Ärzte Zeitung online, 24.11.2010

EU-Parlament billigt Patienteninfos für Rx-Arzneien

STRAßBURG (dpa). Patienten in der EU sollen sich künftig umfassender über verschreibungspflichtige Medikamente informieren können.

EU-Parlament billigt Patienteninfos für Rx-Arzneien

Abstimmung im EU-Parlament in Straßburg: Klares Votum für mehr Informationen über Rx-Arzneien.

© dpa

Nach einer neuen EU-Richtlinie soll ein unabhängiges Internetportal geschaffen werden, das auch Fakten über Krankheiten und Therapiemöglichkeiten liefert. Das EU-Parlament stimmte am Mittwoch in Straßburg mit deutlicher Mehrheit für den Richtlinienentwurf, über den allerdings noch mit dem Rat verhandelt werden muss.

"Wichtig ist, was der Patient wissen will, und nicht, was die Industrie verkaufen will", sagte der Christdemokrat und Arzt Peter Liese. "Was wir uns vorstellen sind allgemeinverständliche Erklärungen in einer Sprache, die jeder versteht." In einer Rubrik "Häufig gestellte Fragen" sollen Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente zusammengefasst werden.

"Das Recht, sich als Patient und Verbraucher aus zertifizierten Quellen zu informieren, ist ein bahnbrechender Erfolg", betonte der liberale EU-Parlamentarier Jorgo Chatzimarkakis.

Die Industrie soll Informationen über verschreibungspflichtige Medikamente nur dann weitergeben können, wenn diese vorab von der europäischen Arzneimittelagentur in London geprüft wurden.

Weil seit Jahren über dieses Thema kontrovers diskutiert wurde, dürfte nach Ansicht von Liese eine Einigung mit den EU-Regierungen nicht vor Ende 2011 zustande kommen.

Der ursprüngliche Vorschlag der EU-Kommission 2008, das bestehende Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente zu lockern, hatte massiven Protest bei Parlamentariern, Krankenkassen und Ärzten ausgelöst.

[24.11.2010, 16:54:18]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
EU is good for You!
Eine vernünftige Entscheidung des EU-Parlaments: Jeder Patient und jede Patientin muss alle Beipackzettel frei zugänglich lesen können. Besonders Kranke im Hospital, die z. T. Tabletten(un)mengen verabreicht bekommen, ohne dass jemals eine dazugehörige "Packungsbeilage von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln" überreicht wurde. Wichtig ist, dass Inhalt bzw. Qualität der Arzt- und Patienteninformationen auch bei den Adressaten ankommen, und nicht nur die Interessen der Pharmaindustrie reflektiert werden. Stilblüten und Irreführendes sind immer wieder verbesserungswürdig. Wir Vertragsärzte gehen da mit Qualitätssicherung, TÜV, KPQ und QM mit gutem Beispiel voran.

Negativproben? Bitte sehr: Als die ersten Captopril-Präparate zur Hypertonietherapie herauskamen, stand im Beipackzettel noch ernsthaft, "Nach Einnahme der ersten Tablette muss der Patient mindestens 8 Stunden unter ständiger ärztlicher Beobachtung bleiben". Bei Omeprazol Gabe auf Intensivstationen wird heute noch vor akuter Erblindung beim Patienten gewarnt, weil das Medikament als Standard-Begleitmedikation auch nach risiko- und komplikationsreichen Augen- OP’s, die selbst zu Anopsie als Ergebnis führen konnten, verabreicht wurde. Bei der Neueinführung von Prasugrel (Efient) gibt es Fachinfos zu bestaunen:
"Tabelle 2 Hämorrhagische und nicht-hämorrhagische Nebenwirkungen;
Systemorganklasse Häufig Gelegentlich Selten" unter der Rubrik
"Verletzung, Vergiftung und durch Eingriffe bedingte Komplikationen:
P r e l l u n g, Blutung nach Eingriff, Subkutanes Hämatom.

Was mag da wohl die Prellung für eine Nebenwirkung sein? Prellen sich die Patienten häufiger? Holen Sie sich Prellungen bei Ihrem Arzt, weil es dort bei der Sprengung seines Medikamentenbudgets zu stumpfen Traumata kommen kann. Vermehrt „Blutungen nach Eingriffen“ und „subkutane Hämatome“ sind nachvollziehbar. Und sicher gibt es auch Medikamente, die jene Krankheiten erst bewirken, die ärztlicherseits zu therapieren vorgegeben wurde. Oder passieren Prellungen unter Efienteinwirkung eher, weil die Patienten dann orientierungslos herumlaufen? Aber was zerbreche ich mir eigentlich den Kopf? Wahrscheinlich ist einem Patienten in Phase IV der Arzneimittelprüfung eine 1.000 Pillen-Packung Efient versehentlich auf den rechten Fuß geknallt.... Und hat eine böse Prellung mit subkutanem Hämatom verursacht!

Wann wird das EU-Parlament Beipackzettel für Vorschlaghämmer beschließen? Da wird dann sicher vor Prellungen als Nebenwirkungen gewarnt ... und natürlich vor der Einnahme von Prasugrel (Efient), weil Riesenhämatome drohen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund
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