Ärzte Zeitung online, 12.09.2017
 

Rechtsmedizin

Flüchtlinge krempeln Versorgungsalltag um

Rechtsmediziner haben nach der jüngsten Flüchtlingswelle teils noch Probleme mit Diagnostik und Dokumentation von Folterspuren. Auf ihrer Jahrestagung in Düsseldorf plädieren sie für geregelte Strukturen, um Flüchtlinge bedarfsgerecht versorgen zu können.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Deutschland braucht klare Strukturen für die rechtsmedizinische Untersuchung von Migranten und Flüchtlingen, die Opfer von Folter geworden sind. "Bislang landen diese Menschen nur vereinzelt in den rechtsmedizinischen Instituten, es ist vom Zufall abhängig", beklagt Professor Stefanie Ritz-Timme, Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Rein hypothetisch hätten die Betroffenen zwar ein Recht darauf, untersucht zu werden und ein Gutachten zu erhalten. "In Deutschland ist das aber noch keine gelebte Praxis", sagte Ritz-Timme am Montag anlässlich der Eröffnung der 96. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) in Düsseldorf. Diese findet gemeinsam mit dem internationalen Symposium "Advances in Legal Medicine" statt. Ritz-Timme leitet die Tagung gemeinsam mit dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln, Professor Markus Rothschild. Ein Schwerpunktthema der fünftägigen Veranstaltung ist "Rechtsmedizin in Zeiten der Migration und Flucht".

Istanbul-Protokoll sorgt für Standards

Mit dem interdisziplinär erarbeiteten Istanbul-Protokoll gebe es bereits seit Jahren definierte Standards für die Diagnostik und die Dokumentation von Folterspuren, betonte Ritz- Timme. Das Thema sei aber etwas untergegangen. Es soll über die Tagung wieder die Bedeutung erhalten, die ihm zusteht. Dabei setzen die Initiatoren auch auf den internationalen Austausch.

Geflüchtete und Asylbewerber, die Opfer von Folter geworden sind, hätten oft das Problem, dass "nur noch" Narben von den Gewalteinwirkungen zeugen. Oft heiße es dann, dass Narben nicht aussagekräftig seien. Das sei falsch. "Als Spezialisten für die Folgen von Gewalt widersprechen wir der Behauptung, dass man aus Narben nichts ableiten kann", sagte sie. Eine rechtsmedizinische Untersuchung könne dazu beitragen, den Betroffenen zu ihrem Recht zu verhelfen und gleichzeitig auch die Vortäuschung von Folter deutlich zu machen.

Geregelte Strukturen für die Diagnostik sind nach Einschätzung von Ritz-Timme auch notwendig, um die Menschen der medizinischen Behandlung zuführen zu können, die sie benötigen. Das gelte insbesondere für die psychische Versorgung, etwa von traumatisierten Geflüchteten. "Wie soll Integration funktionieren, wenn ich Folteropfer nicht adäquat versorge?" Die Rechtsmedizin sei ein Fach, das stark von gesellschaftspolitischen Veränderungen beeinflusst wird, sagte sie. "Unsere Funktion als Wissenschaftler ist es zu sagen, was wir leisten können, und uns für klare Spielregeln einzusetzen."

Das gelte aktuell auch für den Umgang mit den Möglichkeiten des genetischen Fingerabdrucks. In Deutschland sei es zurzeit verboten, individuelle Merkmale gegen den Willen der Betroffenen zu erheben, erläuterte Rothschild von der Uniklinik Köln. So dürfen Rechtsmediziner bei der Spurenanalyse zwar das Geschlecht erheben, nicht aber Angaben zu Haar- und Augenfarbe oder Hauttyp. "Die kodierten Abschnitte der DNA dürfen nicht untersucht werden", sagte er.

Genetischer Fingerabdruck im Fokus

In Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden seien solche Untersuchungen bei schweren Verbrechen auf Basis einer richterlichen Anordnung im Einzelfall bereits möglich. In Deutschland wird in diesem Bereich geforscht, die Ergebnisse dürfen aber nicht in die Praxis einfließen.

Für Rothschild ist ganz klar, dass es auch für die Zulassung des genetischen Fingerabdrucks definierte Spielregeln geben muss. "Wir haben immer die Besorgnis, dass irgendjemand Schindluder mit unseren Daten treibt." Für notwendig hält der Rechtsmediziner deshalb eine politische und gesellschaftliche Debatte über das Thema. "Wir müssen darüber intensiver nachdenken, weil wir schon relativ weit sind in der Entwicklung der Methode."

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