Ärzte Zeitung online, 22.12.2010

Privatinsolvenzen werden 2011 erheblich zunehmen

NEUSS (dpa). Trotz des Wirtschaftsbooms werden im kommenden Jahr so viele Verbraucher Privatinsolvenz anmelden wie nie zuvor - dies prognostiziert die Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Die Zahl der Privatpleiten dürfte demnach um bis zu sechs Prozent auf 120 000 steigen - auch ein Ergebnis der wachsenden Beliebtheit des Entschuldungsverfahrens.

Gleichzeitig rechnet Creditreform mit einem leichten Anstieg der Zahl überschuldeter Privatleute, die derzeit bei rund 6,5 Millionen liegt, 290. 000 oder 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund jeder zehnte Erwachsene in Deutschland ist von Überschuldung betroffen, das heißt, er oder sie ist dauerhaft nicht in der Lage, Rechnungen zu zahlen oder Kredite zu bedienen.

Ein Grund für die steigende Überschuldung: "Im Zeichen der wirtschaftlichen Erholung kommt es bei manchen Verbrauchern zu überschäumendem Konsum, der zum großen Teil mit Konsumentenkrediten finanziert wird", sagt Michael Bretz, Leiter der Creditreform- Wirtschaftsforschung. "Auch der Konsum der Vorweihnachtszeit ist da ein Treiber."

Einen weiteren Grund sieht Bretz in der starken Ausweitung der Kurzarbeit während der vergangenen Krise: "Diese hat zwar Jobverluste verhindert, aber auch markante Einkommenseinbußen gebracht. Viele Verbraucher haben am Limit gewirtschaftet, und das schlägt sich nieder. In manchen Fällen mit ein oder zwei Jahren Verspätung."

Für 2010 bleibt Creditreform bei seiner Prognose von rund 112. 000 Verbraucherinsolvenzen - elf Prozent mehr als im Krisenjahr 2009. "Das hat auch damit zu tun, dass das Instrument Verbraucherinsolvenz immer mehr Anklang findet", sagt Bretz. "Privatinsolvenzen werden bei Überschuldeten immer bekannter und populärer." Dieses Verfahren gibt Privatleuten die Chance, sich während einer sogenannten Wohlverhaltensperiode von sechs Jahren zu entschulden.

Bei den Firmen sorgten mittelständische Autozulieferer 2010 für fünf der zehn größten Insolvenzen. Die Pleitefirma mit den meisten Beschäftigten war die Honsel AG in Meschede mit 3000 Mitarbeitern, wie Creditreform ermittelte. Auch 2011 werde es Insolvenzen bei größeren Zulieferern geben: "Da werden noch ein paar Pleiten nachfolgen", prognostiziert Bretz.

Die Gesamtzahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland ging trotz des Booms nur leicht zurück: Rund 32.000 Unternehmen stellten laut Creditreform Anträge, das waren rund 1000 oder 2,5 Prozent weniger als im Krisenjahr 2009. Auch das Statistische Bundesamt prognostiziert für das laufende Jahr 32 000 Pleiten.

Drastisch um mehr als die Hälfte sank die Zahl der Beschäftigten, die von Insolvenzen ihrer Arbeitgeber betroffen waren: Dies waren lediglich 240. 000 Menschen - nach 520. 000 im Vorjahr. Damals enthalten waren auch die mehr als 50 000 Beschäftigten des Handelsriesen Arcandor, der eine der größten Firmenpleiten der Nachkriegsgeschichte hingelegt hatte. "Eine solche Mega-Pleite gab es 2010 nicht", betont Bretz.

Außerdem kosteten Insolvenzen 2010 deutlich weniger Geld: Die Summe der Schäden, die von Insolvenzen verursacht wurden, sank von 78,9 Milliarden Euro im Krisenjahr 2009 auf rund 43,5 Milliarden Euro, wie Creditreform schätzt. Enthalten sind etwa Kredit- und Steuerausfälle, aber auch unbezahlte Lieferanten- und Handwerkerrechnungen.

In der Rangliste der größten Insolvenzen folgen auf den Autozulieferer Honsel die Pflegeheim-Gruppe Hansa und der Discounter Mäc Geiz mit 180 Filialen (beide 1600 Beschäftigte). Die Creditreform-Rangliste umfasst alle Firmen, die bis Ende November einen Insolvenzantrag gestellt haben.

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