Ärzte Zeitung, 12.11.2018

Digitalisierung

Ein Digitaltarif wäre der Hit für Patienten

Mehr Service, schnellere Versorgung: Wenn das Angebot attraktiv genug ist, würden sich viele Patienten für einen Digitaltarif mit Fernbehandlung finden, meint unser Gastautor. Ein Einstieg in das digitale Gesundheitswesen.

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Auf dieser Seite der Online-Verbindung wartet ein Arzt. Mit Digitaltarif könnten Patienten anfragen.

© kozirsky / Fotolia

In Deutschland nutzen rund 60 Millionen Menschen das Internet. Wenn man von ganz Jungen und ganz Alten absieht, sind das annähernd alle. Von diesen 60 Millionen gehen mehr als 50 Millionen elektronisch einkaufen, 44 Millionen davon kaufen bei Amazon ein, 17 Millionen so regelmäßig, dass sie zwischen 70 und 100 Euro pro Jahr ausgeben.

Demnach kaufen etwa 80 Prozent der Deutschen im Internet ein, 75 Prozent bei Amazon und 30 Prozent bezahlen für den Vorzugsservice „prime“. Der Anteil der Ärzte dürfte noch etwas höher liegen. Alle diese Menschen gehen auf einen Markt, der immer geöffnet ist, wenn sie etwas kaufen wollen.

Es gibt dort natürlich Bekleidung, Bücher und Elektronik, aber auch hunderte verschiedener Angelhaken, Schnittmusterbögen, Speichenspanner und weitere 229 Millionen (!) Produkte, die von über 50.000 Fachhändlern angeboten werden.

Die Menschen gehen sicherlich immer wieder auf diesen Markt, weil sie überwiegend tatsächlich das Produkt erhalten, das sie bestellt haben.

Dafür sorgt ein ausgeklügeltes Informationssystem, das nicht nur den Händler, sondern auch die bisherigen Kunden zu Wort kommen lässt. Also: Immer offen, alles da, Beratung gut, Produkte wie „besehen“. Dies beschreibt ein gutes Dienstleistungsangebot.

Transparent bis in die letzte Ecke

Für 14 Milliarden Euro kaufen die Deutschen bei Amazon ein und bilden damit den größten Auslandsmarkt weltweit vor Japan und UK. Dabei geben sie Nutzungs- und Nutzerdaten in großem Umfang ab.

Für eine Plattform wie Amazon werden sie weitgehend transparent. Amazon weiß, wer sich was wann angeschaut oder gekauft hat, kennt mit der Zeit das Nutzerprofil bis in die letzten Ecken. Natürlich, um weitere Kaufentscheidungen zu fördern. Die Nutzer wissen das und es scheint sie nicht davon abzubringen, bei Amazon zu bestellen.

Befragt man sie aber, ob man ihre Vitaldaten erfassen sollte, Patientendaten vom Smartphone zugänglich machen oder verstärkt Telemedizin einsetzen sollte, sind sie ablehnender als Japaner, Briten, Franzosen, US-Bürger, Italiener und zuletzt die Chinesen.

Mit anderen Worten: Wenn niemand hinschaut, und wenn sie davon profitieren, sind die Deutschen begeisterte Online-Nutzer. Sie kaufen, was ihnen Spaß macht, und geben ihre Daten, wenn sie das Gefühl haben, dass das Verhältnis von Nutzen und Schaden zumindest nicht negativ ist.

Wenn man sie aber nach ihren Befürchtungen befragt, dann sind sie im internationalen Vergleich die Bedenkenträger Nr. 1. Hätte Amazon sein Geschäft auf einer Umfrage aufgebaut: In Deutschland wäre es nie zustande gekommen.

Einstieg in digitales Gesundheitssystem

Ähnliches darf man auch beim Thema „digitales Gesundheitssystem“ annehmen: Gäbe es ein attraktives Angebot, müsste man nicht lange auf die Nutzer dafür warten – wenn wie beim E-Commerce hohe Verfügbarkeit, Transparenz des Angebots, Service und Qualität gegeben sind. Dies könnte so aussehen:

» In einem „Digitaltarif“ bieten Krankenkassen ihren Versicherten einen konsequent digitalen Zugang zu denjenigen Hausärztinnen und -ärzten an, die sich in das digitale Gesundheitssystem einbringen wollen.

» Über einen digitalen Zugang per Smartphone oder PC besteht die Möglichkeit, sich einen dieser Ärzte über einen Arzt-Navigator, in dem alle teilnehmenden Ärzte mit ihren Schwerpunkten aufgeführt sind, auszusuchen. Mit diesen Ärzten kann in einem Chat-Format kommuniziert werden. Natürlich besteht – falls gewünscht – immer die Möglichkeit, einen Präsenztermin zu vereinbaren. Online-Terminvergabe sind ebenso Standard wie Online-Bescheinigungen bei Arbeitsunfähigkeit.

» In dieser digitalen Umgebung können alle nicht dringlichen Gesundheitsprobleme thematisiert werden, für die bisher ein aufwändiger Arztbesuch unabdingbar war. Die Wartezeit bis zur Absetzung der Frage ist null, die Wartezeit bis zur digitalen Antwort kann auf 24 Stunden begrenzt bleiben.

Basis für die Kommunikation ist eine E-Akte, aus der Ärzte und Patienten lesen und in die sie schreiben können. Über das Smartphone kann auch eine Videosprechstunde angeboten werden. Und – ganz wichtig – der Patient hat den Zugang zu seiner E-Akte und sieht damit alles, was Ärzte sehen, wenn sie freigeschaltet sind.

Die Patienten können somit jederzeit Fragen und Nachrichten absetzen und dabei wählen, ob sie unverzüglich kontaktiert werden sollen oder ob eine Reaktion in den kommenden 24 Stunden ausreichend ist.

Im Gegenzug zu diesen Services würde in dem genannten Digitaltarif gefordert werden, dass bei Gesundheitsproblemen – außer in Notfällen oder bei vereinbarten Terminen – immer zuerst der Assistenz-Service kontaktiert wird.

Die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems sollte sich ferner möglichst auf die teilnehmenden Ärzte beschränken, die sich dem digitalen Vertrag zur „besonderen Versorgung“ angeschlossen haben.

Keine finanziellen Prämien

Den beteiligten Ärzten soll bis auf definierte Ausnahmen der Zugriff auf die elektronische Patientenakte gestattet werden. Für diesen Digitaltarif würde aber nicht mit finanziellen Prämien geworben werden, weil er mehr Service bietet als ein herkömmlicher Tarif. Die Nutzer würden nur ihren normalen Krankenkassenbeitrag bezahlen.

Der Zulauf zu diesem Tarif wäre vermutlich groß. Wenigstens zehn Prozent der Versicherten dürften daran Interesse haben. Zu erwarten wäre, dass eingangs besonders diejenigen kommen, die auch sonst vielfältige Online-Erfahrungen haben. Aber wie bei Ärzten gilt auch hier: Man beginnt nicht mit einem „flächendeckenden“ Angebot, wenn man den Erfolg im Blick hat. Erst durch die „early adopters“ gelingt es, Erfahrungen zu sammeln, die eine Entwicklung in die Breite ermöglichen.

Professor Dr. med. Bertram Häussler ist ist seit 2016 Vorsitzender der Geschäftsführung des Berliner IGES Instituts.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Digitalisierung - Rezepte gegen die Blockaden"
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