Ärzte Zeitung online, 13.10.2017
 

Existenzgründung

Finanzielle Anreize allein locken Ärzte nicht aufs Land

Geld allein zieht Mediziner nicht in Landpraxen – das gilt nicht nur in Deutschland. Andere Anreize wiegen schwerer, so eine Studie.

Von Ilse Schlingensiepen

Finanzielle Anreize allein locken Ärzte nicht aufs Land

© Reimer - Pixelvario / fotolia.co

KÖLN. Ärzte, die es bei der Niederlassung in die Städte zieht, lassen sich durch Zuschüsse, Einkommensgarantien oder Bonuszahlungen kaum aufs Land locken. Diese Erfahrung ist kein deutsches Spezifikum. Auch in anderen Ländern sind Mediziner mit Geld allein nicht dazu zu motivieren, sich in unterversorgten Regionen niederzulassen. Das zeigt die aktuelle Untersuchung "Regionale Verteilung von Ärzten in Deutschland und anderen ausgewählten OECD-Ländern" des Wissenschaftlichen Instituts der privaten Krankenversicherung (WIP).

"International zeigte sich, dass die von Ärzten empfundenen Nachteile einer Beschäftigung in Regionen, die etwa von Bevölkerungsschwund und unattraktiver Infrastruktur betroffen sind, schwer durch finanzielle Anreize aufzuheben sind", schreibt WIP-Projektleiterin Dr. Christine Arentz in dem Diskussionspapier. Ihm liegt die Analyse etlicher Studien zum Thema zugrunde. Einbezogen waren Länder, deren Wirtschaftskraft mit derjenigen Deutschlands vergleichbar ist. Eine wenig überraschende Gemeinsamkeit: "Ärzte lassen sich, wie andere Berufsgruppen auch, lieber in Regionen nieder, die mit guten Job-, Bildungs-, Kultur- und Betreuungsangeboten für die Familie sowie einer guten Verkehrsinfrastruktur aufwarten können."

Die Länder setzen auf unterschiedliche Maßnahmen, um für eine regional gleichmäßigere Verteilung von Ärzten zu sorgen. Bei den bereits aktiven Ärzten nutzen auch Kanada, Dänemark, Frankreich und Großbritannien finanzielle Anreize. Hinzu kommt die Bedarfsplanung, die in Deutschland, Dänemark, Norwegen und teilweise Kanada eine Rolle spielt.

Einige Länder nehmen bereits angehende Mediziner in den Blick, etwa mittels bestimmter Zulassungskriterien zum Studium, Praktika oder die Errichtung von Universitäten in unterversorgten Gebieten. Helfen gegen regionale Ungleichgewichte sollen auch Telemedizin, die Erlaubnis neuer Praxisformen wie Filialpraxen oder Zentren sowie die Arbeitsteilung mit anderem medizinischen Personal.

Arentz stellt klar, dass es keine allgemeingültigen Lösungen gegen Unwuchten in der regionalen Arzt-Verteilung gibt, sondern die regionalen Besonderheiten beachtet werden müssten. "Zudem muss festgestellt werden, dass viele der genannten Maßnahmen in unterschiedlicher Intensität, aber bereits seit einiger Zeit in verschiedenen Ländern erprobt wurden, ohne dass diese die ungleiche Verteilung von Ärzten behoben hätten."

Die Autorin weist darauf hin, dass eine unterschiedliche regionale Arzt-Verteilung auch nicht zwingend mit Unter- oder Überversorgung einhergehen muss. "Unterschiedliche Ärztedichten können beispielsweise durch die unterschiedliche Organisation der Leistungserbringung oder unterschiedliche Präferenzen der Bevölkerung bedingt sein", erläutert sie. Zudem könne insbesondere in der fachärztlichen Versorgung eine stärkere regionale Konzentration unter Umständen auch mit höherer Qualität einhergehen. Nach der Untersuchung gibt es in allen Ländern eine ungleiche regionale Verteilung von Ärzten. Finanzierung und Organisierung des Gesundheitssystems spielen dabei keine Rolle. Deutschland verfügt im Vergleich über eine hohe Haus- und Facharztdichte, die regionale Ungleichverteilung ist nicht außergewöhnlich hoch.

© Reimer - Pixelvario / Stock.Adobe

[13.10.2017, 16:26:16]
Thomas Fuchs 
Anachronistische Lösungsvorschläge
Sieht man sich die jungen Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus an, die sehr bedacht sind auf ihre Work-Life-Balance, dann kann man sich an einem einzigen Finger abzählen, dass ein "mehr Geld" nur einen Bruchteil der nachwachsenden Generation ansprechen wird.

Die Menschen und potentiellen Patientinnen und Patienten ziehen aus den gleichen Gründen weg, aus denen die jungen Ärztinnen und Ärzte und auch Geschäftsleute dort nicht investieren und nicht leben wollen. Das (Lösungs-)Angebot muss sehr viel vielschichtiger sein. zum Beitrag »

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