Ärzte Zeitung online, 24.10.2018

In vier Punkten

So geht‘s endlich voran bei der Digitalisierung

Das Gesundheitswesen in Deutschland erweist sich bei der Digitalisierung als besonders harte Nuss. Dabei müssen zunächst vier Aufgaben gelöst werden, um unser Gesundheitswesen fit für die Zukunft zu machen, sagt unser Gastautor.

Von Bertram Häussler

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Digitalisierung – flächendeckender Ansatz oder doch lieber viele kleine Initiativen?

© sdecoret / stock.adobe.com

Die Berufung eines Digitalrates durch die Bundesregierung machte erst kürzlich wieder einmal deutlich, wie sehr es dem Land schwerfällt, Dinge zu tun, die woanders als Fortschritt willkommen geheißen werden: erst noch mal ein Gremium.

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Bertram Häussler

Bei der Digitalisierung ist das Gesundheitswesen ein besonders harter Fall. Es sind noch immer viel zu wenig Arztpraxen, die einfachste Services für ihre Patienten anbieten, die man mithilfe digitaler internetbasierter Lösungen haben könnte. Von dem Zwang beherrscht, dass es nur die "flächendeckende Lösung" sein kann, dominiert von den Kritikern innerhalb der Ärzteschaft und von einem seit bald zehn Jahren währenden Wirtschaftswachstum sediert, hat sich dieses Gesundheitswesen technologisch wenig entwickelt, sieht man von dem Ausbau diagnostischer und therapeutischer Technologien einmal ab.

Aber weiteres Klagen hilft nicht, und gleichzeitig zeigen sich an verschiedenen Ecken doch Initiativen, die den Karren langsam aber sicher aus dem Sumpf ziehen können.

Digitalisierung ist ein Instrument

Die Digitalisierung steht dabei an vorderster Stelle, um das Deutsche Gesundheitswesen zu modernisieren und für die Zukunft fit zu machen. Digitalisierung ist aber nicht das Ziel, sondern das Instrument. Ziel und Zweck dieser überfälligen Operation ist ein Gesundheitswesen, das den Service bietet, der zu unserer heutigen Gesellschaft passt, und den wir trotz aller Rückständigkeit an anderen Stellen genießen: Wir schätzen es, dass wir nicht mehr warten müssen, dass wir uns vergleichend informieren und auswählen können, was wir von wem kaufen wollen. Wenn man von der öffentlichen Verwaltung absieht, kommen einem mittlerweile im Web diejenigen entgegen, die etwas anzubieten oder zu verkaufen haben. E-Commerce hat seinen Siegeszug geschafft. E-Health hat ihn vor sich.

Es geht nicht nur um Service, es geht auch um Qualität. Dazu wurde in den letzten zehn Jahren alles auf die Karte "Integrierte Versorgung", "Abbau von Schnittstellen", "Vernetzung" und andere Begriffe gesetzt. Die Erfolge lassen noch immer auf sich warten.

E-Health ist Vernetzung

E-Health dagegen ist das Instrument, das "Vernetzung" nicht zum Ziel hat, sondern die Vernetzung ist. Daher können wir von einer Digitalisierung sowohl Service als auch Qualität erwarten.

Damit soll auch klar werden, dass alle gedanklichen Verknüpfungen des Begriffes "Digitalisierung" mit den sich daraus auch bietenden analytischen Möglichkeiten eher nachrangig sind.

Den Zweck der Digitalisierung im Gesundheitswesen mit "künstlicher Intelligenz", dem Aufspüren von seltenen Krankheiten, oder "Big Data" gleichzusetzen, geht an der Sache vorbei. Digitalisierung ist das Vehikel, mit dem die Resistenz des Gesundheitswesens gegen seine Modernisierung überwunden werden kann.

Vier Aufgaben zur Beschleunigung

Die durch Digitalisierung unterstützte Modernisierung des Gesundheitswesens ist zwar in Gang gekommen. Sie könnte aber deutlich beschleunigt werden. Er bedarf dazu keines "flächendeckenden" Ansatzes, sondern möglichst vieler einzelner Initiativen, die im vorhandenen Gesundheitssystem, auf dem "ersten Gesundheitsmarkt" ihre ansteckende Wirkung entfalten können.

Es gilt: nicht "one size fits all", sondern der Wettbewerb der Ideen ohne den Zwang, auf einmal überall und für alle die ultimative Lösung anbieten zu können. Dafür braucht man allerdings Standards, die einzuhalten sind.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich vier Aufgaben, die auch die Themen der weiteren Folgen dieser Serie bestimmen:

  • Finde erstens Ärzte, die von einem modernisierten digitalisierten Gesundheitssystem überzeugt sind und mitmachen wollen.
  • Suche zweitens Nutzer, die ebenfalls überzeugt und motiviert sind, mitzumachen. Weil der erste Gesundheitsmarkt so stark von der gesetzlichen Krankenversicherung geprägt ist, sollten Initiativen hauptsächlich dort ihren Ausgangspunkt haben.
  • Stelle drittens eine Plattform zur Verfügung, auf der sowohl die Nutzer als auch die Professionellen interagieren können.
  • Organisiere viertens Assistenz-Services, die sowohl Nutzer als auch Professionelle bei ihrer Kooperation unterstützen.

"Take Four" könnte man das Rezept für solche Initiativen nennen.

Damit es in Zukunft vorangeht, brauchen wir also eine Art Fahrplan für die Digitalisierung. Entlang der oben angeführten Viererkette, aber auch in Bezug auf die zentralen Mitspieler Politik und Selbstverwaltung gilt es, in Zukunft verschiedene Punkte anzugehen, damit die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorankommt. In den nächsten Folgen der Serie wird skizziert, wie ein Fahrplan Digitalisierung zur Überwindung der Blockaden in der Politik und der Technik konkret aussehen kann.

Professor Dr. med. Bertram Häussler ist Mediziner, Soziologe und Honorarprofessor für Ökonomie an der TU Berlin. Seit 2006 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung der Berliner IGES Institut GmbH.

Vier Kernpunkte, um die Digitalisierung voranzubringen:

  • Ärzte: Es braucht Ärzte, die von einem digitalisierten Gesundheitswesen überzeugt sind und mitmachen wollen.
  • Nutzer: Auf der anderen Seite braucht es auch digital affine Nutzer, die mitmachen wollen.
  • Plattform: Nötig ist eine Plattform, auf der Ärzte und Nutzer interagieren können.
  • Assistenz-Services: Ärzte, Nutzer und andere sollen durch Services unterstützt werden.

Lesen Sie dazu auch:
Externe Kommunikation: Ärzte stehen weiter auf Papier

Weitere Beiträge zur Serie:
"Digitalisierung - Rezepte gegen die Blockaden"
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[26.10.2018, 18:47:50]
Dr. Ralph Jäger 
Ergänzt um Einfachheit
Das "Take Four"-Konzept kann wirklich funktionieren, allerdings sollte imho die Einfachheit und damit auch Erleichterung im Praxisalltag eine zentrale Rolle spielen (wie auch Dr. Sandmann schon kritisch hinterfragte). Hierbei muss zusätzlich sichergestellt werden, dass gleichzeitig verschiedene Geräte benutzt werden können (also stationärer PC und mobil per Smartphone).

Als eine Ihrer angesprochenen Initiativen haben wir, aus unserem Bedarf einer ländlichen üBAG mit 5 Standorten, eine einfach zu bedienende und dennoch sichere, Ende-zu-Ende-verschlüsselte, Kommunikationslösung entwickeln lassen: Medione (https://medione.health)

Wir können tatsächlich durch die Digitalisierung der Kommunikation von einer Erleichterung im Alltag berichten, im ersten Schritt mit Patienten, MFAs auf Hausbesuchen sowie Wundmanagerinnen / Pflegekräften.
Wir tasten uns gerade in der digitalisierten Kommunikation mit Fachkollegen (inkl. Befundaustausch) und sogar den Apotheken voran.

Aus meiner Sicht funktioniert also Digitalisierung tatsächlich, aber wie Dr. Sandmann schon beschrieb, müssen die Lösungen praxistauglicher werden. zum Beitrag »
[25.10.2018, 21:37:48]
Dr. Jörg Sandmann 
Und genau daran liegt es nicht
Wenn die Digitalisierung Arbeit abnehmen würde, dann würde es ja jeder machen. Als Jemand, der den ganzen neuen Kram jeden Tag erleiden muss, kann ich nur sagen, dass die Umsetzungen so mangelhaft sind, dass man sich andauernd ärgern muss. Das wird man allerdings nur nachempfinden können, wenn auch DMP-Bögen und Medikamentenpläne täglich bearbeiten muss. Der eingestellte und erzwingenermassen teuer bezahlte Porsche sieht von aussen toll aus. Drin sitzend, kommt der Sound vom Band und ab dem zweiten Gang ist Schluss. So sieht unsere Wirklichkeit aus. Es braucht nämlich den entscheidenden fünften Punkt: eine handwerklich gute und praxisnahe Umsetzung der Ideen. Und davon sind wir weit entfernt. Deshalb klappt es nicht. You are invited.
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