Ärzte Zeitung online, 01.02.2018

Umfrage

Ärzte stehen auf Digitalisierung

E-Health kommt in Deutschland schleppend vorankommt – Nicht selten wird Ärzten der Schwarze Peter dafür zugeschoben. Stimmt nicht, sagt eine DAK-Studie in Zusammenarbeit mit der "Ärzte Zeitung".

Von Anke Thomas und Anno Fricke

Ärzte wollen mit E-Health weiterkommen

Digitalisierung in der Praxis: Rund 80 Prozent der Ärzte denken einer aktuellen Umfrage zufolge, dass Videosprechstunden und Online-Coachings nützliche Ansätze sind.

© adam121/stockadobe.com

BERLIN. Grundsätzlich stehen Mediziner der Digitalisierung offen gegenüber und wollen mehr E-Health-Anwendungen. Das ist Ergebnis einer neuen Studie. Diese wurde initiert von der DAK Gesundheit und maßgeblich von der "Ärzte Zeitung" organisiert mit Unterstützung vom Hartmannbund, der EPatient RSD GmbH und dem Ärztenetzwerk esanum.de.

Rund 80 Prozent der Ärzte denken der Analyse zufolge, dass Videosprechstunden und Online-Coachings nützliche Ansätze sind. Überraschend war, dass der Bekanntheitsgrad der Videosprechstunde – obwohl wenig im Praxisalltag eingesetzt – unter den Ärzten recht hoch ist. Im Vergleich dazu wird die E-Patientenakte jedoch sehr wenig wahrgenommen: 82 Prozent der Befragten haben schon einmal von der Videosprechstunde gehört, acht Prozent hatten bereits etwas damit zu tun. Lediglich neun Prozent hatten noch nie etwas davon gehört.

E-Akte ist noch "Terra incognita

Im Vergleich dazu hatten 40 Prozent der Befragten nichts von E-Patientenakten gehört, auf die der Patient über das Internet oder zum Beispiel sein Smartphone zugreifen kann. Nur jeder zweite Arzt wusste etwas damit anzufangen; acht Prozent meinten, sie seien damit bereits in Berührung gekommen. Angesichts der Tatsache, dass die elektronische Patientenakte im Zusammenhang mit der elektronischen Gesundheitskarte vielfach diskutiert und von ärztlichen Berufsverbänden auch immer wieder thematisiert wird, erstaunt die geringe Wahrnehmung der Anwendung bei den befragten Ärzten.

Elektronische Arztbriefe kommen gut an

DAK-Report Digitalisierung 2018

» Der DAK-Digitalisierungsreport basiert auf einer anonymen Online-Befragung unter Ärzten auf Portalen und in Newslettern.

» Zeitraum: September und Oktober 2017

» Teilnehmerzahl: 1147 Ärzte, davon haben 468 die Befragung komplett ausgefüllt.

» Initiatoren: DAK-Gesundheit, "Ärzte Zeitung", SpringerMedizin.de, Hartmannbund, EPatient RSD GmbH und esanum.de

Von Befund-/Diagnostik-Apps für Patienten, die bislang nicht in der Regelversorgung angekommen sind und höchstens in Selektivverträgen Erwähnung finden, hatten nahezu 85 Prozent schon einmal etwas gehört bzw. hatten damit in der Praxis zu tun.

Einen besonderen praktischen Nutzen sehen die befragten Ärzte offenbar in der Verwendung von elektronischen Arztbriefen. Immerhin hatte fast jeder vierte Arzt damit bereits zu tun gehabt. Das so viele Mediziner E-Arztbriefe in der Anwendung kennen unterstreicht die Annahme, dass digitale Lösungen für Fachkräfte eine vergleichsweise deutlich höhere praktische Verbreitung erfahren als E-Health-Anwendungen für Patienten. Nur jeder zehnte der Befragten gab an, noch nie etwas von einem E-Arztbrief gehört zu haben.

"Digitalisierung nutzt der Arbeit in der Praxis"

Nicht alles "Innovative" bringt Nutzen. Eine digitale Anwendung wird vor allen Dingen dann gut ankommen und eingesetzt werden, wenn sie den Anwendern das Leben leichter macht. Deshalb sollten die Ärzte beantworten, wie sie den Nutzen digitaler Versorgungslösungen einschätzen.

Dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen eher träge vonstatten geht, kann bei Betrachtung der Antworten nicht an den Ärzten liegen. Das Gros ist der Meinung, dass Digitalisierung Vorteile für die Arbeit bringt. Vielleicht dabei nicht ganz verwunderlich: Die jüngeren Ärzte (bis zu zwei Jahren berufstätig) bewerteten den Nutzen digitaler Versorgungslösungen generell höher ein, als Ärzte, die bereits über zwanzig Jahre ihren Beruf ausüben.

Während zum Beispiel unter den älteren Ärzten knapp jeder Dritte der Meinung war, dass digitale standardisierte Aufklärungs- und Coaching-Anwendungen nützlich sein werden, stimmten dem 54 Prozent der ärztlichen Berufsneulinge zu. Den größten Nutzen in der Digitalisierung sah jeder zweite Arzt in der schnelleren bzw. einheitlicheren Optimierung von medizinischen Erkenntnissen und neuer Leitlinien. 42 Prozent schätzen, dass die Therapietreue und -steuerung nachvollziehbarer wird.

Dass eine Praxis mit digitalen Lösungen Zeit spart oder wirtschaftlichen Nutzen bringt, meinten immerhin 36 Prozent. 37 Prozent waren sich nicht sicher, 27 Prozent der Befragten konnten hier überhaupt keinen Vorteil für die Praxis erkennen.

Nutzennachweis für Gesundheits-Apps gefordert

Um zum Beispiel Schritte zu zählen, Vitalfunktionen oder andere Gesundheitsdaten zu überwachen, sind Apps bei Patienten sehr beliebt. Aber wie finden Ärzte das und vor allen Dingen: Welche Anforderungen sind an die App zu stellen, damit der Nutzen auch abgesichert ist und die Patienten nicht mit Fehlinformationen versorgt werden?

Apps, die eine therapeutische oder diagnostische Funktion haben, sollte vor ihrer Verwendung einen hohen Nutzennachweis – ähnlich wie bei der Prüfung von Medikamenten – vorweisen. Dem stimmten 81 Prozent der Ärzte zu. Ähnliches gilt für Medizinprodukte-Apps, deren Qualität ebenso wie Medizinprodukte geprüft werden sollten (93 Prozent Zustimmung). Außerdem waren Ärzte der Meinung, dass für Apps, die eine Verhaltensänderung zum Gegenstand haben, klinische Studien für einzelne Apps unrealistisch sind. Vielmehr müssten schlankere Evaluationsmethoden gefunden werden.

Mehr als zwei Drittel der befragten Ärzte halten digitale Lösungen für so vielversprechend, dass ihnen die eigene Einschätzung reicht: Sie würden Apps auch ohne Evidenznachweis empfehlen, wenn sie selbst von dem Produkt überzeugt sind.

DAK-Chef sieht Umdenken

Ein Umdenken in der Ärzteschaft hat stattgefunden“, kommentierte DAK-Chef Andreas Storm die Ergebnisse am Donnerstag in Berlin. Die nächste Regierung müsse nun Tempo machen. Storm forderte einen Masterplan für die Digitalisierung des Gesundheitswesens, dessen Fortschritt jährlich kritisch unter die Lupe genommen werden sollte, damit er sich nicht „im Gestrüpp der Akteure“ verheddere.

 Ganz oben auf dieser Agenda solle ein schnellerer Aufbau der Telematikinfrastruktur als bisher geplant stehen. Digitale Systeme im Gesundheitswesen sollten endlich miteinander kommunizieren können. Konkret forderte Storm eine Aufhebung des Fernbehandlungsverbots.

Auch das wird von den Ergebnissen der Umfrage gestützt – fast 50 Prozent der Teilnehmer halten ein Szenario mit einen „Call-Centerarzt“ und einem unbekannten Patienten mit akutem grippalem Infekt für sinnvoll.

65 Prozent halten es für realistisch. Dabei gibt der „Callcenter“-Kollege eine Therapieempfehlung und stellt eine elektronische Verordnung oder Überweisung für den physischen Kontakt mit einem Arzt aus.

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