Ärzte Zeitung online, 06.11.2018

Japan

Männer bei Auswahlverfahren für Medizinstudium bevorzugt

In Japan werden immer mehr Fälle von medizinischen Fakultäten im Land bekannt, die männliche Bewerber bei den Aufnahmeprüfungen bevorzugten. Inzwischen sind drei hochrangige Universitäten in Tokio betroffen, weitere dürften folgen.

Von Sonja Blaschke

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„Maru“ oder „batsu“ (bestanden oder durchgefallen) – für Japans Frauen liegen die Hürden fürs Medizinstudium hoch.

© Y's harmony - stock.adobe.com

TOKIO. Wer in Japan an einer Universität studieren möchte, der muss sich unabhängig vom gewünschten Fach einer Aufnahmeprüfung unterziehen. Das ist Usus und bisher auch nicht weiter spektakulär oder skandalös. Bisher.

Denn: Im Land der aufgehenden Sonne ziehen derzeit Skandale um Aufnahmeprüfungen zum Medizinstudium, die zugunsten männlicher Bewerber systematisch manipuliert wurden, immer weitere Kreise. Was Frauen schon länger – nicht nur bei einem Fach – vermutet haben, tritt nun bei mehreren medizinischen Fakultäten in Japan offen zutage und sorgt für große Empörung.

Erstmals räumte die Tokyo Medical University im August ein, dass sie mindestens seit 2010 Bewerberinnen beim schriftlichen Test zwischen zehn und zwanzig Punkte abgezogen hat – mit entsprechenden Folgen.

Von 1596 Männern und 1018 Frauen, die sich dort für das akademische Jahr ab April 2018 bewarben, bestanden 303 Männer (19 Prozent) und lediglich 148 Frauen (14,5 Prozent) die schriftliche Prüfung, die aus einem Multiple-Choice-Test besteht. 141 Männer (8,8 Prozent) und nur 30 Frauen (2,9 Prozent) absolvierten auch die zweite Stufe – einen Aufsatz und ein Interview – erfolgreich.

Nun stehen mit der Juntendo- und der Showa-Universität zwei weitere angesehene Einrichtungen – ebenfalls in Tokio – unter Verdacht, Frauen systematisch schlechter bewertet zu haben. Sie sollen jeweils unterschiedliche Kriterien bei der Einstufung von männlichen und weiblichen Bewerbern angelegt haben.

Späteren Ärztemangel im Blick

Dadurch soll das Verhältnis von Männern zu Frauen bei Juntendo in den vergangenen sechs Jahren bei 1,67 zu 1 gelegen haben, an der Showa-Universität bei 1,54 zu 1.

Damit führen die beiden Institute die Liste von 81 Universitäten mit einer medizinischen Fakultät an, die das japanische Erziehungsministerium nach dem ersten Bekanntwerden der Vorwürfe einer Eiluntersuchung unterzogen hat.

Demnach haben in 80 Prozent der Fälle mehr Männer als Frauen die Aufnahmeprüfung bestanden. Die Tokyo Medical University hat später eingeräumt, dass sie durch die Manipulation den Frauenanteil bei 30 Prozent halten wollte. Frauen würden häufig nach der Heirat oder dem Mutterschaftsurlaub nicht mehr an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Mit mehr männlichen Medizinstudenten habe man einen Mangel an Medizinern durch das mögliche Ausscheiden von Ärztinnen in angeschlossenen Spitälern verhindern wollen, hieß es aus Kreisen der Universität.

Das Ausmaß der Diskriminierung ist noch nicht absehbar. Der zuständige Minister Masahiko Shibayama sprach bei einer Pressekonferenz von „mehreren Fakultäten“, die die Testresultate zugunsten männlicher Bewerber manipuliert hatten.

Er nannte jedoch keine Namen. Das Ministerium will bald einen Interim-Report veröffentlichen und am Ende des Jahres einen abschließenden Bericht.

„Einer Demokratie nicht würdig“

Atsushi Hiraide, Professor an der medizinischen Fakultät der Kindai-Universität und Experte für Ärzteausbildung, sagte der Zeitung „Yomiuri“: „Entscheidungen darüber, welche Bewerber, deren Ergebnisse an der Grenze liegen, akzeptiert werden, mögen die Politik der Universität widerspiegeln. Aber konstant nur die Testresultate von Bewerberinnen herunterzusetzen ist absurd und Verrat an den Prüflingen.“

Ruriko Tsushima, Vorstandsmitglied des japanischen Ärztinnenverbandes, sagte, sie könnten denen nicht vergeben, die diese Praxis initiiert hätten.

„Das sollte in einem demokratischen Land nicht passieren, das gleiche Ausbildungschancen bieten sollte.“ Zwar seien in den letzten Jahren Fortschritte gemacht worden, aber an einigen Einrichtungen dürften Ärztinnen weiter nicht in den OP.

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