Ärzte Zeitung, 11.08.2009

Neue Schritte in der Telemedizin

Sensoren in der Bettwäsche oder EKG-Elektroden im T-Shirt sollen bei der Patientenüberwachung helfen

BERLIN (gvg). Drucksensoren in der Bettwäsche, EKG-Elektroden im T-Shirt: Telemedizinische Überwachung könnte in Zukunft ganz anders aussehen als heute. Ein neues Projekt testet die neue Technik.

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Keine ständige Überwachung mehr: Das ist das langfristige Ziel für Patienten mit Herzinsuffizienz.

Foto: Philips Deutschland

Bisher setzen Telemonitoringprojekte für herzinsuffiziente Patienten vor allem auf digitale Waagen. Sie zeichnen das Gewicht des Patienten auf und sollen so eine Ödembildung frühzeitig anzeigen. In Einzelfällen werden zusätzlich Blutdruckwerte übermittelt.

"Im Rahmen des EU-geförderten MyHeart-Projekts wollen wir klären, ob neue Ansätze dieses Spektrum sinnvoll erweitern", sagte Professor Christian Zugck von der Abteilung Innere Medizin III des Universitätsklinikums Heidelberg. Das Problem bisher: Patienten übertragen ihr Gewicht oft nicht täglich. Auch könnte es Parameter wie etwa die Herzfrequenzvariabilität oder das Atemmuster geben, die eine drohende Dekompensation bei einem Teil der Patienten früher anzeigen als Körpergewicht oder Blutdruck.

Heidelberg ist einer von sechs europäischen Standorten, an denen gerade eine klinische Studie läuft, bei der die im MyHeart-Projekt entwickelte Sensorik bei bis zu 200 Patienten mit Herzinsuffizienz erprobt wird. Wichtigster Industriepartner ist das Unternehmen Philips. Diese Studie bildet den vorläufigen Abschluss des Projekts. Ergebnisse werden Mitte 2010 erwartet.

Das Atemmuster wird genau analysiert

Außer der obligaten Waage und einem Blutdruckmessgerät erhalten die Patienten in dieser Studie eine Sensorbettwäsche, die Druckveränderungen und Bewegungen registriert. Sie dient vor allem der Analyse des Atemmusters. Zusätzlich ziehen die Probanden vor dem Schlafengehen ein eng anliegendes T-Shirt an, mit dem ein Einkanal-EKG abgeleitet wird. Daraus wird die Herzfrequenzvariabilität ermittelt. "Wir wissen zum Teil noch gar nicht so genau, wie sich diese Parameter im Vorfeld einer akuten Dekompensation verhalten", so Zugck. Die Ergebnisse der MyHeart-Studie sind also auch wissenschaftlich interessant. Auf die Einbindung eines Callcenters für das klinische Management der Patienten wird in dieser Studie noch verzichtet.

Telemedizin senkt Behandlungskosten

Zusammen mit anderen Studien, etwa der kürzlich wegen noch nicht ausreichender Daten verlängerten Großstudie Partnership for the Heart, könnten die Heidelberger Bemühungen dazu beitragen, die Finanzierung der Telemedizin in Deutschland endlich auf etwas solidere Füße zu stellen. "Ich glaube nicht, dass die Finanzierung über Direktverträge mit den Krankenkassen das letzte Wort sein kann", so Zugck. Ihm schwebt eine Art Abrechnungsziffer vor, die dem Umstand Rechnung trägt, dass die durch die telemedizinische Betreuung erzielten Einsparungen an unterschiedlichen Stellen im Gesundheitswesen anfallen.

Dass Einsparerwartungen realistisch sind, belegen Daten aus dem Heidelberger Telemedizinprojekt HeiTel mit der AOK Baden-Württemberg. "Wir können zeigen, dass die direkten Kosten für die Betreuung herzinsuffizienter Patienten durch den Einsatz von Telemedizin halbiert werden", so Zugck.

Unter anderem wegen dieser Daten will die AOK das demnächst auslaufende HeiTel-Projekt verlängern. Zugcks Vision ist eine Versorgungswirklichkeit, in der Herzinsuffizienzpatienten nicht ständig, sondern nur noch je nach Bedarf immer mal wieder auch telemedizinisch überwacht werden, um so in medizinisch instabilen Phasen Klinikeinweisungen zu verhindern.

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