Ärzte Zeitung, 13.09.2017
 

Videosprechstunde

Neustart mit den ersten zertifizierten Anbietern?

Ist die Videosprechstunde als Leistung im EBM ein Rohrkrepierer? Zunächst sah es so aus, weil kein einziger Anbieter die für die Regelversorgung erforderliche Zertifizierung hatte. Das hat sich mittlerweile geändert. Doch die Kritik an der Honorarhöhe bleibt.

Von Hauke Gerlof

Neustart mitden ersten zertifizierten Anbietern?

© La-Well Systems GmbH

Es kommt eher selten vor, dass die Selbstverwaltung die Realisierung gesetzlicher Anforderungen schneller bewältigt als vorgegeben. Bei der Einführung der Videosprechstunde als Regelleistung schienen Kassenärztliche Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband sogar drei Monate "zu früh" zu sein, die Leistungen nach den Positionen (GOP) 01439 und 01450 wurden zum 1. April eingeführt, Vorgabe im E-Health-Gesetz war der 1. Juli.

Doch stellte sich bald heraus, dass zunächst kein Anbieter die Bedingungen an eine sichere Kommunikation erfüllen konnte. Es fehlten die Nachweise durch eine Zertifizierungsstelle. Die Folge war, dass im zweiten Quartal noch kein Arzt die neue Leistung abrechnen konnte. Es blieb – wie zuvor auch – bei einzelnen Anwendungen, die durch Selektivverträge mit Krankenkassen abgedeckt waren.

Der Startschuss fiel im Juli

Das änderte sich erst im Juli, nachdem die Videokonferenz-Software elVi®, die im Ärztenetz Medizin und Mehr (MuM) entwickelt worden war, von der TÜV IT GmbH zertifiziert worden war. Seitdem habe die Nachfrage deutlich angezogen, berichtet der Chirurg Dr. Hans-Jürgen Beckmann aus Bünde, einer der Initiatoren des Projekts, das im Frühjahr mit dem Erfolgs-Rezept Praxis-Preis von Springer Medizin und UCB Innere Medizin ausgezeichnet worden war.

Die Software sei "mittlerweile in Bünde, Köln, Leipzig, im Rheinischen und verschiedenen anderen Orten in über 120 Arztpraxen, 20 Pflegeheimen und 40 sonstigen Anwendungen im Einsatz", erläutert Beckmann. Auch im vom Innovationsfonds geförderten Projekt TelNet@NRW setze man für die Verbindung zwischen Arztpraxen und Universitätskliniken auf diese Software.

Der Einsatz der Videosprechstunde bringe den Ärzten Zeitersparnis, führt Beckmann aus, der werde beispielsweise auch in Pflegeheimen sehr geschätzt. "Zum Durchbruch werden diese Vorteile der Videosprechstunde allerdings nicht verhelfen", glaubt der in dieser Hinsicht eher pessimistische Beckmann, "da muss die Vergütung einfach verbessert werden".

Enge Grenzen für die Abrechnung

Tatsächlich kann die GOP 01439 (88 Punkte, 9,27 Euro) nur abgerechnet werden, wenn es keinen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt im Quartal gegeben hat; und der Technik-Zuschlag GOP 01450 (40 Punkte, 4,21 Euro) ist nur bis zu 50 Mal im Quartal je Arzt abrechenbar.

Der Grund: KBV und GKV-Spitzenverband glauben, dass damit die Kosten für die Videosprechstunde bereits mehr als abgedeckt seien. Die KBV schätzt die Lizenzkosten für die Software auf ca. 100 Euro im Quartal.

Die Videosprechstunde trifft nach den Ergebnissen mehrerer Studien (Bertelsmann, Stiftung Gesundheit) tatsächlich einen gewissen Bedarf: Demnach würde fast die Hälfte der Patienten mit ihrem Arzt per Video Kontakt aufnehmen, wenn es möglich ist. Zudem ist die Bereitschaft bei knapp 50 Prozent der Ärzte da, eine Videosprechstunde anzubieten. Auch die Studie Smart Health der TK zeigt eine große Offenheit in Richtung Online-Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten.

Vier Hersteller vorhanden

Vielleicht auch deshalb haben sich nach dem ersten Anbieter innerhalb von wenigen Wochen drei weitere Anbieter von Videosprechstunden-Software zertifizieren lassen. So sind jetzt vier Hersteller am Markt:

  • die La-Well Systems GmbH mit elVi® aus Bünde,

  • der bereits seit einigen Jahren in Selektivverträgen mit einzelnen Arztnetzen etablierte Anbieter Patientus, mittlerweile ein Tochterunternehmen des Arztbewertungsportals jameda.de, mit der Software Patientus Online Videosprechstunde,

  • die DeinWeb AG mit www.ärztecam.de und

  • die XPERTyme GmbH (www.medityme.com), die mit Videokonferenzsystemen in mehreren Branchen unterwegs ist.

Voraussetzung für die Abrechnung einer Videosprechstunde sind unter anderem eine schriftliche Einwilligung des Patienten, ein Raum, der Privatsphäre gewährleistet, ein störungsfreier und vertraulicher Verlauf der Sprechstunde, Werbefreiheit, die Erkennbarkeit des Namens des Patienten für den Arzt und das Zertifikat des Herstellers, das unter anderem eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der verschickten Daten garantiert.

Die zertifizierten Anbieter sind nachzulesen auf der Website der KBV.

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