Ärzte Zeitung, 07.03.2014

E-Card-Tests

gematik rüstet personell auf

BERLIN. Die gematik, die Betreibergesellschaft der Telematikinfrastruktur, stockt für die anstehende Testphase der Gesundheitskarte ihr Team auf. Benno Herrmann, Jörg Marquardt, Torsten Böhmer und Roland Helle seien die neuen Köpfe bei der gematikGmbH, heißt es in einer Mitteilung.

Dabei werde Benno Herrmann, der bis 2013 in verschiedenen Führungspositionen der CompuGroup Medical AG tätig war, künftig den Informationsfluss zwischen Heilberuflern, der im Gesundheitswesen tätigen Industrie und der gematik gewährleisten.

Jörg Marquardt werde zunächst Landesorganisationen und Institutionen betreuen, die direkt in die anstehende Erprobung in den Testregionen involviert sind. Langfristig wird Marquardt laut der gematik für die Etablierung eines nachhaltigen Projektinformationsaustauschs zwischen Institutionen auch außerhalb der Testregionen sorgen.

Marquardt bringt Erfahrungen aus dem kassenartenübergreifenden Fusionsmanagement von gesetzlichen Krankenkassen sowie in der Strategie- und Organisationsberatung mit.Im Projekt selbst sorge zukünftig Torsten Böhmer als Kommunikationsexperte dafür, dass Informationen aus den Testregionen fließen.

Torsten Böhmer war zuvor 12 Jahre in den Zentralen führender deutscher Krankenhausunternehmen tätig.Roland Helle soll als Apotheker gemeinsam mit den Gesellschafterorganisationen das Projekt "Arzneimitteltherapiesicherheit" weiterentwickeln. (eb)

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[07.03.2014, 10:29:29]
Dr. Gerhard Heinsch 
E-Card grosses Geld für die Softwarehäuser - fehlender Nutzen für die Ärzte
Elektronische Gesundheitskarte - Online Anbindung oder wie sich die Politik u¨ber
den Willen der Selbstverwaltung hinwegsetzt

Jetzt ist es soweit. Die Testphase fu¨r die Online-Anbindung der E-Card hat entsprechend dem Willen der Politik begonnen.
Dass diese Anbindung ein umstrittenes Projekt ist und auch gegen den Willen der ärztlichen Selbstverwaltung geschieht, ist der Öffentlichkeit meistens nicht bekannt und widerspricht deutlich den von der Politik immer wieder gebetsmu¨hlenartig zitierten Worten „Stärkung der ärztlichen Selbstverwaltung“.

Die KV-Nordrhein hat sich eindeutig gegen die Pläne einer verpflichtenden Online-Anbindung der E-Card positioniert! Dass die Praxis-IT-Hersteller natu¨rlich Interesse daran haben, dieses Projekt voranzutreiben, liegt in der Natur der Sache – große Gewinnmargen locken. Deshalb
werden den teilnehmenden Testpraxen auch fu¨rstliche Belohnungen zwischen 5.000
und 12.500 Euro fu¨r den Mehraufwand in der Erprobung gezahlt.

Was spricht nun gegen eine Online Anbindung der E-Card und die damit verbundenen, fu¨r die Zukunft wohl verpflichtenden, Anwendungen?

1. Online-Anbindung der E-Card

Es ist ureigene Aufgabe der Krankenkassen, zu u¨berpru¨fen, ob die Daten ihrer Versicherten aktuell und gu¨ltig sind. Diese Aufgabe kostenneutral auf die Praxen abwälzen zu wollen, wäre natu¨rlich sehr bequem fu¨r die Kassen, bringt jedoch deutlichen Verwaltungsmehr- und Zeitaufwand fu¨r die Praxen mit sich. Zur Zeit nimmt das Einlesen einer Karte inklusive des Öffnen der Patientenkartei ca. 3 Sekunden in Anspruch.
Als Performance Ziel wird hier vorgegeben : Nur Einlesen der Karte 4 sec, Aktualisierung der Stammdaten 7 sec (aber bei 95 Prozent der Praxen darf es nicht länger als 13 sec dauern). Diese Formulierungen sind nicht sehr präzise, wie in anderen Artikeln erwähnt wird, denn wenn es in 95 Prozent 13sec. dauern sollte, wäre das bei einer Praxis mit 1500 Patienten ein Mehraufwand in der Verwaltungsarbeit alleine durch das Einlesen der Karte von knapp 4 Stunden.
Nicht beru¨cksichtigt wird hierbei, dass es möglicherweise Internetanbindungsstörungen gibt, die dann möglicherweise ein erneutes Einlesen der Karte nach Problemlösung erforderlich machen könnte.

2. Kosten und IT-Infrastruktur in den Praxen

Es genügt, so heißt es, einen Konnektor anzuschaffen und in das vorhandene Praxis-IT-System einzubinden. Das bedeutet jedoch eine zusätzliche Schnittstelle zwischen Hardware und Software, die technisch realisiert werden muss und gewiss nicht mal eben durch jeden Praxisbesitzer selber hergestellt werden kann. Das die Praxis betreuende IT-Unternehmen muss hierbei einen Mitarbeiter, natu¨rlich kostenpflichtig, in die Praxis schicken, um die Installation und Wartung durchzufu¨hren.
Wer u¨bernimmt die Kosten?
Denn auch die Wartung als Folgekosten der Installation werden die Softwarehäuser natürlich in Rechnung stellen.


3. Elektronische Signatur – Stapelsignatur fu¨r das elektronische Rezept

Eine geplante Anwendung ist das e-Rezept. Hier soll der Patient seine Karte abgeben, einlesen lassen und in elektronischer Form ein erforderliches Medikament auf seiner Karte gespeichert bekommen. Dieses kann er dann in der Apotheke nach Auslesen der Karte bekommen.
Dieses Unterfangen ist mehr als abenteuerlich und wu¨rde sofort jegliche haus- und häufig auch fachärztliche Praxis u¨berfordern und ein zeitorientiertes Arbeiten unmöglich machen.

Nehmen wir an, dass Frau Mu¨ller, 81 Jahre, ein neues Rezept braucht. Sie meldet sich an der Rezeption und äußert ihren Wunsch. Die medizinische Fachangestellte liest die Karte ein, wartet auf den Online-Abgleich der Patientendaten (diesmal klappt es und hat nur 7 sec. gedauert) . Ach ja, jetzt oder vor Einlesen der Karte, muss Frau Mu¨ller noch ihren PIN zur Freischaltung der Karte eingeben (Gott sei Dank hat sie den, weil sie ihn nicht behalten kann, groß mit Edding auf die Ru¨ckseite der Karte geschrieben). Dauert dementsprechend nur zusätzliche 10sec. (+ 4 Stunden 10min / Quartal).
Jetzt wird es spannend, denn jetzt wird das Medikament verordnet (d.h. als Verordnung auf die Karte abgespeichert). Dauert, wenn alles optimal läuft, genauso lange wie fru¨her bei Ausstellung eines Papierrezeptes. Aber es fehlt noch die Unterschrift bzw. jetzt elektronische Signatur des Arztes.
Theoretisch mu¨sste ja jetzt der Arzt kommen, die Verordnung u¨berpru¨fen, und dann signieren.
Da sich der Arzt aber gerade im Patientengespräch befindet, muss Frau Mu¨ller noch einmal im Wartezimmer Platz nehmen. Die medizinische Fachangestellte schließt die Akte der Patientin, da ja weitere Patienten warten.
Nach 10minu¨tiger Wartezeit hat der Arzt kurz Zeit das Rezept zu signieren bzw. damit auch in seiner sachlichen und medizinischen Korrektheit zu u¨berpru¨fen (zusätzliche Zeit ca. 15sec, da die Akte erneut geöffnet werden muss , d.h. +7 Stunden 25min/ Quartal).

Hier wird argumentiert, dass es eine hinterlegte Stapelsignatur geben soll. Wie dadurch eine Zeitersparnis funktionieren soll, bleibt mir intransparent, da die individuelle Pru¨fung der Verordnung durch den Arzt ja weiterhin erforderlich bleibt, auch wenn die Fachangestellten alle Verordnungen aus einer Stapelsignatur heraus signieren wu¨rden.
Entfallen wu¨rde das fu¨r eine Arztpraxis entlastende Vorbestellen der Medikamente z.B. u¨ber einen dafu¨r eingerichteten Anrufbeantworter.
Leider hat Frau Mu¨ller vergessen, dass sie ja auch noch ein anderes Medikament nicht mehr vorrätig hat, also wird die Verordnungsprozedur noch einmal gestartet.

Diese Berechnung des zusätzlich erforderlichen Zeitaufwandes erfolgte aufgrund der Verordnung eines Medikamentes. Zur Orientierung: In einer ca. 1.500 Patienten versorgenden Praxis werden pro Quartal ca. 5.000Medikamente verordnet. Diese werden nicht immer gleichzeitig angefordert, manche Patienten fordern im Quartal drei- bis viermal ein Rezept an.


Der zusätzliche Zeitaufwand durch Einfu¨hrung eines E-Rezeptes wäre dementsprechend nicht 11 Stunden 35 Minuten wie oben dargestellt, sondern ein Vielfaches davon. (Wu¨rde man nur das 12-fache zur Berechnung ansetzen, was unrealistisch niedrig wäre, mu¨sste man dafu¨r eine medizinische Fachangestellte komplett fu¨r alle Stunden ihrer Arbeitszeit im gesamten Quartal nur fu¨r die Ausstellung von Rezepten beschäftigen!)

Hier stellt sich die Frage, warum man ein gut funktionierendes System, Papierrezept mit Möglichkeit der Vorbestellung und Handsignierung, gegen ein nicht praktikables System austauschen möchte.

Mir erscheint es so, als ob es sich hier nicht um den Kern der Sache dreht, nämlich den einer guten Patientenversorgung und der Zufriedenheit der an der Basis arbeitenden Ärzte, sondern, dass IT-Firmen durch gute Lobbyarbeit ihre ganz persönlichen Interessen (Gewinnmaximierung) in der Politik durchgesetzt haben.

Ich appelliere hiermit insbesondere an den Bundesgesundheitsminister Herrn Gröhe und die Landesgesundheitsministerin von NRW, Frau Steffens, sich dieser Thematik noch einmal intensiv zu widmen und der Selbstverwaltung, eine Chance zu geben (sowie insbesondere den betroffenen Ärzten zuzuhören, damit diese Missstände erst gar nicht implementiert werden !!



Die Kollegen, die mir in dieser Beurteilung zustimmen, möchte ich dazu ermuntern, ebenfalls auf diese Missstände hinzuweisen und einen Brief zu versenden, gerne auch als unterschriebene und mit eigenem Praxisstempel versehene Kopie dieses Briefes, als Zeichen der Zustimmung an das

Bundesgesundheitsministerium
Fax: 030 18441-4900
E-Mail: info@bmg.bund.de

und das

Landesgesundheitsministerium NRW
Telefax: 0211 8618-54444
E-Mail: info@mgepa.nrw.de


Dr. G. Heinsch
Hausärztlich tätiger Internist
Diabetologe (DDG)
Neuer Markt 27-29
42781 Haan
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