Ärzte Zeitung online, 01.12.2017
 

Digital Health

Für die EU gilt es, eine harte Nuss zu knacken

Die Bevölkerung in Europa legt Wert auf standardisierte elektronische Gesundheitsakten, die Wahrung der Privatsphäre sowie die Cybersicherheit. Die EU-Kommission sieht hier im Zeitalter boomender digitaler Gesundheitsleistungen aber eine große Kluft zwischen Anspruch und Realität.

Von Ilse schlingensiepen

Für die EU gilt es, eine harte Nuss zu knacken

Nicht nur Ärzte sollen von der Digitalisierung im Gesundheitswesen profitieren, so die EU-Kommission.

© Rawf8 / stock.adobe.com

DÜSSELDORF. Mehr als 90 Prozent der EU-Bürger halten es für sehr wichtig oder wichtig, ihre Gesundheitsdaten selbst verwalten zu können. Aber fast 60 Prozent von ihnen haben keinen Zugang zu digitalen Gesundheitsdiensten. "Die Lücke zwischen dem Wunsch nach Daten und der tatsächlichen Möglichkeit ist riesig", sagte Dr. Andrzej Jan Rys von der Generaldirektion Gesundheit der EU-Kommission vor Kurzem bei der European Hospital Conference auf dem 40. Deutschen Krankenhaustag in Düsseldorf.

Rys stellte erste Ergebnisse einer öffentlichen Konsultation der EU-Kommission zum Thema "Gesundheit und Pflege im digitalen Binnenmarkt" vor. Von Juli bis Oktober 2017 gingen bei der Kommission 1464 Ausführungen zu dem Thema ein, davon 30 Prozent von Organisationen und 70 Prozent von Einzelpersonen. Antworten kamen aus 35 Ländern, zum Teil sogar außerhalb Europas, berichtete er. Besonders wichtig waren den Teilnehmern die Wahrung der Privatsphäre, die Cybersicherheit, eine hohe Qualität der Daten und standardisierte elektronische Gesundheitsakten. "Die große Frage ist, wie wir hier Lösungen finden", sagte er.

Drei Kernherausforderungen

Die Ergebnisse der Konsultation sollen in eine Erklärung der EU-Kommission einfließen, wie sie die digitalen Möglichkeiten im Bereich von Gesundheit und Pflege in Europa weiter voranbringen will. Nach Angaben von Rys stehen dabei insbesondere drei Herausforderungen im Fokus: den Bürgern überall in der EU besseren Zugang zu ihren Gesundheitsdaten zu geben, Gesundheitsdaten für die Forschung, schnellere Diagnosen und bessere Versorgungsergebnisse zu verknüpfen und auszutauschen sowie digitale Dienste für die Stärkung der Patienten und eine patientenzentrierte Versorgung zu nutzen.

Mit ihrer Erklärung will die EU-Kommission die Mitgliedstaaten dazu motivieren, in diesen drei Bereichen stärker zusammenzuarbeiten. "Wir haben gute Instrumente, aber wir müssen sie nutzen", betonte Rys. Um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzubringen, hatte die EU-Kommission Ende 2012 einen "Aktionsplan E-Health 2012 – 2020" veröffentlicht. Er soll dazu beitragen, Schranken beim Ausbau digitaler Lösungen abzubauen. Das Ziel der Kommission ist es, die Gesundheitsversorgung über E-Health intelligenter, sicherer und patienten-zentrierter zu machen.

"Der Aktionsplan der EU-Kommission hat das Potenzial, Initiativen und Innovationen in Gang zu setzen und auch den notwendigen Anstoß und den Rückenwind für die Entwicklung in den Ländern der EU zu geben", sagte Heinz Kölking, Präsidiumsmitglied des Europäischen Klinikmanager-Verbands EAHM. Er verwies auf die heterogenen Ausgangslagen in den einzelnen Ländern und die Unterschiede in den rechtlichen, technischen, strukturellen und organisatorischen Bedingungen. Sie müssten bei der Umsetzung des Plans berücksichtigt werden. Eine besondere Bedeutung kommt nach seiner Einschätzung Projekten in grenznahen Regionen zu. "Da kann man Erfahrungen sammeln und Schlüsse für die weitere Entwicklung und Gestaltung von E-Health gewinnen", glaubt Kölking.

Neue Ungleichheiten befürchtet

Die Interoperabilität der Systeme sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen ihnen gehört für Dr. Joao de Deus, Präsident der Europäischen Vereinigung der Leitenden Krankenhausärzte AEMH, zu den zentralen Herausforderungen durch E-Health. Bei elektronischen Gesundheitsakten hält er eine Standardisierung der Inhalte etwa durch den Gebrauch von Schlüsselwörtern für notwendig – "in jedem Land und ich würde sagen auch in Europa".

Patienten könnten davon profitieren, wenn sie Zugriff auf ihre elektronischen Gesundheitsakten haben, sagte de Deus. Gleichzeitig sieht er die Gefahr, dass manche Gruppen von der Entwicklung ausgeschlossen werden. "Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozio-ökonomischer Status, Bildung, Sprache, Wohnort oder Obdachlosigkeit können mit Blick auf das Informationsrecht zu neuen Ungleichheiten führen." Bei der Schaffung von elektronischen Gesundheitsakten und anderen patienten-zentrierten IT-Angeboten müsse deshalb nach Wegen gesucht werden, diese Form der Ungleichheit zu kompensieren, forderte der Arzt.

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