Ärzte Zeitung online, 03.09.2019

Im Gespräch mit einem Zukunftsforscher

Wie KI und Digitalisierung die Medizin verbessern können

Viele Menschen fürchten, dass Digitalisierung und KI Arbeitsplätze vernichten, auch in der Medizin. Zu Unrecht, meint Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel: Die Versorgung werde individueller.

Von Anke Thomas

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Gesundheit zählt laut Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel zu einem der 15 Megatrends in den nächsten Jahrzehnten.

© Anke Thomas

Werden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) die Menschlichkeit in der Medizin bald verdrängen? Nein, im Gegenteil, glaubt Dr. Eike Wenzel, Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (itz), Heidelberg. KI werde die Medizin in den kommenden Jahren vielmehr noch präziser und persönlicher machen, zeigte er sich beim Kongress „Gesundheit und Pflege auf Zukunftskurs – Ideen und Beispiele für die Versorgung“ in Mainz am Montag überzeugt. Allerdings müsse die Gesellschaft auch aktiv werden und Entscheidungen treffen.

Neben dem Klimawandel, der Ungleichheit, der Energiewende, der Dezentralisierung zähle auch das Thema Gesundheit in den nächsten 30 bis 50 Jahren zu einem der 15 Megatrends, erklärte Wenzel. Diesen Entwicklungen bzw. Veränderungstreibern könne sich keiner entziehen.

Bloß nicht den Kopf in den Sand stecken

Der Status quo: Noch nie sei so viel Veränderung durch Technologie möglich gewesen, noch nie habe Technologie so stark in unseren Alltag eingegriffen. Trotzdem sei die Gesellschaft auch noch nie so zukunftsverzagt wie heute gewesen, meinte Wenzel, der forderte: „Wir brauchen als Gesellschaft eine Vision: Wo wollen wir in zwanzig Jahren sein, was wollen wir jetzt?“

Sollte das nicht gelingen, würden andere entscheiden, mahnte er. Seine Vorhersage macht er am Beispiel Facebook fest: Niemand hätte gedacht, dass Facebook solch einen Raum wie heute einnehmen würde. Über Facebook würden nicht nur kostenlos journalistische Inhalte verbreitet, sondern auch „Fake News“. Dieses Portal mache die Demokratie deshalb unsicherer. „Heute brauchen wir Zeitungen mehr denn je“, so Wenzel.

Nun stehe die KI vor der Tür – auch für den Einsatz im Gesundheitsbereich, etwa zur Arzt-Patienten-Kommunikation, zur Unterstützung der Diagnostik oder zur Unterstützung der Therapie. Hier müsse die Gesellschaft bestimmen: „Wo sollen uns Technologien helfen? Wo soll weiter menschlicher Geist eingesetzt bleiben?“, unterstrich Wenzel.

Deutschland hinkt hinterher

In Deutschland, kritisierte der Trendforscher, habe man es bis heute noch nicht einmal geschafft, die Gesundheitskarte zu etablieren. Und auch in der KI hinke Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern hinterher. Online-Sprechstunden, Online-Patientenakten, telemedizinische Überwachungen, Online-Terminvereinbarungen, Auftritte in sozialen Netzwerken – digitale Lösungen kämen Untersuchungen zufolge in Krankenhäusern oder Praxen bislang kaum zum Einsatz, kritisierte der Trendforscher.

Ob automatisierte Diagnostik zur Früherkennung von Brustkrebs oder Hautkrebs, Soforterkennung von Blutgerinnseln im Gehirn, selbstlernende Programme zu Erkennung von Herzrhythmusstörungen – Software oder Apps würden bereits jetzt eine hohe Qualität aufweisen. Die rasanten Entwicklungen in der Gensequenzierung würden in Zukunft mehr und mehr eine personalisierte Medizin erlauben.

Zur Dezentralisierung im Gesundheitswesen: Besonders mit Konzepten zur elektronischen Gesundheitsversorgung, mit denen Menschen mit Gesundheitsdienstleistungen zu Hause versorgt werden können, könne künftig Geld verdient werden, vermutet Wenzel. Hier würden auch die aussichtsreichsten Jobs entstehen, denen eine hohe Steigerungsrate zugesprochen wird.

Idealfall: „Gesundheit von überall“

Denkbar seien zum Beispiel Lifestyle-Strategen, die zu den Patienten ins Haus gehen und im gewohnten Umfeld Korrekturen am Lebensstil anregen. Das könne bei chronischen Erkrankungen (Diabetes, Bluthochdruck), aber auch bei Suchterkrankungen sehr hilfreich sein.

In den USA würden die Umsätze mit häuslichem, dezentralem Gesundheitsmanagement bereits die Umsätze von Kliniken und Krankenhäusern übersteigen. Dabei werde künftig insgesamt der Eigenverantwortung und Prävention ein größerer Stellenwert zukommen.

Digitalisierung und KI in der Medizin würden mindestens in den nächsten zwei Jahrzehnten keine Jobs vernichten, zeigte sich der Trendforscher überzeugt. Höchstens einzelne Berufsgruppen, wie etwa Radiologen, könnten in etwa zehn Jahren ersetzbar werden. Der Einsatz von KI in der Medizin werde es ermöglichen, medizinische Entscheidungen besser, schneller und individueller treffen zu können, sagte Wenzel.

Die heutige reaktive, symptombezogenen Medizin könne sich im Idealfall zu einer „Gesundheit von überall“-Medizin hin entwickeln. Dazu sei allerdings ein Mentalitätswandel im deutschen Gesundheitssystem erforderlich, in dem die Prävention gegenüber der Schadensbegrenzung bevorzugt werde. Gesundheit, so Wenzels Vision, sollte nicht mehr nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern Teil eines „proaktiven Gesundheiterhaltungsprogramms“.

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