Ärzte Zeitung online, 20.12.2018

Unternehmen

Feilen an der digitalen Krebsmedizin

Fallkonferenzen strukturieren, Diagnose- und Therapiesicherheit erhöhen: Das verspricht Roche von seinem IT-Kliniksystem „Navify“. Die erste KI-Anwendung steht kurz vor der Marktreife.

Von Christoph Winnat

244a3001_8219825-A.jpg

Klinikärztin bei der Vorbereitung einer Tumorkonferenz mit dem Navify-System.

© Roche Pharma AG

Im Krebsmittelmarkt ist Roche unbestritten die Nummer Eins. Kein anderes Unternehmen kann so viele Blockbuster mit onkologischer Indikation vorweisen – und ist zugleich in der Lage, kontinuierlich für Produktnachschub zu sorgen. Langfristig will der Schweizer Pharmariese aber nicht nur als Wirkstoff- und Diagnostika-Lieferant glänzen, sondern auch zur Optimierung klinischer Versorgungsprozesse beitragen. Künstliche Intelligenz und Big Data sind die Stichworte, erste Vorzeigeprojekte werden bereits in Kliniken getestet.

So etwa die cloudbasierte Software „Navify Tumor Board“, mit der sich Tumorkonferenzen schneller vorbereiten, durchführen und dokumentieren lassen wie Tim Jaeger, Leiter der Roche-IT-Unit „Diagnostics Information Solutions“ erläutert. Das digitale Tumor Board ist ein Baustein eines sogenannten „Clinical Decision Support Systems“, das Roche unter dem Markenzeichen „Navify“ entwickelt.

Enorme Zeitersparnis

Fallbesprechungen aller beteiligten ärztlichen Experten – Labor, Bildgebung, Pathologie, Chirurgie etc. – sind in Krebskliniken zwar längst alltägliche Routine. Allerdings häufig in Form einer unübersichtlichen und selten systematischen „Zettelwirtschaft“, die noch dazu in wenigen Minuten abgespult werden müsse. „Durchschnittlich bleiben für eine Fallbesprechung drei bis vier Minuten“, weiß Jaeger. Je besser die Konferenz vorbereitet und relevante Befunde aufbereitet seien, desto fundierter ließen sich Therapieentscheidungen treffen. In einer Studie, die Roche Diagnostics eigens zu diesem Thema beauftragt habe, sei deutlich geworden, dass Klinikärzte mit Hilfe des digitalen Tumor Boards teilweise nur halb solange für die Konferenzvorbereitung brauchten, wie ihre Kollegen, die sich analog vorbereiteten.

Dem Programm ließen sich Patientenunterlagen entweder manuell zufügen oder automatisch, indem es an die klinikeigenen Informationssysteme angeschlossen wird und dann die benötigten Befunde einfach hochgeladen werden. Exemplarisch nennt Jaeger die Präsentation von Gewebeproben: „Der Pathologe sucht aus zig Gewebsschnitten den einen, der den Tumor als invasiv zeigt.“

Das Navify Tumor Board wird den Angaben zufolge derzeit an 150 europäischen und US-amerikanischen Kliniken eingesetzt. In Deutschland arbeitet damit zwar erst rund ein Dutzend Häuser. Das Interesse sei aber „erfreulich hoch“, versichert Jaeger; mit etlichen großen Kliniken sei man im Gespräch. 2019 werde die Vermarktung auch in Lateinamerika und Asien starten.

Über den strukturierten Workflow hinaus will Roche mit seinen IT-Lösungen aber auch die therapeutische Entscheidungsfindung unterstützen. So können Onkologen mittels einer App öffentliche Datenbanken entsprechend konkreter klinischer Patientendaten nach passenden Publikationen durchsuchen. Oder nach laufenden Studienprojekten, aus denen sich möglicherweise neue Therapieoptionen ableiten lassen. Diese beiden Anwendungen sind bereits Bestandteil des Navify-Portfolios. Eine weitere App werde voraussichtlich Anfang kommenden Jahres gelauncht, kündigt Jaeger an. Dabei handele es sich um eine Leitlinienrecherche, die mit Patienten-Daten rückgekoppelt werden kann.

Auch Anwendungen in Richtung echter Künstlicher Intelligenz stehen nach Angaben des Roche-Managers schon in den Startlöchern. Beispielsweise arbeite man unter zunehmendem Einsatz maschinellen Lernens an einer digitalen Pathologie zur sicheren Tumordiagnostik. Gewebeproben würden hochaufgelöst eingescannt, digital kontrastiert und von einem hinterlegten Algorithmus interpretiert. „Dadurch können wir Muster sehen, die teilweise auch ein geschultes Auge nicht mehr erkennen kann“. Mit dieser Anwendung sei man schon „sehr weit“; die erforderlichen Algorithmen lägen bereits der US-Arzneimittelbehörde FDA zur Zertifizierung vor. Laut Jaeger soll die Integration der digitalen Pathologie in das Navify-Klinikportfolio noch im Laufe des ersten Halbjahres 2019 erfolgen.

Integrierte Diagnostik

In Allianz mit GE Healthcare arbeite man außerdem an einer „integrierten und intelligenten Diagnostik“. Anfang 2018 hatte Roche eine Kooperationsvereinbarung mit der Medizintechniksparte von General Electric geschlossen. Ziel: Eine digitale Plattform, die Biomarker-, Gewebe-, Genomik- und Sequenzierungsdaten eines Patienten mit Informationen der medizinischen Bildgebung zusammenbringt. Jaeger: „Um etwa die Leberkrebs-Diagnose zu verbessern, sollen Biomarker und Ultraschallbefunde zusammengeführt und mit Algorithmen verbunden werden“.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

PrEP-Kapitel neu im EBM

Die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) als Kassenleistung: Nun stehen die erforderlichen EBM-Abrechnungsziffern fest. mehr »

Psychische Leiden häufiger bei dicker Luft

Liegt Depression in der Luft? Es gibt Hinweise, dass eine miese Luftqualität das Risiko für schwere psychische Erkrankungen steigert. mehr »

Ostdeutsche sind weniger zufrieden

Bürger im Osten stellen ihrer Gesundheitsversorgung vor Ort ein schlechteres Zeugnis aus als dies Westdeutsche tun. Am zufriedensten sind die Bayern. mehr »