Ärzte Zeitung online, 25.05.2017

Psychologie

Siegel für seriöse Online-Dienste

Im Gesundheitswesen sprießen die Start-ups aus den Löchern, die angeblich Menschen mit psychischen Problemen Hilfe anbieten. Die Psychologen wollen mit einem neuen Siegel für Qualität sorgen und Scharlatanerie die Stirn bieten.

Von Matthias Wallenfels

Siegel für seriöse Online-Dienste

Psychische Probleme? Schwarze Schafe im Web versprechen schnelle Intervention – bei unzureichender Qualität, so die Psychologen. © Photographee.eu /fotolia.com

HAMM. Die Digitalisierung gilt als Treiber der Gesundheitswirtschaft. So machen auch Start-ups, die mit ihren Gesundheitsangeboten primär wirtschaftliche und weniger therapeutische Ziele verfolgen, auch vor automatisierten psychologischen Interventionsangeboten nicht Halt. Das hat nun den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) auf den Plan gerufen. Die Delegiertenkonferenzverabschiedete vor Kurzem in Hamm die Einführung eines Qualitätssiegels für Apps und andere automatisierte psychologische Unterstützungsformen.

Mit Sorge beobachte der BDP, dass bei der gegenwärtigen Entwicklung die Qualität häufig nicht gewährleistet ist. Bei der Übertragung psychologischer Konzepte in standardisierte Formen spiele nicht nur die Evaluation der Qualität der programmierten Algorithmen, der Lücken, Fehler und Nebeneffekte eine große Rolle, sondern auch deren diagnostische Angemessenheit. "Zum Schutz der Ratsuchenden sehen wir es als besonders wichtig an, die Qualität und den Datenschutz bei psychologischen Angeboten zu gewährleisten", erläutert BDP-Präsident Professor Michael Krämer.

Ratsuchende als Versuchskaninchen

Problematische Konzepte zur Selbstdiagnostik und der Einsatz gering qualifizierter Berater, die während der Entwicklung der Programmierung Probleme per Mail und Telefonberatung auffangen sollen, prägten häufig die Angebote auf diesen wachsenden elektronischen Markt, moniert der BDP.

Viele Gründer nähmen Konzepte aus anderen Kontexten, ließen diese programmieren und überprüften die konkreten Wirkungen der Programme im Rahmen der Erstanwendung. "Ratsuchende werde dabei unwissentlich zu Versuchskaninchen und bezahlen auch dafür mit ihrem Geld und persönlichen Daten", erklärt Krämer. Datenschutzbestimmungen seien häufig schwer verständlich, nicht leicht zu finden und erlaubten die Nutzung persönlicher Daten durch Kooperationspartner. Bezahlsysteme und Internetdienstleister sammelten so Gesundheitsdaten, ohne dass die Ratsuchenden sich darüber und über mögliche Folgen der elektronischen Persönlichkeitsprofile im Klaren sind.

Verzögerter Zugang zum Experten

"Besonders bedenklich ist es, wenn sich Angebote zweifelhafter Qualität an Menschen mit psychischen Erkrankungen richten und dabei eine zügige Inanspruchnahme geprüfter wirksamer Therapien verzögern oder diese sogar verhindern", gibt Julia Scharnhorst, Vorsitzende der BDP-Sektion Gesundheitspsychologie, zu bedenken.

Das BDP-Konzept zum Gütesiegel für Online-Interventionsangebote sieht unter anderem vor, dass Anbieter, die ihre Dienste zertifizieren lassen wollen, Transparenz walten lassen, psychologische Professionalität beweisen und hohen Datenschutzanforderungen genügen. Das BDP-Gütesiegel soll je für ein Jahr gelten und fortbestehen, wenn der Betreiber keine Änderungen am Dienst vornimmt.

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