Ärzte Zeitung, 09.04.2013
 

Ärztemangel

Modellprojekt soll Hausärzte früh binden

Die Zahlen sind alarmierend: Von 10.127 Facharztprüfungen wurden 2012 bundesweit nur 949 in der Allgemeinmedizin absolviert. Hessen sucht nun neue Wege, um junge Hausärzte zu finden.

Von Rebecca Beerheide

Modellprojekt soll Hausärzte früh binden

1530 Hausärzte werden allein in Hessen im Jahr 2025 fehlen. Laut Professor Ferdinand Gerlach gibt es einen zusätzlichen Weiterbildungsbedarf von 102 Fachärzten pro Jahr.

© Marco2811 / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. In Hessen werden im Jahr 2025 mindestens 1530 Fachärzte für Allgemeinmedizin fehlen.

"Das bedeutet einen zusätzlichen Weiterbildungsbedarf von mindestens 102 Fachärztinnen und Fachärzten pro Jahr", erklärte Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni Frankfurt.

Allerdings sei es um die Weiterbildung Allgemeinmedizin nicht gut bestellt: Obwohl in der Weiterbildungsordnung eine Ausbildungszeit von fünf Jahren vorgesehen ist, dauere es im Schnitt 9,5 Jahre bis zur Facharztprüfung.

"Auf dem Weg dorthin werden unsere Allgemeinmediziner oft von anderen Fächern abgeworben", sagte Gerlach, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin ist, in Frankfurt.

Bisher müssten junge Mediziner ihre Stationen in der Weiterbildung selbst koordinieren und fühlten sich oft als Einzelkämpfer.

Betreuung durch Mentoren

Diese Situation wollen die Kompetenzzentren Allgemeinmedizin ändern, die jetzt an den Universitäten Frankfurt und Marburg aufgebaut wurden: In den Zentren werden die Rotationen in andere Disziplinen während der Weiterbildung nun organisiert, so dass sich angehende Allgemeinmediziner nicht selbst um neue Arbeitsstellen kümmern müssen.

Ebenso gibt es quartalsweise Seminare sowie eine Betreuung in einer Mentorengruppe. Jeweils zehn angehende Allgemeinmediziner werden von zwei Mitarbeitern bei inhaltlichen Fragen sowie zur Niederlassung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beraten.

Auch für die Weiterbilder in den Praxen gibt es spezielle Seminare. Finanziert werden beide Kompetenzzentren durch den im Oktober 2011 unterzeichneten "Hessischen Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung" mit jährlich 150.000 Euro.

Einzigartiges Modell

In den Kompetenzzentren sieht Gerlach auch ein Modellprojekt mit bundesweiter Wirkung: "Die Zusammenarbeit zwischen fünf Partnern und die Inhalte, die wir vermitteln, sowie das Mentorenprogramm, sind in Deutschland in der Form einzigartig."

Neben den Universitäten sind auch die Landesärztekammer, die Krankenhausgesellschaft sowie die KV Hessen beteiligt. Bei der KV ist eine Koordinierungsstelle Weiterbildung Allgemeinmedizin angesiedelt.

"Dieses Programm ist identitätsstiftend für unseren schönen Beruf", erklärte Professorin Erika Baum, Hausärztin und Leiterin der Abteilung Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an der Uni Marburg.

Sie wirbt bei angehenden Ärztinnen für eine Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin. "Die umfassende Betreuung von Patienten und das Multi-Tasking liegt gerade den Frauen", so Baum.

Landesregierung sieht es positiv

Die Hessische Landesregierung begrüßt die Bemühungen beim Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin.

"Das Kompetenzzentrum ist ein wesentlicher Bestandteil des Hessischen Paktes zur Sicherstellung der Versorgung. Wir müssen es schaffen, junge Leute in der Allgemeinmedizin bei der Stange zu halten", erklärte Minister Stefan Grüttner (CDU), zum Start des Zentrums in Frankfurt.

Auch in Marburg gibt es an der Uni ein Kompetenzzentrum, das sich um die Weiterbildungsverbünde in Nord- und Mittelhessen kümmert. "Wir rennen in der Region bei Praxisinhabern offene Türen ein", sagte Professor Erika Baum, Hausärztin und Leiterin der Abteilung Allgemeinmedizin an der Universität Marburg.

Das Kompetenzzentrum sieht neben der Betreuung der angehenden Allgemeinmediziner auch Seminare für Praxisinhaber vor. Dort sollen unter anderem ihre didaktischen Fähigkeiten geschult werden.

Hausarzt - familienfreundlicher Beruf

Eine der umworbenen Ärztinnen ist Dr. Caroline Dietzel, die zur ersten Seminargruppe des Kompetenzzentrums gehört. "Mir ist es wichtig, dass ich in der Facharztausbildung eine Struktur habe und durch das Rotationsprogramm möglichst viele Disziplinen durchlaufe", sagte sie.

Der Erfahrungsaustausch in der Gruppe, regelmäßige Feedbacks ihres Weiterbilders und das Netzwerk unter jungen Kollegen seien für sie besonders wichtig.

Als Mutter von zwei Kindern schätzt sie auch die Familienfreundlichkeit, die ihr der Beruf als Hausärztin bietet. "In der Klinik ist es schon ein Problem, rechtzeitig den Stift fallen zu lassen."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Späte Charmeoffensive

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

So schützen sich Krebskranke vor Stigmatisierung

Wer an Krebs erkrankt, muss sich auch mit der damit verbundenen Stigmatisierung auseinandersetzen. Forscher raten zu gezielten Gegenstrategien. mehr »

Kassen rücken beim Arztinfo-System von der Steuerung via Ampel ab

Nutzenbewertungen neuer Arzneimittel durch den GBA finden bei Ärzten bisher oft nur wenig Beachtung. Ein Arztinfo-System soll das ändern. Der GKV-Spitzenverband hat dafür jetzt einen Prototypen präsentiert. mehr »

Sport tut den Gelenken gut - auch bei Multimorbidität

Selbst Arthrosepatienten mit schweren Begleiterkrankungen profitieren von regelmäßigem körperlichem Training. Es gibt allerdings eine Voraussetzung. mehr »