Ärzte Zeitung, 11.01.2017
 

Online-Deal

Jameda übernimmt Patientus

Das Arztbewertungsportal Jameda übernimmt den Videosprechstundenanbieter Patientus. Verbunden damit ist die Hoffnung auf eine Erfolgsstory der Videosprechstunde. Die Zeichen stehen gut, es gibt aber noch Unwägbarkeiten.

Von Matthias Wallenfels

Jameda übernimmt Patientus

© Schöning / imago

Das E-Health-Gesetz sorgt für Goldgräberstimmung bei Online-Gesundheitsdienstleistern – zumindest bei Jameda, nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Arztempfehlungsportal und Marktführer für Online-Arzttermine. Wie das Unternehmen am Dienstag bekannt gab, hat es zum Jahreswechsel den führenden Anbieter für webbasierte Videosprechstunden Patientus übernommen. Zu den finanziellen Details halte man sich "eher bedeckt", sagte Jameda-CEO Dr. Florian Weiß der "Ärzte Zeitung".

Weiß setzt mit dem Patientus-Deal auf einen Erfolg der Online-Videosprechstunde, die auf Basis des E-Health-Gesetzes ab dem 1. Juli dieses Jahres in die vertragsärztliche Regelversorgung Eingang finden soll – "eine Wette auf die Zukunft der Telemedizin", wie der Manager erklärt. Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bereits betont hat, gehe es im E-Health-Gesetz um eine "telemedizinisch gestützte Betreuung von Patienten, mit der eine wiederholte persönliche Vorstellung in der Praxis ersetzt" werden könne. Das würde ein Festhalten am strikten Fernbehandlungsverbot nach Paragraf 7 Absatz 4 der Musterberufsordnung bedeuten.

Hoffnungsträger EBM-Vergütung

Hoffnung setzt Weiß auf die EBM-Vergütung, die Ärzten seiner Meinung nach Anreize verschaffen wird, vermehrt Online-Videosprechstunden anzubieten, da sie zeitlich flexibel sei und den Praxisalltag entlaste. Auch für Patienten bedeute sie eine sinnvolle Erleichterung. Wie hoch die neue Leistung vergütet werden soll, muss der Bewertungsausschuss indes noch festlegen. Die TK zahlt Ärzten gemäß einer Vereinbarung mit Patientus zum Beispiel 20 Euro je abgehaltener Videosprechstunde. Ebenso muss der Bewertungsausschuss definieren, welche Facharztgruppen und Krankheitsbilder als für die Online-Videosprechstunde geeignet anzusehen sind. Hier rechnet der Jameda-CEO jeweils mit einer großen Bandbreite.

Jameda setzt mit seiner Akquisition auf das Anbieten möglichst vieler Dienstleistungen auf einer Online-Plattform, also von der Arztempfehlung über die Terminvereinbarung bis hin zur Videosprechstunde. Das könnte Wettbewerber unter Druck setzen, nachzuziehen. Weiß schließt im Erfolgsfalle eine Konsolidierung der Branche nicht aus.

Ärzte offen für neue Option

Der finanzielle Erfolg hängt für Jameda von der Akzeptanz der Online-Videosprechstunde auf Seiten der Patienten wie auch der Ärzte ab. Letztere zahlen schließlich an Patientus eine monatliche Nutzungsgebühr für die Bereitstellung der telemedizinischen Infrastruktur für die Videosprechstunde und sorgen so für den auch von Jameda weiter benötigten Umsatz. Die Chancen für ein schnelles, flächendeckendes Offerieren der Online-Videosprechstunde stehen laut Weiß nicht schlecht. Wie interne Arztbefragungen ergeben hätten, sei ein Drittel der Mediziner bereit, bereits in den nächsten zwei Jahren die Option anzubieten.

Dennoch hat Jameda keine Eile, wie Weiß betont: "Telemedizin als Thema wird in Deutschland wachsen, es braucht aber Zeit, denn bei vielen Ärzten müssen noch Bedenken und Ressentiments in puncto E-Health abgebaut werden." Dies trifft nach Ansicht von Dr. Klaus Strömer, Präsident des Bundesverbands Deutscher Dermatologen, vor allem auf die Selbstverwaltung zu. In Düsseldorf sagte er im November bei der Medica, KBV und GKV-Spitzenverband "unternehmen ernsthafte Bemühungen, die Online-Videosprechstunde zu verunmöglichen".

Nach der Übernahme bleibe Patientus als eigenes Unternehmen bestehen, wie Jameda-CEO Weiß erläutert. Für angemeldete Ärzte hieße das, dass sich beim Videosprechstundenmanagement bis zum Inkrafttreten der EBM-Honorierung nichts ändere. Ab Juli müssten niedergelassene Vertragsärzte dann eine Schnittstelle zum Praxisverwaltungssystem vorhalten, um für die KV die Abrechnungsdaten für die Online-Videosprechstunden erfassen zu können. Für Selbstzahler und Privatpatienten ändere sich nichts am Prozedere der Liquidation.

Einen richtigen Schub für Patientus und weitere Anbieter könnte es geben, wenn das Fernbehandlungsverbot ad acta gelegt würde. Dann würden die Karten in der Branche sicher nochmals neu gemischt werden.

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