Ärzte Zeitung, 19.12.2016

Zweifache Aufgabe

Ärztin und Dolmetscherin der Kulturen

Habibah Chbib lebte zwischen zwei Welten: Über ein halbes Jahr lang pendelte sie zwischen ihrer Familie in Dubai und ihrem Beruf in Berlin. In der Hauptstadt half sie Flüchtlingen und arbeitete an ihrem Facharztabschluss. Nun schmiedet sie neue Pläne.

Von Julia Frisch

Ärztin und Dolmetscherin der Kulturen

Die Ärztin Habibah Chbib engagierte sich in Berlin für Flüchtlinge, die das deutsche Gesundheitssystem häufig vor Probleme stellt.

© Julia Frisch

BERLIN. Habibah Chbib hat Datteln im Schokomantel dabei, frisch importiert aus Dubai. Es ist eine Art Abschiedsgeschenk an die Ärzte und Pfleger, die zusammen mit ihr im sogenannten Medipoint in der Berliner Erstregistrierungsstelle acht Monate lang die Flüchtlinge zum ersten Mal untersuchten, impften und akute Fälle versorgten.

Die 39-Jährige geht nach Dubai zurück, wo seit fünf Jahren jobbedingt ihr Mann und ihre drei kleinen Kinder leben. In Deutschland wird Habibah Chbib aber demnächst ihre Facharztprüfung zur Kinderärztin ablegen.

Vielleicht wird es sie in naher Zukunft wieder nach Berlin verschlagen. "Mein Mann arbeitet im Start-up-Bereich, da ist Berlin natürlich interessant", sagt die angehende Pädiaterin.

Aufgewachsen im Rheinland

Geboren in Syrien, kam Habibah Chbib mit zweieinhalb Jahren nach Deutschland. Hier wuchs sie im Rheinland auf. Ihr Vater ist Hausarzt in Aachen, ihre Schwiegereltern leben in Bonn.

Durch Zufall lernte die junge Ärztin nach dem Umzug an den Persischen Golf auf einem Kongress in Dubai Dr. Joachim Seybold, den stellvertretenden ärztlichen Direktor der Charité, kennen.

Seybold koordiniert die Aktion "Charité hilft", die dem Land bei der Versorgung von Flüchtlingen unter die Arme greift – zum Beispiel über den Betrieb verschiedener Medipoints in den großen Flüchtlingsunterkünften oder eben in der Erstregistrierungsstelle in der Bundesallee.

"Die Flüchtlingskrise hat mich zerrissen"

Seybold bot Chbib eine Stelle in Berlin an, um sich in der Flüchtlingsarbeit der Charité zu engagieren und nebenbei die noch fehlenden drei Monate Facharztausbildung zu absolvieren. Lange musste die 39-jährige nicht überlegen. "Die Flüchtlingskrise hat mich zerrissen, aber in Dubai konnte ich nichts machen", so Habibah Chbib.

In der Erstregistrierungsstelle sowie in dem Medipoint auf dem Lageso-Gelände, der für Publikumsverkehr geöffnet ist, untersuchte die 39-Jährige Flüchtlinge und nahm Impfungen vor.

Ihre Arabischkenntnisse waren dabei natürlich von Vorteil, Chbib konnte auf diese Weise direkt mit den Menschen kommunizieren. "Manchmal ist es schwierig, mit Hilfe von Dolmetschern an Informationen zu kommen", erzählt die Ärztin. Vor allem bei traumatisierten Flüchtlingen ist eine Unterhaltung in der Muttersprache wichtig.

Während der Untersuchung versuchte Habibah Chbib, im Gespräch Hinweise auf mögliche seelische Belastungen zu finden, ohne gleich "mit der Tür ins Haus zu fallen". "Das ist natürlich einfacher, wenn man die Kultur kennt und die Sprache spricht", so Chbib.

Weg in Regelversorgung schwer

Während ihrer Flüchtlingsarbeit musste die angehende Kinderärztin erleben, dass es für die Asylsuchenden trotz Gesundheitskarte nicht immer einfach ist, in der ambulanten Regelversorgung unterzukommen. Ein Grund dafür: Die Praxen in Berlin sind voll, das gilt besonders für diejenigen, in denen muttersprachliche Ärzte arbeiten.

Auch Habibah Chbibs Vater im fernen Rheinland kennt das Problem: Seine Hausarztpraxis in Aachen ist ebenfalls zum Anlaufpunkt arabischsprechender Patienten geworden. "Seine Praxis ist schon sehr überlastet", so Chbib.

Ein Problem sei aber auch, dass die Flüchtlinge sich im deutschen Gesundheitssystem nicht auskennen und ihnen demnach auch die Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektoren fremd ist. "Die Menschen wissen oft gar nicht, was sie tun sollen", erzählt Habibah Chbib.

Sozialmedizin immer ein Faktor

Medizinische Flüchtlingsarbeit umfasse deshalb auch viel Sozialmedizin. "Wenn die Leute ein Schreiben von einem Arzt bekommen, wissen sie meistens gar nicht, was sie damit machen sollen", so die 39-Jährige. "Man muss den Menschen mehr beibringen, wie hier alles funktioniert."

Die Flüchtlingsarbeit in Berlin hat Habibah Chbib glücklich gemacht, ihren Wunsch, zu helfen, aber noch lange nicht gestillt. Am liebsten würde sie nach Syrien gehen, um dort ihren Landsleuten zu helfen. "Aber wegen meiner Familie, meinen Kindern kann ich das nicht machen. Das ist zu gefährlich."

Sicher ist, dass Berlin nicht die letzte Station für Chbib in der Flüchtlingshilfe war. Sie will weiter bei der medizinischen Versorgung helfen – vielleicht auch einmal in Lagern an der Grenze zu Syrien.

"Wenn die Leute ein Schreiben von einem Arzt bekommen, wissen sie meistens gar nicht, was sie damit machen sollen."

Habibah Chbib

angehende Pädiaterin

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