Ärzte Zeitung, 06.11.2013
 

PJ-Pflichtquartal

Die Diskussion ist wieder eröffnet

Die mögliche große Koalition will die Allgemeinmedizin stärken - und greift dabei womöglich einen Vorschlag zum PJ-Pflichtquartal der DEGAM auf. Unter Studenten formiert sich bereits Widerstand.

Von Rebecca Beerheide

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Medizinstudenten, wie hier an der Uni Freiburg, werden in sogenannten "Summer Schools" für die Allgemeinmedizin motiviert. Nach Vorschlag der DEGAM sollen mehr Studenten in die Praxis.

© Christoph Fuhr

NEU-ISENBURG/BERLIN. Die mutmaßlichen künftigen Koalitionäre aus Union und SPD wollen die Allgemeinmedizin stärken. So solle das Fach auch im Studium stärker präsent sein. Das vereinbarten beide Parteien in der Arbeitsgruppe Gesundheit am Montagabend.

Diese Ankündigung wird bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) Freude auslösen - hat die Fachgesellschaft doch kurz vor Beginn der Koalitionsverhandlungen ein Positionspapier zu einer Pflichtzeit im Praktischen Jahr (PJ) in der Allgemeinmedizin veröffentlicht.

Die Gesellschaft wirbt dafür, dass Studenten drei Monate in einer allgemeinmedizinischen Praxis absolvieren. Der Vorschlag, eine Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin während des PJ zu verbringen, war vor einem Jahr vom Bundesrat nach heftigen Protesten von Medizinstudenten abgelehnt worden.

"Aufgrund des hohen Bedarfs an kompetenten Allgemeinmedizinern muss dieses Berufsfeld integraler Teil des Medizinstudiums sein", heißt es in dem Positionspapier der Gesellschaft.

Ebenso sei es für die Studenten von Nutzen, dass sie im Studium die "individualisierte sowie patientenzentrierte Arbeitsweise" kennenlernen. Falls sie sich später für eine Facharztdisziplin entscheiden, könne so auch das gegenseitige Verständnis zwischen den Arztgruppen gefördert werden, so DEGAM-Präsident Professor Ferdinand Gerlach.

Nach Meinung der DEGAM könnte bis 2019 das Pflichtquartal eingeführt werden. Bereits nach der aktuellen Approbationsordnung, die 2012 geändert wurde, sollen bis 2015 für zehn Prozent der Studierenden an allen Hochschulstandorten Plätze für ein Wahltertial in der Allgemeinmedizin vorhanden sein, bis 2017 für 20 Prozent der Studenten.

In dem Positionspapier rechnet die DEGAM vor, dass bei Einführung des PJ-Pflichtquartals deutschlandweit rund 4600 zusätzliche Lehrpraxen benötigt werden, rund 125 Lehrpraxen pro Universitätsstandort müssten angeworben werden.

Die Kosten für die Einführung eines PJ-Pflichtquartals lägen nach Darstellung der DEGAM bei rund 25 Millionen Euro. Das bedeute 676.000 Euro pro Uni-Standort, heißt es in dem Papier der Gesellschaft.

Der Vorschlag der DEGAM hat bereits zu heftigen Reaktionen unter Medizinstudenten geführt. "Wir lehnen eine Verpflichtung über die bisherigen PJ-Plichtabschnitte hinaus auch weiterhin ab - egal, ob in einem Tertial oder Quartal", sagt Theodor Uden, der Vorsitzende der Medizinstudierenden im Hartmannbund.

Der 23-jährige Student von der Medizinischen Hochschule Hannover warnt in einer Mitteilung vor neuen "Zwangsmaßnahmen" im Medizinstudium. Laut der Mitteilung werde die Allgemeinmedizin in der derzeitigen Approbationsordnung bereits "ausreichend berücksichtigt".

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