Ärzte Zeitung, 03.11.2008

Ärztemangel macht sich im Westen schleichend breit

Kassen bremsen noch bei Fördermaßnahmen

FRANKFURT AM MAIN (pei). Lokaler Ärztemangel kann auch in KVen mit hoher Ärztedichte auftreten. Inden westlichen Bundesländern ist die Feststellung der örtlichen Unterversorgung bisher noch die Ausnahme. Das kann auch am Widerstand von Krankenkassen liegen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat mit der Änderung der Bedarfsplanungsrichtlinie seit Juni die Möglichkeit geschaffen, zusätzlichen lokalen Versorgungsbedarf in rechnerisch nicht unversorgten Planungsbereichen festzustellen. Bezugsgröße können dabei Verwaltungsgemeinschaften sein, und es werden Kriterien wie Wegezeit zum nächsten Arzt, Morbidität einer Region und demographische Entwicklung einbezogen.

In Ost-KVen, die regional schon jetzt Mangel an Haus- und Fachärzten verzeichnen, wird das neue Instrument genutzt. Allerdings kritisieren KVen aus den neuen Ländern, dass die Messlatte zu hoch hänge. Bei Hausärzten etwa liegt die Grenze für zusätzlichen Bedarf bei 75 Prozent. Die Versorgungslage könne jedoch auch bei 76 Prozent dramatisch sein, monierte Regine Feldmann, Chefin der KV Thüringen (wir berichteten).

In den Stadtstaaten ist partielle Unterversorgung noch kaum ein Thema, auch wenn die Haus- und Facharztdichte in den Stadtteilen sehr ungleich sein kann. In den westlichen Flächenländern sind Diskussionen über lokalen Arztmangel bisher vor allem aus Schleswig-Holstein bekannt geworden. Über drohende Unterversorgung besteht seit einiger Zeit zwischen KV und Kassenverbänden Dissens. Akuter Ärztemangel liege nicht vor, so KV-Sprecher Marco Dethlefsen, aber er drohe wegen der demographischen Entwicklung, die sowohl die Patienten als auch die Ärzte betreffe. Die KV möchte in Zusammenarbeit mit Kommunen und Landesregierung eine kleinteilige Versorgungsplanung, auch um der Landflucht der Ärzte entgegenzuwirken: "Alle gehen in die Städte." Nachgedacht werde über "Ärztliche Versorgungszentren" mit Fahrdienst oder auch über Mieterleichterungen für Zweigpraxen.

Überalterung ist in der Allgemeinmedizin ein Problem.

Die Kassen haben jedoch in einem Gutachten vom Juli dieses Jahres die drohende Unterversorgung Schleswig-Holsteins "ins Reich des Märchens" verwiesen. Nur im Planungsbereich Steinburg sei im Jahr 2015 ein Ärztemangel möglich, derzeit fehlten dort drei Hausärzte. Laut KV sind in Steinburg aber zwölf Sitze vakant. Im Landesausschuss haben sich ärztliche Selbstverwaltung und Kassenverbände bisher nicht auf lokale Unterversorgung und entsprechende zu finanzierende Fördermaßnahmen verständigen können.

In Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein und Westfalen-Lippe wurde lokale Unterversorgung noch nicht förmlich im Landesausschuss festgestellt, in Niedersachsen war das bisher einmal der Fall, und zwar bei Hausärzten im Landkreis Wolfenbüttel. Dabei sind die Flächenländer im Westen von der wachsenden Überalterung vor allem in der Allgemeinmedizin ähnlich betroffen wie die neuen Länder.

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