Ärzte Zeitung online, 28.09.2011

Kassenärzte warnen vor Eklat bei E-Card

Bahnt sich neuer Streit um die Gesundheitskarte zwischen Ärzten und Krankenkassen an? KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller hat jetzt die Krankenkassen gewarnt, den Online-Stammdatenabgleich mit Hilfe der neuen Karte beschleunigt zu betreiben. Es könnte zu einem Eklat kommen.

BERLIN (dpa). Die Kassenärzte haben die Krankenkassen vor einem Eklat bei der weiteren Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) gewarnt.

Die Kassen wollen nach Darstellung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bestimmte, noch nicht vorhandene Möglichkeiten der Karte schneller vorantreiben als bisher geplant.

"Das wäre ein Eklat", sagte der KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller am Mittwoch am Rande einer Veranstaltung zur Gesundheitskarte in Berlin.

Hausaufgaben bei der gematik gemacht

Dabei geht es darum, die Adresse und andere Stammdaten der Versicherten auf der Karte per Online-Verbindung zu den Versicherungen - etwa bei einem Umzug - aktualisieren zu können.

"Nachdem der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler die Reset-Taste gedrückt und die Überprüfung des gesamten Vorhabens der elektronischen Gesundheitskarte eingeleitet hat, hat die Betreibergesellschaft gematik ihre Hausaufgaben gemacht", erläuterte Müller.

"In einzelnen Projekten wurde ausgearbeitet, wie wir beim Notfalldatensatz, den Versichertenstammdaten, der Fallakte des Krankenhauses und der Kommunikation zwischen den Ärzten vorankommen", so Müller.

Vollgas bei der Online-Anbindung?

Jetzt hätten die Kassen angekündigt, die Einführung der Online-Prüfung und -Aktualisierung der Versichertenstammdaten vorzuziehen. "Die Kassen versuchen, sich damit aus der gematik abzunabeln", sagte Müller.

Unter dem Schlagwort "Alternative 2012" wollen die Kassen diese Beschleunigung der Online-Anbindung bei den Versichertenstammdaten im Herbst der gemeinsamen Betreibergesellschaft vorschlagen, wie sie angekündigt hatten.

Die Karte, die derzeit bundesweit an Versicherte verteilt wird, ist derzeit ebenso wie die alte Versichertenkarte nur offline verwendbar.

"Kassen verlieren die Ärzteschaft"

Müller sagte zum Vorpreschen der Kassen: "Das ist nicht im Sinn der Versicherten und der Ärzte, die eine medizinisch nützliche Kommunikation benötigen."

Die Ärzte fürchten demnach also, dass der elektronische Austausch medizinischer Patientendaten ins Hintertreffen geraten könnte. "Dann verlieren die Kassen die Ärzteschaft", mahnte Müller.

Die aktuellen und die künftigen Funktionen der Karte

Die Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte an die 69,5 Millionen gesetzlich Versicherten läuft jetzt an. Sie soll die alte Krankenversichertenkarte ersetzen. Was leistet die neue Karte beziehungsweise was wird sie in Zukunft leisten?

  • Notfalldatensatz: Bereits beim Start kann die Karte auf Wunsch der Versicherten Daten für Notfälle speichern - aber noch ohne Online-Anbindung an eine zentrale Datenbank. Der Arzt kann sich so etwa über Vorerkrankungen oder Allergien informieren.
  • Bild: Die neue Karte hat - anders als die meisten alten Karten - ein Passbild. So soll Missbrauch vermieden werden.
  • Versichertenstammdaten: Künftig sollen Versichertendaten wie etwa die Adresse via Online-Verbindung geändert werden können - etwa wenn der Versicherte umzieht. Dieser Abgleich der Karten-Daten soll unter anderem verhindern, dass mit ungültigen sowie verloren oder gestohlen gemeldeten Karten Missbrauch betrieben wird.
  • Sichere Kommunikation für Ärzte in Klinik und Praxis: Der Aufbau einer neuen Infrastruktur soll in Zukunft die Kommunikation von Arzt zu Arzt verbessern. Dann können Befunde und andere Informationen sicher elektronisch übermittelt werden.
  • Elektronische Fallakte: Hier werden alle Informationen zu einem medizinischen Behandlungsverlauf zusammengeführt. Teilnehmende Kliniken und Praxen sollen sich die Daten gegenseitig zur Verfügung stellen, sobald die technischen Voraussetzungen geschaffen sind.
  • Elektronische Rezepte und weitere medizinische Anwendungen: Sie werden zurückgestellt, weil es noch keine praxistauglichen und sicheren Lösungen gibt. Aber solche Anwendungen sollen aufgenommen werden, wenn sie getestet sind. Das könnte noch Jahre dauern. (dpa)

Was die elektronische Gesundheitskarte kostet

Die elektronische Gesundheitskarte ist ein Millionenprojekt, das letztlich die gesetzlich Versicherten und ihre Arbeitgeber über die Beiträge bezahlen. Die komplette Ausstattung der knapp 70 Millionen Versicherten mit den Karten kostet nach Angaben des Kassenverbands rund 139 Millionen Euro. Die Ausstattung der 154.000 Ärzte und Psychotherapeuten und der 54.000 Zahnärzte sowie der knapp 2100 Krankenhäuser mit Lesegeräten kostet rund 156 Millionen Euro. Hinzu kommen bei den Krankenkassen ungenannte Ausgaben für die Information der Versicherten, die Beschaffung der Fotos und den Kartenversand.

Zu den Kosten für die Ausgabe der Karten und Geräte kommt die Entwicklung des Projekts. Die gematik, die Betreibergesellschaft von Kassen, Ärzten und Kliniken, kostete bisher rund 300 Millionen Euro, allein 2009 und 2010 waren es jeweils rund 30 Millionen Euro. (dpa)

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