Ärzte Zeitung online, 16.09.2017
 

Compliance-Rating

Dax-30: Probleme und Risiken werden gern unter den Teppich gekehrt

Was Selbstkontrolle und Transparenz betrifft, sehen einer aktuellen Auswertung zufolge auch deutsche Großkonzerne mehrheitlich nicht sonderlich gut aus. Für Anleger ein weiterer Hinweis, dass auch Blue Chips ihre Risiken haben.

BERLIN. Diesel-Gate und Auto-Kartell: Der Wirtschaftsverlag Fuchsbriefe hätte kaum einen besseren Zeitpunkt wählen können, um sein erstmals erstelltes Compliance-Rating der Dax-30-Unternehmen vorzulegen. Ernüchterndes Fazit: Was Problembewusstsein und Risikomanagement betrifft, setzen die Standardwerte keine Standards. "Die Compliance Systeme der Dax-Konzerne sind überwiegend intransparent und zeigen sich aus Sicht eines Investors lückenhaft" , kommentiert Fuchsbriefe- Chefredakteur Ralf Vielhaber. "In puncto Compliance besteht daher ein erhebliches Investitionsrisiko."

Um Missverständnisse zu vermeiden: Untersucht wurde nicht, wie rechtstreu oder ethisch korrekt die deutschen Blue Chips dastehen. Unter die Lupe genommen wurde vielmehr die Qualität ihrer Compliance-Systeme.

Wer nichts sagt, verschweigt

Weil keines der Dax-30 Unternehmen einen diesbezüglichen Fragenkatalog beantworten wollte, recherchierte die Fuchsbriefe-Redaktion schließlich nach öffentlich zugänglichem Material in Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten oder den Untiefen der Firmen-Website. Arbeitshypothese: "Eine fehlende Information besagt, dass eine entsprechende Maßnahme nicht vorhanden oder nicht vorzeigbar ist, aus welchen Gründen auch immer." Konsequenz aus Anlegerperspektive: "Je weniger der Investor über das Compliance-System eines Unternehmens erfährt, desto höher ist sein Anlagerisiko".

Die Gesamtbewertung erfolgte anhand sechs gewichteter Kriterien:

  • mit 15 Prozent ging der Verhaltenskodex ("Code of Conduct") eines Unternehmens in das Ergebnis ein
  • und mit zehn Prozent dessen Lieferantenkodex.
  • Das Compliance-Management-System schlug mit 40 Prozent zu Buche,
  • die Konformität zu den Empfehlungen der "Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex" mit fünf Prozent,
  • zu 20 Prozent die Kommunikation eigener Problemfälle oder anderer Themen, die das Unternehmen in die öffentliche Kritik bringen könnten,
  • sowie mit zehn Prozent die Darstellung und Bewertung des Risikos, gegen Recht und Gesetz oder auch nur gegen die sich selbst auferlegten ethischen Maßstäbe zu verstoßen.

Die Differenz zur höchstmöglichen Punktzahl 100 ergab die Risikokennzahl, die anschließend entsprechend dem Buchstabencode der Ratingagenturen in eine Ratingstufe umgerechnet wurde.

Nur sechs im Grünen Bereich

Am Ende schnitt Siemens als einziger Kandidat mit AA-Rating am besten ab. Wenig überraschend, hatte der Erlangener Technologiekonzern doch mit der Schmiergeldaffäre 2006 "den Compliance Zug in Deutschland erst ins Rollen gebracht", wie es in dem Fuchsbriefe-Report heißt. Nach Strafzahlungen in Milliardenhöhe und einem veritablen Image-Schaden setzte Siemens fortan kompromisslos auf Compliance-Kultur und "gilt bis heute unter den Dax-Konzernen als Musterschüler". Schlusslicht im Fuchsbriefe-Rankings ist mit der Risikokennzahl 78 das Immobilienunternehmen Vonovia, das auf Basis der öffentlich zugänglichen Informationen zu seinen Compliance-Maßnahmen "in fast allen Kategorien durchfällt. Der Verhaltenskodex ist nicht zugänglich, beim Lieferantenkodex fehlen Regeln zu Umweltschutz, Anti-Diskriminierung, Zwangsarbeit, Arbeitssicherheit, Korruption usw. Zum Compliance Management System gibt es nur magere Angaben." Ein Investor, so das vernichtende Urteil, "kann sich fragen, welche Rolle Integrität und Regeltreue bei Vonovia spielen".

Bei lediglich sechs der Dax 30, darunter auch der Pharma-und Chemieriese Bayer, sieht die Fuchsbriefe- Jury unter Compliance-Kriterien nur ein geringes Investitionsrisiko. Im breiten Mittelfeld ("erhöhtes Investitionsrisiko") finden sich weitere Healthcare-Unternehmen, aber auch die Autobauer wieder, bei denen sich "bereits erste Spuren hin zu mehr Transparenz" erkennen ließen. Auffällig sei die "schlechte Platzierung der Finanzbranche", heißt es weiter. Banken, Versicherungen und sogar die Deutsche Börse ballen sich im unteren Drittel des Rankings. (cw)

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