Ärzte Zeitung, 13.02.2013

Senioren im Test

Arztbesuch via Computer

Im niederrheinischen Goch ist ein außergewöhnliches Pilotprojekt angelaufen: AOK und Telekom statten dort hilfs- und pflegebedürftige Senioren mit Bildtelefon-Systemen aus - und testen so nicht nur die Direktleitung zum Arzt.

Von Ilse Schlingensiepen

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Mit der Bildtelefonie können Senioren mit Angehörigen, Ärzten oder Pflegedienst kommunizieren.

© G. Sanders / fotolia.com

GOCH. Wenn Adelgunde Binn von Angesicht zu Angesicht mit ihrem Hausarzt sprechen möchte, braucht sie ihre Wohnung nicht mehr zu verlassen. Die 92-Jährige kann jetzt per Videotelefon Kontakt zu dem Mediziner aufnehmen.

"Das ist besser, als wenn man nur ins Telefon spricht, so kann man sich besser verständigen", sagt Binn bei der Präsentation des Pilotprojekts "VITALIG Zuhause" in Goch.

VITALIG steht für "Versorgtes, interaktives, technikgestütztes, altersgerechtes Leben in Goch im eigenen Zuhause". Projektpartner sind, wie kurz berichtet, die AOK Rheinland/Hamburg und die Deutsche Telekom.

Die alten Menschen erhalten dafür einen sogenannten All-in-one-PC mit einem Serviceportal. Mit der Berührung eines bestimmten Felds auf dem Bildschirm können die Nutzer den direkten Telefon- und Sichtkontakt zu den Angehörigen, dem Arzt, dem Apotheker oder dem Pflegedienst herstellen.

Ihre Gesprächspartner sind mit einem Videotelefon ausgestattet. Die Verbindung zwischen Arzt und Patient läuft über eine sichere getunnelte Datenverbindung.

Binn ist eine von zehn Versicherten der AOK Rheinland/Hamburg, die das neue Angebot als erste wahrnehmen. Bislang ist sie mit der neuen Technik zufrieden, vor allem weil es den Kontakt zum Sohn und der Schwiegertochter erleichtert.

"Man kann all seine Sorgen und Nöte loswerden", berichtet die Seniorin. Das sei für sie eine große Erleichterung."Es ist eine tolle Sache und zu empfehlen", sagt Binn.

In das zweijährige Projekt, das am 1. Januar gestartet ist, sollen 100 Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg einbezogen werden. Die Kasse spricht gezielt diejenigen an, die für eine Teilnahme geeignet scheinen.

Das sind etwa ältere Versicherte ab 65 Jahren, die in Pflegestufe I oder II sind, ein Hausnotrufsystem installiert oder bereits einmal Kurzzeit- oder Behandlungspflege in Anspruch genommen haben.

"Wir müssen Überzeugungsarbeit leisten, damit die Menschen der neuen Technik gegenüber aufgeschlossen sind", sagt Günter Wältermann, der Vorstandsvorsitzende der Kasse. Viele hätten Berührungsängste.

Noch mehr Akteure im "System"

Angesichts der Herausforderungen der demografischen Entwicklung komme man aber an neuen technischen Lösungen nicht vorbei. "Wir müssen der sozialen Vereinsamung etwas entgegenhalten." Dabei sei die Videotechnik nur der "Steigbügelhalter", betont Wältermann.

Den direkten Kontakt zwischen Arzt und Patient könne sie nicht ersetzen. Es gehe um eine Ergänzung des bestehenden Versorgungsangebots. "Der Hausarzt kann sich durch die Gespräche vielleicht den ein oder anderen Hausbesuch sparen", sagt er.

Älteren Menschen mit Mobilitätseinschränkungen biete die Internetwelt bisher noch keine passenden Angebote, sagt Dr. Axel Wehmeier, Leiter des Geschäftsfelds Gesundheit bei der Deutschen Telekom.

"Diese Lücke wollen wir schließen und ein intelligentes System entwickeln." Man habe sich bewusst gegen Lösungen wie Skype entschieden, so Wehmeier. "Wir brauchen eine viel höhere Datensicherheit."

Schließlich würden auch sensible Daten versandt. "Wir glauben, dass das Thema Datensicherheit ganz entscheidend ist, um das Vertrauen der Menschen in die Technik zu stärken." Bei dem Projekt in Goch bauten die Beteiligten auf vorhandenen Strukturen auf und entwickelten sie weiter.

Die Videotelefonie schaffe Ärzten und Pflegepersonal neue Spielräume für ihre Arbeit. "Die technische Infrastruktur ermöglicht es, dass wir eine funktionierende Versorgungsstruktur haben."

Im Stadtkern von Goch leben knapp 20.000 Einwohner, inklusive der umliegenden Gemeinden sind es 34.000. An VITALIG beteiligen sich bisher zwei der sieben Hausarztpraxen in Goch. Weitere seien daran interessiert.

"Es ist so angelegt, dass wir alle Ärzte ans System bringen können", sagt AOK-Chef Wältermann. Außerdem sind sieben Apotheken, drei Pflegedienste, ein Sanitätshaus, die Senioren-Beratungsstelle der Stadt Goch und der Pflegestützpunkt der AOK Rheinland/Hamburg in Kleve angeschlossen.

Getränke- und Lebensmittelhändler sollen hinzu kommen. Die Ergänzung durch ein telemedizinisches Monitoring sei im Moment nicht geplant, sagt Wehmeier von der Deutschen Telekom. "Der Schwerpunkt liegt auf der Kommunikation."

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