Ärzte Zeitung, 13.07.2017

Einfach und mobil

Mit dieser App hat jeder Patient seine Gesundheitsakte immer dabei

Mit der "LifeTime"-App können Ärzte ihren Patienten deren komplette Krankengeschichte bereitstellen – einfach auf dem Smartphone. Ein Hamburger Gynäkologen-MVZ zählt zu den ersten Nutzern.

Von Dirk Schnack

Die Gesundheitsakte auf dem Smartphone

Gynäkologe Dr. Lutz Rathmer und MFA Gina Koch zeigen, wie die App funktioniert. © Dirk Schnack

HAMBURG. Befunde, Informationsmaterial, Röntgenbilder – mit der "LifeTime"-App können Patienten auf ihrem Smartphone alles ablegen, was an Dokumenten bei einem Arztbesuch anfällt. Beim nächsten Arztbesuch können die Dokumente auch in anderen Praxen bequem und papierlos auf den Praxisbildschirm geholt werden.

270 Praxen nutzen dieses System des Hamburger Start-up-Unternehmens Connected Health bislang. Eine von ihnen ist die Praxisklinik Winterhude. Das Hamburger Gynäkologen-MVZ arbeitet seit fast einem Jahr mit der App und gehört damit zu den Pionieren.

Inzwischen haben die Gynäkologen kaum noch schwangere Patientinnen, die die App nicht nutzen. "Wir sprechen fast jede Patientin an, ob sie die Ultraschallbilder nicht auf ihr Smartphone haben möchte. In aller Regel nutzen die Patientinnen das auch", berichtet Dr. Lutz Rathmer.

Der Gynäkologe ist einer von fünf Partnern des MVZ, in dem noch weitere 25 Ärzte, vorwiegend Kolleginnen, tätig sind.

Rathmer kümmert sich in der Großpraxis um digitale Themen und wurde über einen Zeitungsartikel auf die LifeTime-App aufmerksam. Er nahm Kontakt zum Kollegen Dr. Johannes Jacubeit auf, der die Idee zusammen mit Partnern zur Marktreife gebracht hatte.

Seitdem arbeitet das MVZ, das ausschließlich in niedergelassener Hand ist und in dem bis zu 1000 Patientinnen täglich ein und aus gehen, mit der App.

Der Wunsch: Ein E-Mutterpass

Bislang allerdings in erster Linie, indem sie die Ultraschallbilder auf die Mobiltelefone ihrer Patientinnen laden. Wenn es nach Rathmer ginge, könnte die App noch umfassender eingesetzt werden.

"Ich wünsche mir, dass wir einen elektronischen Mutterpass nutzen könnten", so Rathmer. Denn die strukturierten Untersuchungen in der Schwangeren-Vorsorge sind seiner Ansicht nach besonders geeignet, um sie mittels App und nicht länger über den Papier-Pass zu dokumentieren.

Hinzu kommt: Das Smartphone haben die werdenden Mütter grundsätzlich dabei, der Mutterpass wird schon mal vergessen. An die Entwickler bei Connected Health hat Rathmer den Wunsch bereits herangetragen.

Mit Geburtskliniken will Rathmer ebenfalls sprechen, damit seine Patientinnen auch dort ihre Dokumente per Smartphone einspielen können. Bislang wird in Krankenhäusern noch nicht mit LifeTime gearbeitet, was nach Auskunft des Unternehmens aber vorbereitet wird.

Grund für Rathmers digitales Engagement: In die Winterhuder Praxis kommen vorwiegend Patientinnen, für die der Umgang mit digitalen Daten selbstverständlich ist und die ursprünglich nicht aus Hamburg stammen. Die Patientinnen freuen sich, wenn sie ein Ultraschallbild per Smartphone an ihre Familie schicken können.

"Sie sind es gewohnt, alles digital bei sich zu tragen und autonom über ihre Unterlagen zu verfügen. Sie wollen nicht Krankenkassen oder anderen bürokratische Institutionen entscheiden lassen, ob sie ihre Unterlagen bekommen oder nicht", so Rathmer.

Praxen, die das System nutzen möchten, benötigen einen Konnektor, "LifeHub" genannt. Dieser ist mit dem Praxiscomputer verbunden und ermöglicht den Datenaustausch mit dem Smartphone des Patienten. Dazu muss der Patient die App mittels Passwort oder Fingerabdruck öffnen.

Daten werden nicht extern gespeichert

Die Datenübertragung geschieht über eine WLAN-Verbindung. Die Daten werden also nicht extern gespeichert – ein wichtiger Sicherheitsaspekt. "Du bist der einzige, der Zugriff hat", versichert das Unternehmen auf seiner Website.

In der Praxisklinik Winterhude steht der Hub gut sichtbar in der Nähe des Empfangstresens – dort, wo sich die Patientinnen nach dem Betreten der Praxis zuerst aufhalten.

Hier halten die Patientinnen ihr Smartphone mit der passwortgeschützten App kurz an den LifeHub und wählen die von ihnen zur Übertragung freizugebenden Dokumente aus. In einer aktualisierten Fassung kann die Verbindung auch von zu Hause aufgebaut werden, der Patient muss dafür nicht mehr in der Praxis sein.

Im Praxiscomputer können die Dokumente direkt in die Patientendatei übernommen werden. So bestimmt der Patient, an wen er wann welche Daten überträgt. Im Idealfall verfügt er über seine komplette Patientenhistorie auf dem Smartphone und organisiert die Datenübertragung selbst.

Für Gynäkologe Rathmer ebenfalls wichtig: "Wir sind eine papierlose Praxis. Wenn Patientinnen mit Papierdokumenten zu uns kommen, müssen wir einscannen. Mit LifeTime entfällt dieser Schritt."

Rathmer hofft, dass sich das System schnell durchsetzt. Bislang arbeiten hauptsächlich Ärzte in Hamburg mit dem System, weil die Hansestadt die Entwicklung des Hamburger Unternehmens unterstützt hatte und sich hier am schnellsten Pioniere wie Rathmer fanden.

Nun soll das Produkt bundesweit ausgerollt werden. Für Praxen kostet das Produkt 19,90 Euro im Monat, die App für die Patienten ist kostenfrei.

Die Praxisklinik Winterhude

» 5 ärztliche Partner

» 25 angestellte Ärztinnen

» 35 MFA, 1 Praxismanagerin, 7 Hebammen, 1 Familienlotsin

» bis zu 1000 Patientinnen täglich

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