Ärzte Zeitung, 14.07.2012

Merhaba! Istanbul zieht wieder Anleger an

Die Wirtschaft in der Türkei wächst derzeit kräftig. Bereits im vergangenen Jahr erreichte das Bruttoinlandsprodukt fast das Niveau der Niederlande. Immer mehr internationale Anleger kehren zurück an die Börse in Istanbul. Die Konjunktur am Bosporus boomt.

Von Richard Haimann

Merhaba! Istanbul zieht wieder Anleger an

Istanbul zieht Jahr für Jahr Millionen Touristen an. Nun hat sich auch die Börse wieder erholt und Investoren kommen zurück an den Bosporus.

© Jan Schuler/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Während in Europa die Eurokrise seit Monaten auf den Aktienkursen lastet, kennen türkische Papiere nur eine Richtung: steil nach oben.

Der ISE 100, der wichtigste Index an der Börse von Istanbul, hat seit Mai 13 Prozent gewonnen.

Dafür gibt es einen guten Grund: Anders als in den südlichen Ländern der Eurozone, wo Schuldenkrise und Sparprogramme die Wirtschaft schrumpfen lassen, läuft in der Türkei der Konjunkturmotor im Turbomodus.

Das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2011 um 8,5 Prozent auf umgerechnet 550 Milliarden Euro und erreichte damit fast das Niveau der Niederlande. Die Steuereinnahmen sprudeln so stark, dass die Regierung kaum Kredite benötigt.

Die Gesamtverschuldung des Landes beträgt nur 35 Prozent der Wirtschaftsleistung - in Deutschland sind es 82 Prozent. "Die Türkei boomt", sagt Marcus Garcia, Wirtschaftsdelegierter der österreichischen Regierung in Istanbul.

Das lockt nun internationale Investoren zurück an die Börse von Istanbul. Vergangenes Jahr hatten Fonds, Pensionskassen und Versicherungen aus Europa, den USA und Japan noch türkische Aktien abgestoßen, weil sie fürchteten, die Wirtschaft des Landes könnte in den Mahlstrom der Eurokrise geraten.

Der ISE 100 war deshalb 2011 um 29 Prozent gefallen. Jetzt kaufen Profianleger wieder im großen Stil ein.

Weniger Export in die EU

"Die Ängste vor einer harten Landung haben sich zerstreut", sagt Rob Drijkoningen, Leiter Schwellenländermärkte bei ING Investment Management.

Denn türkische Unternehmen erschließen neue Absatzmärkte für ihre Hauptexportartikel Textilien, Kraftfahrzeuge und Maschinen im Nahen Osten und in Asien. Dadurch schrumpft die Abhängigkeit des Landes von Europa.

Entfielen 2009 noch mehr als 50 Prozent der Wirtschaftsleistung auf Exporte in die EU, sind es nun nicht einmal mehr 40 Prozent. 2015 soll sogar nur noch ein Viertel der Exporte in die Staatengemeinschaft gehen. Auch in Deutschland angebotene Fonds, die in türkische Aktien investieren, verzeichnen wieder Mittelzuflüsse und kaufen ein.

Im Fokus stehen auch Lebensmitteleinzelhandelskonzerne wie Bizim Toptan und BIM Berlesik Magazalar. Denn der private Konsum in der Türkei wächst rapide, weil die Einkommen steigen. 2011 betrug das Plus nach Berechnungen der nationalen Statistikbehörde 7,7 Prozent.

Supermarktbetreiber Bizim steigerte seinen Bruttogewinn im ersten Quartal im Vergleich zur Vorjahreszeit um 15,9 Prozent auf 38,68 Millionen Lira (16,9 Millionen Euro). Mitbewerber BIM verdiente vor Abschreibungen, Steuern und Zinsen 165,5 Millionen Euro - ein Plus von 20,7 Prozent.

Die Deutsche-Bank-Tochter DWS hat bei ihrem Türkei-Fonds zudem den Bausektor übergewichtet. Insgesamt 9,4 Prozent des Fondsvermögens von 71,5 Millionen Euro waren Ende Mai in Aktien der Baukonzerne MIT Enka Insaat und TAV Havalimanlari investiert.

Langfristiges Gewinnwachstum vorhergesagt

Experten prognostizieren der Branche ein langfristiges Gewinnwachstum, denn im ganzen Land werden neue Häuser und Einkaufszentren errichtet.

Anleger, die auf türkische Aktien setzen wollen, sollten jedoch die Risiken nicht ausblenden. Einer schweren Rezession in der Eurozone könnte sich die türkische Wirtschaft kaum vollständig entziehen, meint ING-Experte Drijkoningen.

Geteilter Meinung sind Ökonomen, wie stark die türkische Konjunktur in diesem Jahr wachsen wird. Während Optimisten mit einem Plus von mehr als sechs Prozent rechnen, ist DekaBank-Volkswirt Mauro Toldo skeptischer.

Er geht davon aus, dass das Wachstum 2012 nur um drei Prozent und 2013 um 4,4 Prozent zulegen wird.

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