Ärzte Zeitung App, 03.02.2014

Neurologie

Ein Fach mit unterschätztem Potenzial

Die Insider der Neurologie sind selbstbewusst und optimistisch. Fortschritte aus der Forschung haben vor allem die therapeutischen Optionen befeuert. Jenseits des Fachs ist das wenig bekannt.

Von Ilse Schlingensiepen

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Netze von Nerven und ihre Krankheiten bestimmen die Arbeit in der Neurologie.

© ktsdesign / fotolia.com

KÖLN. Wenn Professor Martin Grond über die Neurologie spricht, gerät er ins Schwärmen. "Die Neurologie ist ein wunderbares Fach, das sich in den vergangenen Jahren dramatisch entwickelt hat", sagt der erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Die Zeiten, in denen die Neurologen vorwiegend diagnostisch tätig waren, sind vorbei. Ihnen stehen heute viele neue Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Die klinische Forschung hat sich dynamisch entwickelt, das präventive Potenzial wächst. "Neurologie macht Spaß", betont Grond.

Nach Angaben der DGN behandeln die Neurologen mehr als 200 Krankheitsbilder. Gerade in der Geriatrie wächst die Bedeutung des Fachs, zwei Drittel der Diagnosen sind dort neuropsychiatrisch. Allerdings: In der Öffentlichkeit und der Ärzteschaft wird das noch nicht entsprechend wahrgenommen, weiß Grond.

Er hält ein enges Zusammenwirken der verschiedenen Fachdisziplinen bei der Versorgung älterer Menschen für dringend notwendig, insbesondere der Internisten und der Neurologen. "Die Geriatrie ist ein typisches Querschnittsfach, ich bin gegen alle Versuche, sie zu monopolisieren."

Die Stroke Units könnten ein Vorbild für die gemeinsame Gestaltung der Versorgung sein. Die Initiative für die interdisziplinäre Versorgung von Patienten mit Schlaganfall sei von den Neurologen gekommen und zunächst auf viel Gegenwind gestoßen.

Inzwischen gibt es 250 zertifizierte Schlaganfall-Spezialstationen, die Akutversorgung hat sich deutlich verbessert. "Ich mache mich dafür stark, ähnliche Strukturen auch für andere Krankheitsbilder zu entwickeln."

Starker demografischer Faktor

Überhaupt müsste die Kooperation der Behandler und der Sektoren deutlich verbessert werden. In vielen Bereichen könnten niedergelassene Neurologen und ihre Kollegen in den Kliniken sehr gut zusammenarbeiten, sagt Grond, der Chefarzt der Neurologie am Kreisklinikum Siegen ist.

An einer engeren Zusammenarbeit führt auch nach Einschätzung von Dr. Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen (BDN), kein Weg vorbei.

"Patienten mit bestimmten Erkrankungen wie MS sollten heute nur noch in funktionierenden Netzwerken versorgt werden", sagt er. Sie bräuchten das strukturierte Zusammenspiel von niedergelassenen Neurologen, Schwerpunkt-Praxen und Spezialkliniken.

Die Neurologie ist heute ein modernes, leistungsstarkes Fach, betont Meier. Aufgrund der demografischen Entwicklung und der medizinischen Fortschritte steige der Versorgungsbedarf ständig.

Ein Viertel der kostenintensiven chronischen Erkrankungen, die im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich berücksichtigt werden, sind neurologisch, sagt der niedergelassene Neurologe aus Grevenbroich. "Das spiegeln die Versorgungsstrukturen und die Vergütung aber noch nicht wider."

Die zu geringe Vergütung technischer Leistungen in der ambulanten Neurologie ist nur ein Beispiel. 18 Euro für eine Muskeluntersuchung mit Hilfe eines EMG oder 26 Euro für eine Infusionstherapie bei einem Patienten mit Multiple-Sklerose-Schub über fünf Tage seien nicht ausreichend, betont Meier.

"Vielen niedergelassenen Neurologen bleibt dann oft keine andere Möglichkeit, als die Patienten für die Untersuchungen in eine Klinik zu überweisen."

Keine Nachwuchssorgen

Doch auch die Krankenhäuser haben ein Finanzierungsproblem. Die DRG machen keinen Unterschied, ob eine Leistung in einer neurologischen Fachklinik oder einem Allgemeinkrankenhaus erbracht wird - obwohl der diagnostische und therapeutische Aufwand in den Fachkliniken oft viel höher ist. "Wir brauchen eine fachspezifischere DRG-Kalkulation", sagt DGN-Chef Grond.

Um die nachwachsende Neurologen-Generation besser auf die künftigen Herausforderungen vorzubereiten, haben DGN und BDN ein Konzept für eine Verlängerung der Weiterbildungszeit von fünf Jahren auf sechs Jahre erarbeitet. Sie ermöglicht es, verstärkt geriatrische und neuropsychologische Inhalte aufzunehmen, sagt Meier.

Für notwendig hält er einen größeren Stellenwert der ambulanten Neurologie in der Weiterbildung. Viele Krankheitsbilder kann der Nachwuchs heute nur noch in den Praxen sehen.

Um die Attraktivität des Faches bei den angehenden Medizinern brauchen sich DGN und BDN keine Sorgen zu machen. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Qualität in der Neurologie ist die Zahl der Fachärzte für Neurologie von 2000 bis 2012 von 2226 auf 5370 gestiegen. Die Neurologie gehört damit zu den am stärksten wachsenden Fächern.

"Die Neurologie ist ein tolles Fach mit viel Potenzial", betont die Sprecherin der "Jungen Neurologen" Dr. Christiana Ossig.

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