Ärzte Zeitung online, 09.08.2011

Hochnervöse Börsen - am Ende steht der Dax nur knapp im Minus

FRANKFURT/BERLIN (dpa). An den Börsen sorgt die Nervosität der Marktteilnehmer für heftige Ausschläge. Den Kursstürzen vom Montag folgt zaghafte Hoffnung auf Erholung. Derweil wächst die Kritik am Krisenmanagement der Politik. Berlin fordert eine Schuldenbremse im Euroraum.

Für den deutschen Leitindex Dax ging es am Dienstag den zehnten Tag in Folge in den Keller, zeitweise um mehr als 7 Prozent. Doch zum Handelsschluss erholte sich der DAX wieder und lag mit 5917 Punkten nur noch knapp im Minus.

Die US-Börsen erholten sich zunächst von der rasanten Talfahrt vom Montag. Der Leitindex Dow Jones Industrial, der tags zuvor um mehr als 600 Punkte eingebrochen war, legte nach Börsenstart am Dienstag um fast zwei Prozent zu. An den Märkten Asiens war es zuvor überwiegend abwärtsgegangen.

Ausschläge spiegeln Angst der Anleger wider

Nach den Verlusten vom Vortag zeugten heute die extremen Ausschläge von der Angst der Anleger. Volkswirte und Händler äußern immer lauter Kritik am Krisenmanagement der Politik. Die EU-Kommission sagt dagegen, es gebe keinen Mangel an politischer Führung.

"Wir sind nicht sicher, dass man aus ein paar Tagen einer ernsten Entwicklung an den Märkten schließen kann, dass wir uns auf dem Weg in eine Rezession befinden", sagte Kommissionssprecher Olivier Bailly am Dienstag in Brüssel. Es gebe wirtschaftliche Voraussetzungen, an denen die Regierungen der einzelnen EU-Länder bereits arbeiteten.

"Und wir haben Vorschauen auf die künftige Entwicklung, die sehr viel positiver sind als die Erwartungen der Akteure auf den Finanzmärkten."

Deutschland macht Druck

Deutschland erhöht allerdings angesichts der dramatischen Schuldenkrise in Europa den Druck auf die Partnerländer. Zur Beruhigung der Märkte will die Bundesregierung die wankende Euro-Zone mit Stresstests und Schuldenbremsen nach deutschem Vorbild langfristig stabilisieren.

Dazu könnte ein neuer europäischer Stabilitätsrat aufgebaut werden, der bei schlechtem Wirtschaften automatisch Sanktionen - etwa bei der Vergabe von EU-Fördermilliarden - verhängen würde, sagte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in Berlin: "Das wäre ein gutes, starkes Signal an die Märkte." Rösler will die mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) abgestimmte Initiative Ende September seinen EU-Ministerkollegen vorstellen.

Ein Handeln der Politik wird denn auch von Wirtschaftsexperten gefordert: "Das Vertrauen in die Politik ist im Augenblick nicht da", sagte der Frankfurter Ökonom Martin Faust. Die Politiker könnten die Augen nicht länger vor den Problemen verschließen.

Politik muss angemessene Lösung finden

Voraussetzung einer Börsenerholung ist laut Fondsmanager Tim Albrecht von DWS Investments, dass die Politik eine angemessene Lösung für die aktuellen Probleme finde. Joachim Goldberg, Chef des Frankfurter Markt- und Verhaltensforscher Cognitrend, erklärte: "Es wäre schön, wenn die Politik mal agieren und nicht nur reagieren würde. Es fehlt derzeit an Führung in der Politik."

"Die Börsenwelt ist schizophren", sagte Thilo Müller von MB Fund Advisory: "Die deutsche Wirtschaft läuft unter Volldampf, die US-Konjunktur verläuft zuletzt immer schleppender. Der Dax verliert in dieser Börsenphase doppelt so viel wie die amerikanischen Indizes."

Auch Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, hält die Ausschläge im deutschen Leitindex für überzogen. Der Dax werde überdurchschnittlich abgestraft, obwohl die Dax-Werte unter Bilanzqualitätsgesichtspunkten eine herausragende Position einnähmen: "Die Kurse sind nicht Ausdruck ökonomischer, sondern politischer Probleme. Es ist kein rationaler, sondern ein emotionaler Markt."

Sorgen um Staatsfinanzen

Die Aktienkurse fallen seit Tagen wegen der Sorgen um die Staatsfinanzen in den USA und Europa. Die anziehende Inflation in China schürt weitere Rezessionsängste. Derweil geht die Rekordjagd des Goldpreises weiter, was eine ungebrochen hohe Risikoscheu der Anleger signalisiert.

Händlern zufolge kaufte die Europäische Zentralbank (EZB) erneut Anleihen der Schuldensünder Spanien und Italien. Der Anleihekauf der Notenbank hatte bereits am Montag Wirkung gezeigt: Die Risikoaufschläge für Anleihen waren regelrecht eingebrochen, die klammen Staaten kamen günstiger an frisches Geld. Der Trend setzte sich am Dienstag fort.

Die Rendite von zehnjährigen spanischen Papieren sackte sogar unter die Marke von 5 Prozent, italienische Anleihen gingen auf gut 5,1 Prozent zurück. Am Freitag hatten die Renditen von beiden Ländern noch über der Marke von sechs Prozent gelegen.

Langjährige Turbulenzen ein historisches Ereignis

Zum Volumen des Anleihenkaufs schwieg EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. "Wir sind auf dem Sekundärmarkt aktiv. Aber ich sage nicht, was wir kaufen", sagte Trichet dem Radiosender Europe 1. Die Notenbank gibt immer montags Auskunft über den Wert der gekauften Anleihen.

Die langjährigen Turbulenzen auf den Finanzmärkten bezeichnete er als historisches Ereignis. "In der Gesamtschau ist das die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg - besonders seit (der Insolvenz der US-Investmentbank) Lehman Brothers."

Nach Überzeugung des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger hat der massive Absturz der internationalen Aktienmärkte wenig mit der Entwicklung der Realwirtschaft zu tun.

Aktienmärkte haben "konjunkturelle Wende verschlafen"

Der "Neuen Westfälischen" (Dienstag) sagte der Ökonom, die Aktienmärkte hätten zwar "die konjunkturelle Wende verschlafen und reagierten jetzt umso panischer", aber die fundamentalen Daten der Volkswirtschaft rechtfertigten keinen solchen Kurzsturz. Der Ökonom sieht vor allem psychologische Faktoren, insbesondere ein Herdenverhalten der Anleger, als Ursache für die anhaltende Talfahrt.

Schlechte Nachrichten kamen am Dienstag auch aus China, wo die Inflation um 6,5 Prozent auf ein Drei-Jahres-Hoch kletterte. Der Riesen-Wachstumsmarkt China gilt als wichtiger Motor für die Weltwirtschaft, auch für Deutschlands Exporteure.

Der Frankfurter Ökonom Martin Faust sagte: "Sollte es hier zu einem konjunkturellen Einbruch kommen, dann wären die Folgen für die Weltwirtschaft sicher sehr dramatisch. So weit sind wir aber zum Glück noch nicht."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schadet Marihuana dem Herz?

Haschischraucher sterben häufiger an Hypertonie-bedingten Todesursachen als Tabakraucher: Darauf deuten Resultate einer Studie - die allerdings auf wackligen Daten steht. mehr »

Schuss vor den Bug auch der alternativmedizinischen Ärzte

Die Heilpraktiker wehren sich. Sie fühlen sich bei der vom "Münsteraner Kreis" angestoßenen Debatte um die Reform oder gar Abschaffung ihres Geschäftsfeldes außen vor. mehr »

Wenn die Religion mit im Behandlungszimmer sitzt

Blogger Hekim Colpan erlebt immer wieder, dass ein Patient nicht optimal behandelt werden kann, weil die Religion dem im Weg steht. Die Patienten müssten den Ärzten helfen, zu verstehen. mehr »