Ärzte Zeitung online, 02.11.2018

Digitalisierung

Nicht auf den letzten überzeugten Arzt warten

Die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte ist digital wenig affin. Aber einige wollen längst mehr als eine elektronische Karteikarte in der Praxis. Diese "Avantgarde" könnte die E-Patientenakte bis 2021 durchaus schon einmal testen.

Ein Gastbeitrag von Bertram Häussler

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Die digitale Vernetzung geht für manche Ärzte zu langsam voran. Wie wäre es, diese Ärzte vorangehen zu lassen?

© MG / stock.adobe.com

BERLIN. Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem wird nur vorankommen, wenn es einen Wettbewerb um die beste Lösung gibt, und wenn digital affine Menschen voran-gehen können und nicht auf den letzten Überzeugten warten müssen.

Selbstverständlich gibt es dabei auch Bereiche, die einer nationalen Regelung bedürfen, damit am Ende alle mit allen zusammenarbeiten können. Eine solche Regelung wurde nun unter dem Druck des Bundesgesundheitsministeriums von "der Selbstverwaltung" in einem "Letter of Intent" (ein wirklich schräger Begriff für etwas, was die Protagonisten schon längst hätten erledigen müssen) vage skizziert, damit die Politik die Grundlage für eine Reform der abgestorbenen Paragrafen des SGB V hat, die den digitalen Verkehr in der GKV behandeln. Der Minister möchte damit eine letzte Verschiebung des Starts auf das Jahr 2021 gewähren.

Genauso wie wir skeptisch auf die nunmehr achte Version der Eröffnung des Berliner Flughafens im Jahr 2020 warten, haben wir Grund zur Skepsis. Es besteht die Gefahr, dass das, was im Jahr 2021 im Gesundheitssystem gestartet werden soll, nicht als dessen "Digitalisierung" durchgehen wird, wenn man nur diesem Letter folgen würde.

Der Letter mutet wieder viel mehr wie eine "one size fits all"-Lösung an als ein Wettbewerb der Ideen, der in diesem Jahr wie ein "kurzer Sommer der Anarchie" von einigen Krankenkassen und Unternehmen entfacht worden war.

Nur wenige Ärzte sind überzeugt

Doch wie könnte eine Transformation in ein digitales Gesundheitssystem in Deutschland gelingen – bevorzugt mit denen, die längst darauf warten? Auf eine "flächendeckende" Lösung, die in Deutschland meist für die einzig mögliche gehalten wird, soll hier explizit verzichtet werden.

Ohne die Ärzte geht nichts. Nicht in der Gegenwart und nicht in der Zukunft. Daher fügt es sich besonders gut, dass gerade das "Praxisbarometer Digitalisierung" der KBV veröffentlicht worden ist. Es gibt Einblicke in Gegenwart und Zukunftserwartungen deutscher Kassenärzte im Hinblick auf die Digitalisierung. Was zeigt sich?

Wenn man davon absieht, dass die meisten Ärzte ein Praxisverwaltungssystem haben und damit elektronisch dokumentieren, dringt vom digitalen Informationsfluss kaum etwas nach außen: Etwa 90 Prozent der Ärzte in Einzelpraxen kommunizieren mit anderen Praxen fast immer noch auf Basis von Papier. Von denen, die digital kommunizieren, benutzt immerhin noch die Hälfte das Allerweltsmedium "E-Mail".

Mit dem Krankenhaus ist die digitale Kommunikation noch schwächer entwickelt. Mit den Patienten kommunizieren knapp zehn Prozent der Ärzte "mehrheitlich" oder "hälftig" online. Vom Patienten aus Apps bereitgestellte Daten finden die Hausärzte mit knapp zehn Prozent am häufigsten "sehr hilfreich".

Jede zweite Praxis mit Webseite

Nur die Hälfte aller Praxen hat eine eigene Internetseite, über die sie mit ihren Patienten kommunizieren könnten.Nach ihren Interessen an der digitalen Welt befragt, liegen zentrale Instrumente wie Online-Sprechstunde und elektronische Patientenakte bei zehn bis 15 Prozent ("sehr hoch" oder "eher hoch").

Die ernüchternde Einsicht aus dieser Befragung: Die meisten niedergelassenen Ärzte sind noch wenig überzeugt von der digitalen Welt. Die ermunternde Einsicht: Ungefähr zehn Prozent können dafür begeistert werden oder sind es bereits. Und auf diese zehn Prozent kann und sollte eine Initiative für ein fortschrittliches Projekt aufbauen.

Eine größere oder ein Konsortium kleinerer Krankenkassen müsste den fünf bis zehn Prozent der Ärzte einen Vertrag bieten, die einen Schwerpunkt ihrer Arbeit jener Gruppe von Patienten widmen wollen, die das Gesundheitssystem ebenfalls als "early adopter" vorwiegend digital nutzen wollen.

Diesen Ärzten kann Einiges geboten werden, wenn sie sich dieser Patientengruppe widmen: Sprechzeiten, die sich dem Wunsch ihrer Patienten anpassen, ein Arbeitsort, der nicht die Praxis sein muss, also auch zu Hause oder unterwegs sein kann. Kontakte über Chats, Maildienste oder ähnliches, wenn die Patienten dies wünschen. Ansonsten können sie auch ganz konventionell zu den Standardzeiten in die Praxis kommen.

Startschuss schon 2019

Unterstützt wird dieses kleine digitale Gesundheitssystem durch eine E-Akte, ob sie nun Patienten- oder Gesundheitsakte heißt, oder nach Paragraf 67, 68 oder nach 291a SGB V begründet ist. Die Absprache mit dem Ministerium lässt jeder Kasse einen Spielraum bis zur großen Eröffnung in 2021. Bis dahin vergeht noch viel Zeit, die sich nutzen lässt. Eine weitere Unterstützung wird ein Assistenz-Service bieten, auf den sowohl teilnehmende Ärzte als auch Patienten zugreifen können.

Was ist das für ein Vertrag? Es könnte ein Vertrag der "besonderen Versorgung" nach Paragraf 140a SGB V sein, für den in einer ersten Phase zunächst einmal unter Allgemeinärzten geworben werden sollte, um den Einstieg nicht gleich mit komplexeren Regelungen zwischen Haus- und Fachärzten zu belasten. In diesem Vertrag werden die Grundlagen für das "Betriebssystem" dieses digitalen Starterpakets gelegt.

Natürlich muss es hierzu auch angepasste neue Vergütungsregelungen geben, die allerdings nicht von der Annahme ausgehen, dass alles "digitale" eine zusätzliche Erschwernis bedeutet, die obenauf zu vergüten sei. Im digitalen Zeitalter sollte man niemanden "entschädigen" müssen für etwas, was letztlich attraktiv ist. Patienten können nach Paragraf 53 SGB V (Wahltarife) beitreten und bekommen dafür ebenfalls einen besonderen Tarif angeboten, der nicht mit Rabatten locken soll.

Wenn eine oder mehrere Kassen ein solches Angebot machen, wäre mit fünf bis zehn Prozent der Hausärzte zu rechnen, also mit bis zu 5000 Ärztinnen und Ärzten bundesweit. Genug für die digital affinen Versicherten dieser Kassen, in dem Angebot eine Alternative zu sehen.

Ein Jahr für die Vorbereitung könnte bereits reichen. Die Zutaten sind vorhanden. Ärzte und Versicherte auch. Nichts wäre hilfreicher für den Start der "flächendeckenden" Lösung, als wenn es ein Vorbild schon gäbe. 2019 könnte der Startknopf gedrückt werden.

Und so steht es im Gesetz

  • Paragraf 140a SGB V, Besondere Versorgung: (1) Die Krankenkassen können Verträge mit (...) Leistungserbringern über eine besondere Versorgung der Versicherten abschließen. Sie ermöglichen eine verschiedene Leistungssektoren übergreifende oder eine interdisziplinär fachübergreifende Versorgung (integrierte Versorgung). (...)
Weitere Beiträge zur Serie:
"Digitalisierung - Rezepte gegen die Blockaden"
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[12.11.2018, 18:44:09]
Dr. Jörg Sandmann 
Warum sind Ärzte nicht e-affin? Obwohl es toll ist?
Man muß schon sehr e-affin sein, um sich die ganzen Neuerungen anzutun. Und es sind immer die gleichen Gründe, die es einem abgewöhnen können: Handwerklich schlechte Lösungen. Ein bundeseinheitlicher Medikamentenplan, der nicht einmal ein ordentliche M-Parkinson-Medikation abbilden kann, der schlechter ist als der alte des Anbieters, ist unser tägliches Brot. Elektronische DMP-Programme, die jedes Quartal die gleichen Fragen stellen, anstatt Arbeit abzunehmen, die Rauchern Entwöhnungsprogramme anbieten, die Patienten nicht brauchen, verplempern unsere Zeit. Da kommen Apps auf den Markt, werden mit Preisen überhäuft, stecken voller Fehler, die jeder Hausarzt gleich bemerkt, aber den beteiligten Krankenkassen und Entwicklern anscheinend nicht auffallen. Da wollen sich Krankenkassen profilieren, die nicht einmal online zu bearbeitende Formulare anbieten und uns den Stift in die Hand zwingen. Da wird uns Telematik aufgezwungen, die uns Krankenkassenkarten auf Gültigkeit prüfen läßt. Solange die Protagonisten es nicht für notwendig erachten handwerklich gute Lösungen mit den Ärzten zu entwickeln, die es auch anwenden sollen, solange werden die Ergebnisse schlecht bleiben und sich nicht durchsetzen. Es ist doch ganz einfach.  zum Beitrag »

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