Ärzte Zeitung, 03.03.2017
 

Tag des Hörens

Hörhilfen stoßen oft auf taube Ohren

Bei der Hörgeräteversorgung in Deutschland klaffen noch Defizite, monieren HNO-Ärzte anlässlich des Welttags des Hörens. Und: Nur ein Drittel der Hörhilfenbesitzer trägt sie immer.

Von Matthias Wallenfels

Hörhilfen stoßen oft auf taube Ohren

© Bandika / Fotolia

GENF/STÄFA/FRANKFURT. Hörverlust muss als Aufgabe der öffentlichen Gesundheit verstanden und mit entsprechenden Präventions- und Interventionsmaßnahmen – unter anderem mit dem Zugang zur Hörgeräteversorgung – begegnet werden. Mit dieser Empfehlung wendet sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) angesichts des Welttags des Hörens am 3. März vor allem an die Länder mit geringem und mittleren Einkommen.

Nach der Definition der Weltbank sind dies zum einen Länder mit einem Bruttonationaleinkommen von maximal 1045 US-Dollar pro Kopf und Jahr, wie Guinea, Liberia und Sierra Leone. Zum anderen geht es um Länder mit einem Bruttonationaleinkommen zwischen 1046 und 4125 US-Dollar je Kopf und Jahr, wie Indien, Indonesien oder Myanmar. Denn von den 360 Millionen Menschen, die weltweit von Gehörschädigungen betroffen seien, lebe die überwiegende Mehrheit in solchen Staaten mit entsprechenden Versorgungsdefiziten.

Kosten bis zu 790 Milliarden Dollar?

In ihrem aktuellen Bericht "Global costs of unaddressed hearing loss and cost-effectiveness of interventions" macht die WHO dann eine teils abenteuerlich anmutende Rechnung auf. So beliefen sich die weltweit durch unbehandelte Hörminderungen versachten Kosten auf geschätzte rund 750 bis 790 Milliarden US-Dollar jährlich. Die WHO bezog für die Evaluierung 50 internationale Studien ein, gesteht allerdings ein, dass die Zahlen teils geschätzt sind, da oftmals länderspezifische Daten fehlten – gerade von den am meisten betroffenen Staaten. Allein zwischen 67 und 107 Milliarden Dollar sollen auf den Gesundheitssektor entfallen, wobei die Kosten für Hörhilfen und Cochlea-Implantate für Kinder und Erwachsene ausgenommen sind. Dazu taxiert die WHO 3,9 Milliarden Dollar für Erziehungs- und Betreuungsaufwände für schwerhörige Kinder sowie Produktivitätseinbußen aufgrund von Arbeitslosigkeit und Frühverrentungen in Höhe von 105 Milliarden Dollar.

Den Löwenanteil nehmen, so die WHO, die gesellschaftlichen Kosten in Höhe von 573 Milliarden Dollar als Resultat sozialer Isolation und Stigmatisierung aufgrund von Schwerhörigkeit ein. Um diese Größe zu berechnen machte die WHO laut Bericht aus Mangel an spezifischen Daten den Kunstgriff, die Kosten des Hörverlustes so zu definieren, dass ein behinderungsbereinigtes Lebensjahr (Disability Adjusted Life Year / DALY) sehr konservativ beziffert wird auf ein kaufkraftparitätenadjustiertes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Auf die reichsten Länder entfallen demnach 47,22 Prozent der geschätzten sozialen Kosten – 270,8 Milliarden Dollar.

Um künftig bessere Prognosen abgeben zu können, mahnt die WHO eine bessere Datenerfassung und -aufbereitung in vielen Staaten an. Die Forderung ist nicht neu. So haben jüngst die Vereinten Nationen Vertreter aller Staaten nach Kapstadt zum ersten UN World Data Forum geladen, um Standards für die Statistikwesen zu definieren. Denn laut UN-Statistik erfassen mehr als 100 Länder zum Beispiel Geburten und Todesfälle nicht genau (wir berichteten).

Für Deutschland verweist der Bundesverband der Hörgeräte-Industrie (BVHI) auf eine Studie der britischen Ear Foundation, die analog zur WHO die in Deutschland durch unbehandelte Hörminderungen jährlich anfallenden Kosten auf 30 Milliarden Euro taxieren. Dr. Jan Löhler, Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für angewandte HNO-Heilkunde des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte, sieht darin vor allem eine Folge unzureichender Vorsorge sowie verzögerter Diagnose und Therapie von Schwerhörigkeit. "Obwohl wir in dem Land mit dem leistungsfähigsten Gesundheitswesen der Welt leben, wird auch bei uns das Symptom Schwerhörigkeit noch immer viel zu wenig beachtet, und die dahinter stehenden Erkrankungen werden viel zu spät HNO-ärztlich diagnostiziert", moniert Löhler. Die Folgen für die Betroffenen seien ein kognitiver Leistungsverlust, ein erhöhtes Sturzrisiko, sowie Demenzbeschleunigung und Depressionen.

Da Schwerhörigkeit oft schleichend beginne, seien die zugrunde liegenden Erkrankungen nur durch eine konsequente Früherkennung erkennbar. "Hier liegt eine gewaltige Aufgabe vor uns", prophezeit Löhler.

Dass die frühzeitige Versorgung einer Hörminderung mit modernen Hörsystemen der beste Weg sei, diese Kosten zu vermeiden oder zumindest erheblich zu senken, betont auch Dr. Shelly Chadha von der WHO: "Es ist belegt, dass Prävention, frühe und regelmäßige Hörtests sowie das im Bedarfsfall kontinuierliche Tragen von Hörsystemen die besten Voraussetzungen sind, um die mit Schwerhörigkeit verbundenen Kosten zu minimieren. Eine Investition in die frühzeitige Erkennung und Versorgung von Hörminderungen sei kosteneffizient."

Steigende Nachfrage nach Hörtests

Wie eine online-repräsentative Befragung von Deutschen ab 14 Jahre im Auftrag des BVHI, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt, ergibt, haben 71 Prozent bereits einen Hörtest durchführen lassen – 2016 waren es nur 62 Prozent. Sechs Prozent der Befragten gaben an, ein Hörgerät zu besitzen – wobei nur 32 Prozent die Hörhilfe auch regelmäßig tragen.

Gefragt nach den Infoquellen, entpuppen sich – wenig überraschend – HNO-Fachärzte mit 43 Prozent als wichtigster Ansprechpartner, gefolgt mit 36 Prozent von Hörgeräteakustikern. Sechs Prozent würden in puncto Hörminderung zuerst ihren Hausarzt ansprechen, ein Prozent würde sich der Krankenkasse anvertrauen. In einer ebenfalls aus Anlass des International Ear Care Day erstellten Bevölkerungsbefragung in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, der Schweiz und den USA im Auftrag der Hear the World Foundation, einer weltweiten Initiative des führenden Hörgeräteherstellers Phonak, wurden die Gründe abgefragt für die Anschaffung eines Hörgerätes – Mehrfachnennungen waren möglich.

78,6 Prozent würden sich demnach ein Hörgerät zulegen, wenn der Hörverlust schlimmer wird, 66,1 Prozent auf Empfehlung eines Arztes oder Hörgeräteakustikers. 47,3 Prozent würden ein Hörgerät tragen, wenn die Kosten komplett von der Kasse getragen würden. In Deutschland haben sich zum 1. November 2013 die Festbeträge erheblich erhöht. So erhalten schwerhörige Kassenpatienten seitdem einen Festbetrag in Höhe von 785 statt vorher 421 Euro.

Auf Bitte des Partners oder eines engen Verwandten hin würden immerhin 41,3 Prozent ein Hörgerät anschaffen, 29,1 Prozent, wenn die die Hörgerätelösungen preiswerter würden. 11,4 würden ein Hörgerät kaufen, wenn sich ihre finanzielle Situation verbessert.

[06.03.2017, 21:09:39]
Christoph Luyken 
Schwerhörige werden permanent diskriminiert
Als selbst Betroffener erlebe ich es immer wieder:
Das ganze Gerede und der Aktionismus bzgl. der sog. Barrierefreiheit geht an den Hörgeschädigten vorbei. Immer wieder ist auf Veranstaltungen zu erleben, daß eine Lautsprecheranlage entweder nicht vorhanden ist oder vorhandene schlecht funktionieren oder- die Krönung: Trotz vorhandener Anlage beginnt der Sprecher seinen Vortrag grinsend mit den Worten "Sie können mich doch sicher alle auch so verstehen" und legt das Mikrofon zu Seite! Demonstratives Vorbeugen mit der Hand hinter dem Ohr seitens der betroffenen Gäste wird ignoriert. Hier ist ein Umdenken bzw. eine Verhaltensmodifikation dringend erforderlich. Schwerhörige werden in unserer Gesellschaft ausgegrenzt, geraten ins gesellschaftliche Abseits und sind oft sogar vital gefährdet, weil sie drohende Gefahren nicht kommen hören - ohne daß dies weder den Mitmenschen noch den Verantwortlichen bewußt ist. Während die Hilflosigkeit des körperlich Behinderten (z.B. Rollstuhlfahrer) oder des Sehbehinderten (Taststock, gelbe Binde) offensichtlich ist und heute meistens berücksichtigt wird, steht der Schwerhörige oder Taube unbeachtet da. Noch zwei Beispiel für nicht erfüllte Barrierefreiheit: 1.) In Museen gibt es oft Videofilme; hier ist der Ton immer (!) zu leise eingestellt. 2.) Bei Spielfilmen ist die Unsitte eingerissen, diese mit permanenten Hintergrundgeräuschen oder -musiken zu hinterlegen - auch, wenn die Akteure sprechen. Die Sprachkultur der Schauspieler ist eingebrochen - sie nuscheln, was das Zeug hält. Beides führt dazu, daß der Schwerhörige (meistens ist insbesondere das Sprachverständnis beeinträchtigt) unter den lauten Geräuschen leidet und trotz Kopfhörer das gesprochene Wort nicht versteht! - Hier fordere ich ein Umdenken ein.
Screeningprogramme sind unter dem Aspekt der Kostendämpfung immer etwas fragwürdig.- Bezüglich der Diagnose "Schwerhörigkeit" würde es schon reichen, dem Leidensdruck der Betroffenen gerecht zu werden. Das geschieht aber nicht in ausreichendem Maße. Die Erhöhung des Festbetrags war überfällig, ist aber noch nicht ausreichend.
Was die Finanzierbarkeit angeht: 1.)Die Preise der Hörgeräte sind eminent hoch - allerdings ist darin pauschal die Vergütung des nicht geringen Beratungsaufwands der Hörgeräteakustiker enthalten. Etwas mehr Transparenz wäre hier zur Beurteilung und Kalkulation der Kosten hilfreich. 2.) Wieso gibt es eigentlich überhaupt keinen Markt für gebrauchte Hörgeräte?? Das scheint ein absolutes Tabuthema zu sein. Warum ermöglicht man nicht die Verwertung der Geräte Verstorbener? Warum kann niemand das Gebrauchtgerät weiterbenutzen, wenn der Erstbesitzer ein neues bekommt? Manch einer würde sich gern ein Zweitgerät als Reserve oder für den Sport zulegen, wenn es denn erschwinglich wäre. Ganz zu schweigen von nicht oder schlecht versicherten Betroffenen, die lieber ein Gebrauchtgerät als überhaupt keins hätten...!


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