Ärzte Zeitung, 09.01.2017
 

Medizinstudent fordert

"Wir brauchen weniger Theorie"

Medizinstudent Philipp Humbsch hat genug von den "Helden der Vergangenheit", die den Qualitätsverfall des Medizinstudiums beklagen.

Von Philipp Humbsch

"Wir brauchen weniger Theorie"

© privat

Meistens ist Praxis im Studium ein stiefmütterliches Thema. Wichtiger ist es, sich unzählige Seiten und Abbildungen einzuhämmern, und das klappt meistens auch nur bis zur Prüfung.

Irgendwann fragt dich der Operateur, was diese eine Struktur ist, die er gerade freipräpariert hat. Du wusstest es mal, aber musst jetzt raten. Wehe dir, du weißt nicht, dass es der rechte Ast des Recurrens ist, der hinter der Schilddrüse zum Kehlkopf zieht.

Denn dann stößt ein echauffierter Chirurg gerne mal eine Diskussion über die "heutige Qualität im Studium" an, die ja wohl ganz schön nachgelassen hat. Wie kann man so etwas Elementares nicht wissen? Früher, da wäre das alles anders gewesen – und dann kommt sie wieder, die alte Leier von den cholerischen Präpdozenten, die arme Studiosi früher mit Anatomieatlanten um den Tisch gejagt hätten, wenn sie nicht alle Nebenäste des Vagus im Schlaf aufsagen konnten.

Ernsthaft. Das glaubt euch niemand. Keiner. Nicht mal der Anästhesist, wenn er hinter seinem Automaten hervor schielt und sich über den Wutausbruch des Chirurgen freut, der mal nicht ihn getroffen hat. Früher war alles schlimmer. Jaja, wir können es nicht mehr hören.

Besonders lustig wird das Ganze, wenn der Operateur Assistenzarzt ist, im dritten Jahr, und man eigentlich genau weiß, dass keiner der Präpdozenten, auch nicht vor zwanzig Jahren und schon gar nicht zu seiner Zeit, flink genug war, überhaupt irgendjemanden durch die Anatomie zu jagen. Viele sind ja froh, wenn Sie ihr Hörgerät ausstellen, ohne dass es die Studenten merken.

Was macht ein gutes Studium? Oder, anders gefragt, was muss ein Arzt nach dem Studium können? Ist es wirklich unser Anspruch, unzählige Bücher auswendig gelernt und wieder vergessen zu haben, oder wollen wir etwas anderes? Wäre in der Ausbildung ein Fokus auf die richtige körperliche Untersuchung und Anamnese nicht vielleicht doch wichtiger als der Verlauf von Nerven, die die meisten Fachärzte nur noch vom Hörensagen zu kennen scheinen?

Wem wollen die was vormachen?

Ganz eifrige Studis gehen nach so einer Maßregelung in die Selbstkasteiung, schippen Asche auf ihr Haupt und geloben diese eine Struktur bis morgen ins Hirn geprügelt zu haben, beim heiligen Paracelsus. Und alle anderen Strukturen auch.

Ich frage mich, wem die was vormachen wollen. Wem, wenn nicht gerade einem Anatomen, nutzt das komplette Wissen über alle Feingliedrigkeiten der menschlichen Anatomie? Das Wissen in der Medizin wächst stetig, neue Therapieverfahren sind nicht nur Stand der Wissenschaft, sie sind auch Teil des Lehrplans, und werden in Prüfungen abgefragt. Die müssen gelernt werden, das und alles andere auch. Wie viel davon immer sinnvoll ist, wird nicht gerne diskutiert. Es zählt, was reinkommt, nicht was rauskommt. Der Fokus liegt auf theoretischem Wissen, Praxis spielt keine wichtige Rolle. Das ist dämlich.

Wir brauchen weniger Theorie, denn wir kriegen es nicht mehr hin, alles vom ersten bis zum zwölften Semester zu erinnern, haben selten einen Überblick über alles, wie man ihn als approbierter Arzt haben sollte. Und das hätten die Helden der Vergangenheit mit unserem Lehrplan auch nicht leichter.

Also anstatt immer mehr Wissen immer oberflächlicher zu behandeln, damit es in 12,5 Semester Studium gepresst werden kann, braucht es eine ehrliche Diskussion.

Und eine Beschränkung auf Wesentliches, aber das dann richtig. Es ist wenig sinnvoll, die angehenden Ärzte mit Lerninhalten zu malträtieren, die sie zwei Semester später wieder vergessen haben. Die Unis müssen uns auf das vorbereiten, was wir alle unweigerlich brauchen, unser Handwerkszeug: die Untersuchung und Anamnese.

Ultraschallgerät und Röntgenbild

Einige Unis machen es vor, lehren in Untersuchungskursen ab dem ersten Semester wie man einen Patienten von "Hacke bis Nacke" untersucht, wie man verschiedene Instrumente nutzt, ein Ultraschallgerät richtig bedienen kann und auch, wie man auf einem Röntgenbild zumindest wichtige Symptome in einer Notfallsituation in der Rettungsstelle nicht übersieht.

Es fängt beim richtigen Auskultieren an, und hört beim Blutabnehmen nicht auf. Wenn so etwas erst dann kommt, wenn man es bereits voraussetzt – also als approbierter Arzt –, dann ist das zu spät. Wer denkt, dass es wichtiger ist, die Nebenäste des Vagus runterbeten zu können, als den auskultatorischen Untersuchungsbefund der Lunge zu erheben und zu deuten, der ist bereits verkalkt. Oder zu weit weg vom Patienten. Oder beides.

Gute Praxis in die Famulaturen auszulagern, wird der Wichtigkeit der praktischen Ausbildung nicht gerecht, auch weil die meisten Krankenhäuser solche Dinge lieber den Assistenzärzten beibringen. Famulanten gucken viel zu oft nur zu.

So wichtig Praxis also eigentlich wäre, eine praxisbetonte Ausbildung hat zwei entscheidende Nachteile. Sie ist teuer. Die Gerätschaften vorzuhalten kostet Geld, und effektiver Praxisunterricht, der in Kleingruppen stattfindet, kostet auch Geld. Der andere ist die Frage nach der Prüfbarkeit der Fähigkeiten. OSCE ist da eine Idee, aber günstig ist das Prüfungsformat auch nicht. Theorie ist billiger, MC-Tests auch – obwohl es weniger bringt. Praxis kostet Zeit und Geld. Doch was ist uns gute Lehre wert?

Philipp Humbsch

Alter: 25

Aktuelle Position: Student der Humanmedizin an der Charité in Berlin. Humbsch arbeitet außerdem im Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree und als Sprechstundenhilfe bei einem Hausarzt.

Für die "Ärzte Zeitung" bloggt Philipp Humbsch regelmäßig:

www.aerztezeitung.de/924878

[10.01.2017, 11:41:06]
Wolfgang Hensel 
Ohne Theorie? Geht nicht!
Es ist viele Jahre seit meinem Studium her, aber wie so oft im Nachhinein dankbar, so viel Theorie gebüffelt zu haben. Ich habe es oft verdammt, dieses mehr oder weniger auswendig lernen, aber ohne Theorie bekomme ich keine Diagnose. Von Ausnahmen, direkt erkennbare äußerliche Erkrankungen, einmal abgesehen. Was bringt mir die Physiologie, die Pathologie, die biochemischen Vorgänge im menschlichen Körper, wenn ich die Theorie nicht kenne. Woher weiß ich, welche Blutkörper zu welcher Krankheit gehören. Das ist Theorie.
Natürlich ist das praktische zwingend notwendig, aber wenn ich dann noch nicht einmal eine deutlich hörbare Herzklappenveränderung hören kann. Ich habe es einmal bei einigen Studenten erlebt. Studenten im zehnten Semester wohlgemerkt, im Rahmen des Blockpraktikums. Selbst die betroffene Patientin war ausserordentlich erschreckt darüber. Diese Mitralklappeninsuffizienz war eigentlich nicht zu überhören. Und trotzdem einige Studenten hatten "nichts" gehört. Dabei gibt es doch verdammt gute CD´s mit allen Herzgeräuschen. Und dann fehlte auch noch komplett die Zuordnung zu den einzelnen Klappen.
Natürlich könnte auch ein wenig mehr am Patienten praktisch geübt werden, aber ohne Theorie?
Heute bin ich dankbar, daß ich soviel lernen mußte. zum Beitrag »
[10.01.2017, 09:10:20]
Jürgen Schmidt 
Medizin ist Denken
Das Spannungsverhältnis zwischen den Notwendigkeiten theoretischen Wissens und praktischer Fähigkeiten ist künstlich.
In der Differentialdiagnose gehen die Gedanken - ja, Medizin ist Denken - immer vom Befund zur Pathophysiologie und zurück.
Richtig ist allerdings, dass die erworbenen praktischen Fähigkeiten - auch bei den Weiterbildungsassistenten - seit Jahrzehnten abgenommen haben, parallel zur Technisierung der Medizin. Wer die feinen klinischen Zeichen lebensbedrohlicher Erkrankungen nicht gelernt hat, steht in der ersten Phase eines technischen Untersuchungsprogramms und der nacheinander einlaufenden Befunde mitunter ratlos sortierend vor dem Patienten.
Vor einiger Zeit besuchte ich einen Patienten im Krankenhaus der nach einer Tonsillektomie mit Fieber und hochgradiger Schwäche den dritten Tag ohne Diagnose dahin siechte. Ich entdeckte die Mikroembolien an den Fingerkuppen, setzte ein Stethoskop auf das Herz und Stellte die dringliche Diagnose - - weil ich vor Jahrzehnten auch die seltenen Krankheitsbilder einmal gelernt hatte.
 zum Beitrag »
[09.01.2017, 14:29:42]
Thomas Georg Schätzler 
OSCE ?
Das OSCE (Objective structured clinical examination) ist ein modernes mündlich-praktisches Prüfungsverfahren, das mittlerweile auch an vielen deutschen Universitäten im Rahmen des Medizinstudiums genutzt wird. Es soll praktische Fähigkeiten des medizinischen Alltags wie Körperliche Untersuchung, Rezeptieren von Arzneimitteln, Anfordern von Untersuchungen und Bildgebenden Verfahren, Befundinterpretation und – mitteilung sowie psychosoziale Kompetenzen prüfen. Oft werden praktische Skills wie EKG schreiben, Reanimation, Intubation, Legen von PVK etc. evaluiert.

Ablauf
Ein OSCE wird normalerweise an verschiedenen Stationen durchgeführt wobei pro Fall 5-10 Minuten Zeit zur Verfügung stehen und die Prüflinge von Station zu Station rotieren. Klassischerweise wird an jeder Station ein Fall oder Patient (meist Schauspieler) mit spezifischer Problemstellung präsentiert. Jede Station wird von einem Prüfer betreut und bewertet, der sich je nach Aufgabenstellung ins Prüfungsgeschehen einmischt oder komplett heraushält.
http://flexikon.doccheck.com/de/OSCE

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[09.01.2017, 14:29:02]
Edith Gass 
Blöderweise brauchst halt ein Mindestmaß an Akademismus ,wenn eine Quote von 95 Prozent promoviert wird. Gert Postel hat es vorgemacht
Der Briefträger Gert Postel hat sich bei einer Oberarztstelle gegen 38 Fachärzte durchgesetzt.
Damit hat er den akademischen Anspruch der deutschen Medizin treffend herausgearbeitet und wurde sinngemäß vom Wissenschaftsrat mit dessen Statement zum Dr med an den Med. Fakultätentag bestätigt.

Es bräuchte also ein Mindestmaß an Theorie,da das Medizinstudium gar kein Studium nach akademischen ,deutschen Standards ist. "Studenten " ,die sich meistens über Punkt und Rechtschreibung unterhalten sind eher ein humoröses Abziehbild. zum Beitrag »
[09.01.2017, 13:22:26]
Peter Konopka 
"Wir brauchen weniger Theorie" - Korrektur
Bei meinem Kommentar hat das Rechtschreibprogramm das Wort "Perkussionsinstrument" produziert. Es muss natürlich "Perkussion" heißen. zum Beitrag »
[09.01.2017, 13:11:33]
Peter Konopka 
"Wir brauchen weniger Theorie"
Ich stimme Ihnen zu, dass man (wieder wie früher) das Auskultieren lernen und regelmäßig üben muss. Ich selbst habe bei der Ausbildung von Studenten allerdings immer wieder die Erfahrung gemacht, dass dazu die notwendige Geduld fehlt. Oft kam das Argument: "Das habe ich schon mal gehört" als Entschuldigung dafür, dass man nicht noch einmal hinhört. Aber man muss auch Normalbefunde tausendmal hören, um die davon abweichenden pathologischen Befunde zu erkennen.
Ich glaube allerdings, dass das Studium der Theorie in "dicken Büchern" nach wie vor notwendig ist. Denn "nur der Narr möchte alle Fehler selber machen. Der Weise lernt aus den Fehlern anderer". Außerdem: Wenn man die Hälfte des Gelesenen vergisst, muss das dann noch ausreichen, um den Überblick und Durchblick zu behalten. Und diese Hälfte ist umso größer je "dicker" das gelesene Buch war.
Und schließlich bin ich der Meinung, dass die wichtigste Grundlage einer realistischen Medizin die Pathologie ist. Man muss wissen, wie die Krankheit aussieht, wie sie sich anfühlt, und auch sollte man wieder erkennen, dass ein Mensch nicht nur eine sondern viele Krankheiten hat, und wie sie aussehen. Diese Kenntnisse braucht man immer - bei der Auskultation, bei der Sonographie und bei den bildgebenden Verfahren. Ohne Pathologie schustert sich jeder sein eigenes Bild von den Krankheiten zusammen, und es ist mehr oder minder Glücksache und oft auch subjektiv, wie man aufgrund der eigenen mentalen Bilder Krankheiten einstuft. Deswegen ist auch der Prozentsatz von Fehldiagnosen trotz der wunderbaren bildgebenden Verfahren nicht geringer geworden. Die Befunde werden serviert - und man hat das Denken verlernt.
Und man muss viel wissen, um mit möglichst wenig Aufwand das Richtige zu tun. Das geht ohne ausführliche Theorie nicht. Und man muss (wieder) selbständig denken lernen (trotz bildgebender Verfahren), um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das geht ohne praktische Erfahrungen in der Pathologie nicht. Und man muss sich trotz hervorragender bildgebender Verfahren "herablassen", den Patienten körperlich (einschließlich Palpation, Perkussionsinstrument und Auskultation) zu untersuchen. Das fördert die richtige Entscheidung - und den Kontakt zum Patienten. zum Beitrag »
[09.01.2017, 10:19:41]
Karl-Otmar Stenger 
Neugierig bleiben
Mit dem Studium werden Grundlagen gelegt. Wenn es glücklich verläuft, kommt die Frage nach mehr auf. Der Lernprozess muss also ein permanenter sein. In der Praxis lernt man: Häufiges ist häufig. In der Theorie lernt man, Seltenes gibt es auch. Beides muss man im Hinterkopf behalten. Ganz gut ist der, der Irrwege erkennt und geschickt neue Wege beschreitet. Es können auch längst in Vergessenheit geratene Wege sein, die in neuem Licht erscheinen. Das geht ohne Theorie kaum. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »