Grunde geht es doch um nichts anderes als darum, dass Innovationen, neue und gegebenenfalls auch wünschenswerte Leistungen einen Weg in die Versorgungsrealität finden können. Auf Grundlage einer freien Entscheidung des Einzelnen und im Rahmen eines intakten Patienten-Arzt-Verhält- nisses.

Voraussetzung dafür sind Entscheidungskriterien, die allen Beteiligten an die Hand gegeben werden müssen – eine Aufgabe, der sich unsere Stiftung verstärkt widmen wird.

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