Ärzte Zeitung, 13.01.2017
 

Anlageperspektive 2017

"Aktien werden immer wichtiger"

Nach starken Schwankungen ist das Jahr 2016 für Anleger gut zu Ende gegangen. Doch wie sieht es 2017 aus? Welche Anlageklassen sind Favoriten, wenn die Zinsen im Keller verharren, aber die Inflation anzieht? Die "Ärzte Zeitung" sprach mit Klaus Niedermeier, Leiter Investment-Research bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank.

"Aktien werden immer wichtiger"

Ruhige Zeiten sind an der Börse 2017 nicht zu erwarten. Doch wer sich langfristig orientiert, hat Chancen, gute Renditen zu erwirtschaften.

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Das Interview führte Hauke Gerlof

Klaus Niedermeier

"Aktien werden immer wichtiger"

© apoBank

Aktuelle Position: Stellvertretender Direktor und Leiter Investment-Research der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank)

Ärzte Zeitung: Herr Niedermeier, nach Jahren der Quasi-Null-Inflation geht die Inflationsrate wieder nach oben. Kommen nun angesichts weiter bei null verharrender Leitzinsen schwere Zeiten auf Anleger zu?

Klaus Niedermeier: Nicht unbedingt, ich würde hier differenzieren. Wenn Sie in Europa heute in deutsche Staatsanleihen investieren, dann erleben Sie angesichts der andauernden Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) tatsächlich schwere Zeiten. Denn Sie erhalten praktisch keine Zinsen, und die Kurse werden auf absehbare Zeit auch eher sinken.

Mit einem gut über Anlageklassen und Regionen diversifizierten Portfolio dagegen können Sie durchaus auch weiterhin mittlere einstellige Renditen erwirtschaften, ohne zu hohe Risiken einzugehen.

Wie sollten Anleger reagieren? Brechen jetzt wieder "goldene Zeiten" an – mit dem Edelmetall zur Absicherung gegen die Geldentwertung?

Niedermeier: Das glaube ich nicht. Gold ist zwar im vergangenen Jahr insgesamt um rund zwölf Prozent gestiegen. Aber damit es zu einem echten "Run" auf Gold kommt, weil sich die Anleger vor der Inflation schützen wollen, brauchen wir zunächst einmal überhaupt eine echte Inflation – und davon sind wir noch weit entfernt.

Wie das? Die Medien waren doch zuletzt voll von Berichten über die steigende Inflationsrate!

Niedermeier: Da wird auch viel übertrieben! Derzeit haben wir europaweit eine Inflation von 0,5 Prozent im Jahr, das sind 1,5 Prozentpunkte unterhalb der Zielmarke der EZB. Und bis 2018 werden es nach der EZB-Prognose auch nicht mehr als 1,6 Prozent sein, also immer noch unterhalb der Zielvorgabe. Hinzu kommt, dass die zuletzt gestiegene Inflationsrate in erster Linie auf dem um 60 Prozent gestiegenen Ölpreis beruht.

Bis April erwarten wir daher noch steigende Inflationsraten, danach wird sich dieser Basiseffekt abflachen und bis Jahresende ganz verschwinden. Weiter steigende Energiepreise erwarten wir nicht, weil sich das Ölangebot bei Preisen um 60 US-Dollar je Barrel wieder vergrößern wird, dieser Effekt dürfte die Preise stabilisieren – und die Inflationsrate dürfte wieder zurückgehen. Für die Notenbanken ist die aktuelle Entwicklung eher willkommen, weil sie damit argumentieren können, dass ihre expansive Geldpolitik tatsächlich wirkt.

Donald Trump tritt jetzt sein Amt als US-Präsident an. Nach der Wahl sind die Aktienmärkte vollkommen überraschend nach oben geschossen. Kommt jetzt der große Kater nach dem kurzen Rausch? Oder stehen wir vor einem dauerhaften Wirtschaftsaufschwung durch eine neu ausgerichtete Wirtschaftspolitik der führenden Wirtschaftsmacht?

Niedermeier: Mit einem großen Kater rechnen wir nicht, aber eine gewisse Konsolidierung ist schon zu erwarten. Die angekündigten Infrastrukturmaßnahmen und die Senkung der Unternehmenssteuern haben tatsächlich dazu geführt, dass die Aktien teilweise auf ein hohes Niveau gestiegen sind. Aber zu vielen Themen hat Trump nach seiner Wahl noch gar nichts Konkretes gesagt.

Jetzt muss er erst einmal liefern. Interessant werden daher auf jeden Fall die ersten 100 Tage – dann wird sich abzeichnen, was der neue Präsident wirklich will und was davon im Kongress durchsetzbar sein wird.

Angekündigt hat Trump auch, dass er den US-amerikanischen Markt vor ausländischer Billig-Konkurrenz schützen will. Welche Wirkungen hätte das?

Niedermeier: Letztlich wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Mexikos Wachstum wird sicher leiden, das sollten auch Anleger berücksichtigen. Aber wie die neue Politik auf China oder auch auf Russland und Osteuropa wirken wird, ist nur schwer zu prognostizieren.

Welche Anlage-Strategien sind angesichts der (wirtschafts-)politischen Unsicherheit renditeträchtig, ohne sehr ins Risiko zu gehen? Immerhin stehen auch in Europa einige Wahlen an, auch in Deutschland. Und der Brexit nimmt konkrete Formen an…

Niedermeier: Es zeichnet sich ab, dass der Brexit – also der Austritt Großbritanniens aus der EU – eher hart werden wird. Wir rechnen daher im Verlauf der im März beginnenden Verhandlungen eher mit einer weiteren Abwertung des britischen Pfunds und einer anhaltenden Schwäche der britischen Wirtschaft. Hier sollten Anleger also eher Vorsicht walten lassen.

Wir glauben nicht, dass rechte Parteien in europäischen Ländern tatsächlich an die Macht gelangen werden. Es wird aber auch keine fiskalpolitischen Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft durch Infrastrukturprogramme oder Steuersenkungen im großen Umfang, wie in den USA angekündigt, geben.

Und was heißt das für Anleger?

Niedermeier: Aktien gewinnen als Anlageklasse immer weiter an Bedeutung. Bei Rentenpapieren wird es bei guter Bonität weiterhin extrem niedrige Zinsen geben. Wer in Regionen geht, die höhere Zinsen bieten, etwa in die USA, muss mit dem Wechselkursrisiko leben. Wer in Anleihen mit geringerer Bonität geht, etwa im sogenannten High-Yield-Segment, kommt auf höhere Renditen, muss aber mit höheren Ausfallrisiken rechnen. Daher ist gerade hier eine breite Streuung unerlässlich – über Anlageklassen, über Regionen, aber auch innerhalb von Anlageklassen auf viele Papiere, zum Beispiel über Fonds.

Vor einem Jahr haben Sie den Dax zu Jahresende 2016 bei 11.800 Punkten gesehen. Nach einem heftigen Absturz und kräftigen Kursschwankungen das Jahr über haben Sie am Ende nur 300 Punkte zu hoch geschätzt, der Dax stieg um 7 Prozent. Wo sehen Sie deutsche Aktien zum Jahresende?

Niedermeier: Unser Rat, die damals stark fallenden Kurse als Chance für den Einstieg zu nutzen, hat sich im Nachhinein tatsächlich als richtig erwiesen. Dadurch fühlen wir uns in unseren Analysen bestätigt. Wer 2016 bei Niedrigstkursen gekauft hat, konnte im Dax im vergangenen Jahr sogar eine Rendite von fast 25 Prozent erzielen – wobei der ideale Einstiegspunkt natürlich immer schwer zu treffen ist. Nachdem die Kurse im Dezember und Anfang Januar kräftig gestiegen sind, gehen wir für den Rest des Jahres eher von einer Seitwärtsbewegung aus.

Das bedeutet?

Niedermeier: Wir erwarten den Dax am Jahresende bei 11.600 Punkten, also etwa auf gleicher Höhe wie jetzt – allerdings bei einer Schwankungsbreite von 9400 Punkten – für uns ein eher unwahrscheinliches Szenario – bis 12.000 Punkte. Letzteres ist eher wahrscheinlich.

Diese Perspektive würde mich als Anleger nicht gerade beruhigen…

Niedermeier: Die Kursschwankungen könnten in der Tat auch 2017 wieder stark ausfallen. Aktien sind letztlich etwas für langfristig denkende Anleger. Dazu sollten Anleger aber auch die Dividendenrendite von derzeit im Durchschnitt drei Prozent (Dax) bis vier Prozent (Eurostoxx) rechnen. Mit Renten ist das bei guter Bonität nicht zu schaffen.

Die Europäische Zentralbank bleibt bei ihrer Politik des niedrigen Zinses, in den USA geht der Leitzins langsam wieder nach oben. Was bedeutet das für Anleger, die Anleihen halten oder in Rentenfonds engagiert sind?

Niedermeier: Wer jetzt in Rentenfonds, die in deutsche Staatsanleihen gehen, investiert, verbrennt Geld. Auch bei zehnjährigen Staatsanleihen ist derzeit nach Abzug von Inflation und Transaktionskosten nichts mehr zu verdienen. Wer noch Rentenpapiere zum Beispiel mit zwei Prozent Rendite im Portfolio hat, kann diese bis zur Endfälligkeit weiter halten.

Welche Regionen der Weltwirtschaft sehen Sie derzeit mit dem größten Optimismus – und damit auch mit den größten Chancen für Anleger?

Niedermeier: Derzeit sehen wir relativ hohe Chancen auf Kursgewinne bei Aktien in Osteuropa, in den USA und in Japan. Um nicht die Risiken von Einzelwerten tragen zu müssen, empfehlen wir die Auswahl von ein oder zwei guten Fonds für jede Region. Generell sollten Anleger auch regional möglichst breit diversifizieren – und so die Risiken verteilen.

Wenn Sie sich die einzelnen Branchen ansehen: Wo sind hier die größten Wachstumschancen?

Niedermeier: Die Weltwirtschaft wird voraussichtlich in den kommenden Jahren eher stärker wachsen als zuletzt. Tendenziell könnten daher konjunktursensible Branchen profitieren. Aber dieser Effekt wird voraussichtlich nicht sehr stark sein. Der Healthcare-Sektor wird sicher weiterhin wachsen.

Also alles Geld in die Gesundheitswirtschaft, zumal sich Heilberufler gut damit auskennen?

Niedermeier: (lacht) Das wäre aus Gründen der Diversifizierung keine gute Idee! Aber es stimmt schon: Gesundheit bleibt ein spannendes Investmentthema. Gerade der US-Pharmamarkt wird nach den Wahlen weiter größter Absatzmarkt für die Industrie bleiben. Gesundheitssysteme in Schwellenländern werden zunehmend ausgebaut, die Demografie spricht auch für weiteres Wachstum. Insofern ist eine Investition in Fonds mit Gesundheitswerten sicher kein Fehler.

Immobilien haben sich in den vergangenen Jahren vor allem in Ballungszentren stark verteuert. Liegen für Anleger dort weiter Chancen, oder muss man nun doch eine Spekulationsblase fürchten?

Niedermeier: Es gibt durchaus sehr teure Mikrolagen in Ballungsgebieten oder auch in manchen Urlaubsregionen, da würden wir nicht mehr investieren. Es gilt auch, dass es immer schwieriger wird, echte Perlen für Anleger zu finden. Gerade Ärzte und andere Heilberufler müssen auch bedenken, dass sie häufig mit Eigenheim, Praxis und eventuell noch einer Ferienimmobilie bereits einen großen Teil des Vermögens in Immobilien investiert haben. Aber eine Blase für den deutschen Immobilienmarkt sehen wir nicht. Die vielen Wohnungen, die in Ballungszentren wie Berlin, Düsseldorf, München, Frankfurt etc. gebaut werden, werden aufgrund des anhaltend hohen Zuzugs auch dringend gebraucht. Also: Wer nicht blind kauft, sondern sich die Lage genau anschaut, hat bei Immobilien weiterhin Chancen.

Die Deutschen gelten als Sparweltmeister – in schlecht rentierliches Festgeld oder immer noch auf dem Sparbuch. Wie könnte dieses hohe Sicherheitsbewusstsein, das viele Sparer auszeichnet, übergeleitet werden in eine Strategie mit höherer Rendite, aber mit immer noch hohem Sicherheitsniveau?

Niedermeier: Letztlich geht es darum, Anlegern klar zu machen, dass bei guter Streuung des Vermögens über Regionen, Branchen und Anlageklassen ein Rendite-Risiko-Verhältnis erreicht werden kann, das besser ist als das eines Sparbuches. Wenn ich in einem Topf verliere, kann das durch Gewinne in den anderen Töpfen ausgeglichen werden. Je nach Risikobewusstsein sollte ein Anleger sein Depot offensiv, ausgewogen oder defensiv ausrichten. Über Investmentsparpläne kauft man bei niedrigen Kursen mehr, bei hohen Kursen weniger und kann so die Rendite optimieren. Wer dann noch im Blick hat, wann er wie viel Geld braucht, und den Anlagehorizont darauf abstimmt, der kann eigentlich genauso ruhig schlafen wie mit einem Sparbuch.

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