Ärzte Zeitung online, 12.08.2009

Zwitterprozess: Op-Opfer bekommt 100 000 Euro Schmerzensgeld

KÖLN (dpa). Ein Chirurg, der eine intersexuelle Patientin vor gut 30 Jahren mit einer Operation biologisch zum Mann machte, muss dieser 100 000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Das entschied das Kölner Landgericht am Mittwoch.

Der Arzt war bereits vor anderthalb Jahren in einem Grundsatzurteil wegen der rechtswidrigen OP zu einer Zahlung an die Klägerin verurteilt worden (wir berichteten), über die Höhe musste aber ein zweites Verfahren entscheiden. Der Chirurg hatte der damals 18-Jährigen 1977 ohne Aufklärung die inneren weiblichen Geschlechtsorgane entnommen. Laut Gutachten wäre für die intersexuelle Klägerin auch nach damaligem medizinischen Stand das gewünschte Leben als Frau möglich gewesen.

In Deutschland leben nach Schätzungen bis zu 120 000 Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht oder abweichender Geschlechtsidentität. Bei diesen intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale - wie etwa Zell-Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane - zweifelsfrei dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen.

Mediziner und Selbsthilfegruppen sprechen von einem sehr komplexen Phänomen und einer Vielzahl von Erscheinungsformen. So kann ein Intersexueller zwar über einen männlichen Chromosomensatz verfügen, zugleich aber ein weibliches Aussehen haben und sich als Frau fühlen. Ebenso gibt es Betroffene, die eindeutig weibliche Chromosomen haben, gleichzeitig aber männliche Eigenschaften wie Bartwuchs oder starke Körperbehaarung aufweisen sowie eine erheblich vergrößerte Klitoris, die einem Penis ähnelt. Extrem selten sind Fälle, bei denen Mädchen im Laufe ihrer biologischen Entwicklung zu Männern werden.

Vor der Einführung des Begriffs Intersexuelle war zumeist von Zwittern die Rede. Viele Betroffene nennen sich noch immer Zwitter, weil "Intersexualität" bisher kaum bekannt ist. Die sogenannte geschlechtszuweisende Behandlung schon im Baby-Alter ist als Standardtherapie zunehmend in die Kritik geraten.

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