Ärzte Zeitung online, 29.11.2018

Digitalisierung

Deutschland schwächelt bei E-Health

Bei der digitalen Gesundheit hinkt das deutsche Gesundheitswesen gehörig hinterher, zeigt ein internationaler Vergleich der Bertelsmann Stiftung. Ihr Ergebnis: Deutschland ist Vorletzter.

Deutsches Gesundheitswesen schwächelt bei Digitalisierung

Im deutschen Gesundheitswesen läuft noch viel über Gedrucktes. Andere Länder sind da laut der Studie der Bertelsmann Stiftung weiter.

© Michaela Illian

GÜTERSLOH/BERLIN. Der digitale Fortschritt kommt in Deutschland nicht bei den Patienten an. Dieses ernüchternde Fazit zieht die Bertelsmann Stiftung in einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung zum digitalen Wandel im Gesundheitswesen.

Ergebnis: Deutschland kommt auf Rang 16 von 17 untersuchten Ländern (siehe nachfolgende Grafik).

Die Stiftung hat dabei nach eigenen Angaben analysiert, wie aktiv die Gesundheitspolitik in den Ländern bei der Digitalisierung handelt: Welche Strategien gibt es, welche funktionieren? Welche technischen Voraussetzungen sind vorhanden und inwieweit werden neue Technologien tatsächlich genutzt?

Die Studienautoren weisen noch einmal auf das Potenzial hin, dass digitale Gesundheitslösungen wie zum Beispiel elektronische Patientenakten haben, die gefährliche Arzneimittel-Wechselwirkungen verhindern können, oder auch die Telemedizin, die Patienten ortsunabhängig mit medizinischen Experten zusammenbringt, oder Gesundheits-Apps, die chronisch Kranke stärken können.

„Während Deutschland noch Informationen auf Papier austauscht und an den Grundlagen der digitalen Vernetzung arbeitet, gehen andere Länder schon die nächsten Schritte. Mediziner in Israel beispielsweise setzen systematisch Künstliche Intelligenz etwa zur Früherkennung von Krebserkrankungen ein. Unsere Gesundheitspolitik muss entschlossener handeln als in der Vergangenheit und ihre Führungsrolle bei der Gestaltung der Digitalisierung weiter ausbauen – nicht als Selbstzweck, sondern zum Nutzen der Patienten“, kommentiert Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Damit der digitale Wandel den notwendigen Schub erhalten kann, gibt die Bertelsmann Stiftung den gesundheitspolitischen Akteuren Handlungsempfehlungen an die Hand:

»Politische Führung ausbauen: Die Politik müsse in puncto digitalem Gesundheitswesen entschlossener handeln als in der Vergangenheit.

»Nationales Kompetenzzentrum etablieren: Entscheidend für die erfolgreiche Digitalisierung sei die Koordination der Prozesse von zentraler Stelle. Das Kompetenzzentrum sollte bestehende Institutionen, Interessengruppen, Experten und Nutzer einbinden sowie verantwortlich sein für die Standardisierung digitaler Anwendungen und die Definition von Schnittstellen. Es sollte politisch gesteuert und unabhängig von Akteursinteressen getragen werden.

»Entwicklungen Schritt für Schritt angehen: Einzelne Behandlungsbereiche und Prozesse sollten gezielt angegangen werden – in pragmatischen Schritten. „Handlungsleitend sollten dabei die erwartete Verbesserung der Versorgung sowie mögliche Effizienzgewinne sein“, heißt es.

»Patienten und Ärzte als Nutzer systematisch einbeziehen: Bei der Entwicklung von Teilstrategien sowie digitalen Anwendungen und Prozessen seien die Nutzer wie Patienten und Ärzte direkt und nicht deren Standesvertreter einzubeziehen. Der Nutzen von Anwendungen sollte früh sichtbar werden.

»Akzeptanz fördern: Digitaler Wandel brauche Akzeptanz und eine breit geteilte Zielvorstellung. Die Politik sollte ihre dahingehende Kommunikation als strategische Aufgabe begreifen und angehen.

»Eine große Akzeptanz für das digitale Gesundheitswesen herrscht indes schon vor. So ergab eine jüngst veröffentlichte repräsentative Bevölkerungsbefragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, dass mehr als zwei Drittel zum Beispiel den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Medizin – bei der ärztlichen Diagnostik – und Pflege – Stichwort assistive Systeme – befürworten. (maw)

Wir haben den Beitrag aktualisiert und verlängert am 29.11.2018 um 11:34 Uhr.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Analoger statt digitalem Frust

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[30.11.2018, 11:50:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Deutschland trägt die „Rote Laterne“
Seit Jahrzehnten blockieren und verhindern die Apothekerverbände z. B. bei unseren GKV-Patientinnen und -Patienten informationelle Selbstbestimmung und Kontrollen über die von Ihren Vertragsärztinnen und Vertragsärzten ausgestellten Verordnungen und Signaturen:

Ich kann meinen Patienten nur empfehlen, alle Kassenrezepte nach GKV-Muster 16 mit den von mir vermerkten Signaturen (M.D.S.-"man nehme...") und ihre ausgehändigten Präparate-Packungen mit ihrem Smartphone zu fotografieren, um zu dokumentieren, was als Rezeptformular zu Apotheken-Abrechnungszwecken ersatzlos einbehalten wurde. Privatpatienten bekommen immer das P-Rp. quittiert und ausgehändigt, ebenso wie die "grünen" Selbstzahler-Verordnungen.

464 Mio. GKV-Rezepte mit laut Deutschem Apothekerverband (DAV) 741 Millionen ärztlich verordneten Medikamenten wurden 2017 zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen in öffentlichen Apotheken eingelöst. Das wären seit der Deutschen Wiedervereinigung am 3.10.1990 in nunmehr 28 Jahren mindestens 14 Milliarden Medikamenten-Packungen, die ohne für Patienten direkt verfügbaren Beleg über den Offizin-Tisch gegen Verordnungsgebühren abgegeben wurden.

Aus diesem Dilemma ist übrigens der immer noch papiergestützte Medikationsplan entstanden, der aber oftmals mit den tatsächlich ausgegebenen Generika- und Original-Namen nicht mehr viel zu tun hat oder ständig neu formuliert werden muss.

Die problemlos aufs Smartphone geladenen Bahntickets machen es uns vor: DB-Zugbegleiter und Bahnkunden behalten b e i d e eine bleibende elektronische Dokumentation ihrer Bahnfahrt. Wäre die Deutsche Bahn AG eine öffentliche Apotheke, würde sie ihren "GKV-Kunden in der 2. Klasse" im Gegensatz zu "privat Versicherten in der 1. Wagenklasse" mit Antritt ihrer Reise mit der Deutschen Bahn die papiergestützte Fahrkarte einfach wegnehmen!

Warum funktionieren die GKV-Versichertenkarten als eGK und eRp im E-Health-Zeitalter nicht schon längst wie meine Bankkarten bei der Dortmunder Sparkasse? Über "elektronic banking" kann ich jederzeit vor Hackern passwortgeschützt an jedem Ort der Welt übers Internet/Smartphone/Festnetz auf meine Kontodaten zugreifen, Überweisungen, Infos und den gesamten Zahlungsverkehr überwachen, Gehälter, Steuern, Miete und Abgaben zahlen, aktuelle Informationen und Nachrichten abrufen und mich über Öffnungszeiten, Zuständigkeiten und Konditionen informieren und interagieren.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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