Ärzte Zeitung, 20.04.2016

E-Health

Insellösungen statt Interoperabilität

Was den digitalen Austausch zwischen Ärzten angeht, werden im Gesundheitswesen noch zu viele Chancen vergeben. Diese Ansicht vertraten Experten auf dem "1. Deutschen Interoperabilitätstag" in Bochum.

Von Ilse Schlingensiepen

BOCHUM. Im E-Health-Bereich spielen Insellösungen nach wie vor eine viel zu große Rolle. Dadurch gehen dem Gesundheitswesen ein großes Potenzial und den Anbietern Marktchancen verloren.

Davon ist Barbara Steffens (Grüne) überzeugt, die Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen.

Es sei "eigentlich unvorstellbar", dass im Jahr 2016 Ärzte weder untereinander noch mit Kliniken und die Kliniken nicht mit Rehaeinrichtungen oder Apothekern kommunizieren können, sagte Steffens auf dem "1. Deutschen Interoperabilitätstag" in Bochum.

Die von der deutschen Sektion des Vereins Integrating the Healthcare Enterprise (IHE), dem Bundesverband Gesundheits-IT und dem Zentrum für Telematik und Telemedizin organisierte Veranstaltung war Teil des "Connectathons". Über fünf Tage haben dort Anbieter von Gesundheits-IT-Lösungen die Interoperabilität ihrer Systeme getestet.

"Das ist so ziemlich das größte Testlabor zum Thema E-Health in Europa", charakterisierte IHE-Geschäftsführer Andreas Kassner das Ereignis, zu dem rund 380 Teilnehmer aus 20 Ländern ins Ruhrgebiet gekommen waren.

Kritik an Zugang zu Innovationsfonds

"Die Interoperabilität ist für mich die zwingende Voraussetzung, dass Unternehmen langfristig auch auf internationalen Märkten eine Chance haben", sagte Steffens.

Sie kritisierte, dass Interoperabilität keine Voraussetzung ist, um Fördermittel aus dem Innovationsfonds für E-Health-Projekte zu erhalten.

Elektronische Patientenakten sind nach Einschätzung von Christian Bauer, Geschäftsführer der Knappschaft IT Services, "die Königsdisziplin für Interoperabilität im Gesundheitswesen".

Sie schließe alle relevanten Einrichtungen und Anwender einschließlich des Patienten ein. "Eine Kommunikation, die in alle Sektoren und Bereiche hineingeht, ist völlig alternativlos."

Um die notwendige Akzeptanz bei den Anwendern zu erreichen, müsse die Akte problemlos in Prozesse integriert werden können, schnell funktionieren, sicher sein, den Behandlern Rechtssicherheit garantieren und aus Krankenkassenbeiträgen finanziert werden.

Bauer sprach sich für eine arztgeführte, vom Patienten bestimmte "Bürger-Akte" aus. Die Finanzierung sollte nach seiner Sicht kein Problem sein. "Wenn wir es schaffen, die Behandlung effizienter zu machen, dann finanziert sich die Akte ganz von selbst."

Ärztliche Schweigepflicht im Blick

Dr. Hans-Jürgen Bickmann, einer der beiden Vorsitzenden des Ärztlichen Beirats zur Begleitung des Aufbaus einer Telematikinfrastruktur in Nordrhein-Westfalen, betonte die Bedeutung der ärztlichen Schweigepflicht zur Wahrung der Integrität des Patienten.

"Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die Freigabe von Patientendaten in der Interoperabilität darstellen", sagte Bickmann. Der Patient müsse den Arzt jeden Schritt erlauben, inklusive der Frage, ob er einen Kollegen kontaktieren darf. "Wir müssen uns immer die Frage stellen: Ist das mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis vereinbar?"

Studien und Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten die Aufgeschlossenheit der Bürger gegenüber elektronischen Patientenakten, sagte Professor Britta Böckmann von der Fachhochschule Dortmund. Voraussetzung sei, dass der Datenschutz berücksichtigt wird.

"Gerade in diesem Bereich haben wir in Deutschland keinen Nachholbedarf." Anders sieht das in ihren Augen aus, wenn es darum geht, die Bürger und ihre Belange bei der Vernetzung einzubeziehen.

Bei den digitalen Angeboten im Gesundheitswesen müsse der Fokus weit über die elektronische Gesundheitskarte hinausgehen, forderte Böckmann. Die Menschen hätten Bedarf an digitalen Angeboten, sowohl im administrativen Bereich -Terminbuchung, Zugang zu Versicherungsdaten oder Benachrichtigungsservices - als auch im klinischen Bereich, etwa Einsicht in die Patientenakte, Ausdruck von Medikationslisten und Erfassung eigener Daten in der Akte. "

Der Bedarf an solchen Services ist da", betonte sie. "Sie werden genutzt, wenn sie in zugänglicher Form angeboten werden."

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