Ärzte Zeitung online, 20.09.2017
 

Pädiatrie

Kinderschutz krankt an fehlender Vergütung

Pädiater halten die anspruchsvolle Arbeit der interdisziplinären Teams in Kliniken für unterbezahlt.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. In Kliniken gibt es gravierende Lücken beim Kinderschutz, weil sich die Selbstverwaltung bislang nicht zu einer Vergütung für die komplexen Leistungen der zuständigen interdisziplinären Teams durchringen konnte. "Das ist ein Skandal allererster Güte", sagte Dr. Stephan Waltz, Ärztlicher Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums des Kinderkrankenhauses Amsterdamer Straße in Köln, anlässlich des am Mittwoch beginnenden Kongresses für Kinder- und Jugendmedizin in Köln.

Waltz ist bei dem Kongress Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Weitere Veranstalter sind die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie, der Berufsverband für Kinderkrankenpflege und erstmals auch die Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie.

"Mit dem Kongress wollen wir auf die Bedeutung des Kinderschutzes hinweisen und erreichen, dass die aufwändige Arbeit eine Vergütung bekommt und geleistet werden kann", sagte Waltz.

Allein 2016 sind der Kriminalpolizei 4237 Fälle von Kindesmissbrauch gemeldet worden, davon 1933 bei Kindern unter sechs Jahren. "Es gibt eine riesige Dunkelziffer", sagte er. Die Diagnostik und Behandlung von Kindern, die mit Verdacht auf Misshandlung in eine Klinik kommen, sei ein aufwendiger Prozess. "Das Ziel ist dabei immer, das Kind aus der Gefahrenzone zu bringen." Es bedürfe einer umfassenden und sensiblen Anamnese und Untersuchung, nicht zuletzt, um andere Erkrankungsursachen auszuschließen. Gefragt sei ein sehr vorsichtiger Umgang mit den Eltern.

"Wir arbeiten beim Kinderschutz immer interdisziplinär", erläuterte der Sozialpädiater. Einbezogen sind außer Ärzten verschiedener Fachgruppen Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Psychologen und nicht zuletzt das Jugendamt. "Alle gemeinsam besprechen am runden Tisch, was sie für das Kind und die Familie tun können."

Seit 2013 gibt es beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information einen Prozedurenschlüssel für die Arbeit der Teams: OPS 1-945 "Diagnostik bei Verdacht auf Gefährdung von Kindeswohl und -Gesundheit".

GKV-Spitzenverband, PKV-Verband und Deutsche Krankenhausgesellschaft haben ihn aber noch nicht freigegeben, berichtete Waltz.

"Kommt ein Kind mit Verletzungen durch Kindesmisshandlung ins Krankenhaus, so wird die Arbeit dort nicht anders vergütet als bei einem Sportunfall." Große Kinderkliniken könnten sich in der Regel anders behelfen, sagte er. In seinem Haus etwa wird der Psychologe über einen Förderverein bezahlt. In kleineren Kliniken sähe das anders aus. "Es gibt große Lücken, wo der Kinderschutz nicht gut gemacht werden kann."

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