Ärzte Zeitung online, 11.01.2018

Digitalisierung

Patientendaten analysieren ist das A und O

Als das wichtigste Zukunftsprojekt in der Digitalisierung der Medizin wird die Auswertung von Patientendaten gesehen. Kliniken und Gesundheitskonzerne testen bereits neue digitale Methoden zur Analyse der Patientendaten.

Von Alexander Sturm

Patientendaten analysieren ist das A und O

Vernünftig verknüpfte Daten können Ärzten bei der Therapie chronisch Kranker unterstützen.

© BillionPhotos.com / Fotolia

FRANKFURT/MAIN. Die Auswertung von Patientendaten ist eines der wichtigsten Zukunftsprojekte im deutschen Gesundheitssystem. Gefördert mit 150 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium, läuft eine Initiative, mit der Universitätskliniken eines Tages Patientendaten austauschen könnten. Bisher wurden schon Abrechnungsdaten von Krankenkassen analysiert, nicht aber medizinische Daten.

Schon heute produzierten Klinik und Forschung sehr viele Daten, heißt es beim Ministerium. "Immer mehr Röntgenbilder, Arztbriefe oder Laborwerte werden elektronisch erfasst". Die Daten würden aber zu wenig verknüpft. Patienten absolvierten daher oft eine Odyssee bei Ärzten, bis sie die richtige Behandlung erhielten.

Nun soll eine Brücke zwischen Patientenversorgung und Forschung entstehen. Das Projekt helfe Forschern, ein besseres Verständnis von Krankheiten zu erlangen, das für neue Präventions-, Diagnose- und Therapieverfahren "dringend benötigt wird". Am Ende sollen Kliniken und Ärzte über Schnittstellen auf Patientendaten zugreifen und sich auf alle im Gesundheitssystem wichtigen Daten stützen.

Behandlungsdaten nutzen

Auch Ärztevertreter begrüßen die Nutzung anonymisierter Behandlungsdaten. Für die Forschung wäre es ein "echter Fortschritt", wenn Patienten festlegen könnten, ob ihre Behandlungsdaten in "gesicherten und staatlich kontrollierten" Datenbanken hinterlegt werden dürften, sagt Peter Bobbert, Bundesvorstand beim Marburger Bund.

Dafür müssten aber hohe wissenschaftliche und ethische Standards gelten und Patienten Herr des Verfahrens bleiben.

Eine gemeinsame Position aller Bundesländer für die Zustimmung der Patienten fehlt noch. Susanne Mauersberg, Gesundheitsexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband, wirbt für eine praxistaugliche Lösung.

Wenn Kranke für jeden Zweck einzeln zustimmen müssen, sei das wenig praktikabel. "Wir brauchen zudem einen zeitgemäßen und dynamischen Datenschutz." Negativbeispiel ist aus ihrer Sicht die USA, in der Patientenprofile gehandelt werden.

Doch nicht nur der Bund, auch die Privatwirtschaft ist aktiv. Deutschlands größter Klinikbetreiber Fresenius Helios unternimmt erste Versuche und der Softwarekonzern SAP arbeitet mit der Charité an einem Projekt, das die Behandlung chronisch Kranker per Nutzung von Patientendaten verbessern soll. "In Krankenhäusern liegen tonnenweise Daten, die sie alleine gar nicht nutzen können", sagte SAP-Experte Kai Sachs auf einer Konferenz in Frankfurt.

Ließen sich Daten verknüpfen und Ärzten zur Verfügung stellen, könnte das die Therapien chronisch Kranker verbessern, so die Vision. Daten könnten vor Herzschäden warnen, wenn der Ruhepuls von Patienten regelmäßig zu hoch sei oder Datenschwankungen auf schädliche Wassereinlagerungen hindeuteten. Es gehe um ein Prototyp-Projekt, betont SAP. Alle Datenschutz-Gesetze würden eingehalten.

Ärzte sehen Digitalisierung positiv

Wirtschaftliche Vorteile der Digitalisierung, die dem Gesundheitswesen insgesamt zugutekämen, seien begrüßenswert, meint der Marburger Bund. Die große Mehrheit der angestellten Ärzte glaube, dass die Digitalisierung die Arbeit im Krankenhaus verbessern könne.

Ökonomische Aspekte dürften jedoch nicht im Vordergrund stehen. "Wir müssen verhindern, dass finanzstarke Unternehmen aus personalisierten medizinischen Daten ein Geschäftsmodell zur Steigerung des eigenen Gewinns entwickeln", sagt Bobbert.

Digitale Zukunftsprojekte kosten allerdings viel Geld. Von den jährlich für Investitionen benötigten sechs Milliarden Euro zahlten die Bundesländer nur etwa die Hälfte, kritisiert die Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Geld für Modernisierung fehle an allen Ecken und Enden. Bis sich digitale Vorzeigeprojekte in Kliniken durchsetzen, muss noch viel passieren. (dpa)

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